Prozessauftakt

Messerattacke in Lübecker Linienbus – Täter zeigt Reue

Ein halbes Jahr nach der Messerattacke in einem Lübecker Bus steht der Tatverdächtige nun vor Gericht.

Ein halbes Jahr nach der Messerattacke in einem Lübecker Bus steht der Tatverdächtige nun vor Gericht.

Foto: dpa

Angeklagter Ali D. ist schuldunfähig. Er leidet an einer psychischen Erkrankung. Attacke hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt.

Lübeck.  Es war ein schöner Sommertag im Juli, als ein Mann, der eine viel zu warme Jacke trug, in einem Lübecker Linienbus ein Feuer entzündete, auf Fahrgäste einstach und sich danach nahezu widerstandslos festnehmen ließ. Zwölf Menschen wurden verletzt. Am Mittwoch begann der Prozess gegen den Lübecker. Dem 35-Jährigen werden unter anderem versuchter Mord in 48 Fällen sowie besonders schwere Brandstiftung vorgeworfen.

Schon vor Beginn des Verfahrens vor dem Lübecker Landgericht war klar: Ali D. leidet an einer psychischen Erkrankung und ist deshalb schuldunfähig. In dem Verfahren geht es deshalb nicht um eine etwaige Bestrafung des Schuldigen, sondern allein um die Frage, ob der Tatverdächtige in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss.

Imaginäre Angreifer

„Der Beschuldigte sah sich als Opfer einer Verschwörung und fühlte sich spätestens seit April 2018 von Unbekannten durch Laserstrahlen angegriffen“, sagte Staatsanwältin Ann-Sofie Portius am Mittwoch bei der Verlesung der Anklageschrift. Diese Verschwörung habe er beenden wollen. Sein Plan sei es gewesen, einen Bus in Brand zu setzen und alle Insassen durch das Feuer und durch Messerstiche zu töten.

Der im Iran geborene Mann, der seit 1991 in Deutschland lebt, sagt vor Gericht aus, er sei ständig von Unbekannten mit Laserstrahlen beschossen worden, bis seine Haut gebrannt habe. Um sich zu davor zu schützen, trug er auch im Sommer eine dicke Winterjacke und mehrere Schutzbrillen übereinander. „Seit ich in der Psychiatrie bin, brennt meine Haut nicht mehr“, sagt Ali D. Eine psychiatrische Sachverständige war nach der Messerattacke zu dem Ergebnis gekommen, dass er unter paranoider Schizophrenie leidet. Einen Monat nach der Tat war der Mann deshalb in eine psychiatrische Klinik verlegt worden.

Rache für eingebildete Attacken

Und was war das Motiv der Tat? Der Angeklagte bestätigt die Äußerungen der Staatsanwaltschaft und sagt, er habe sich für die Laser-Attacken rächen wollen. „Ich hatte eine solche Wut in mir und wollte den Angreifern einen Denkzettel verpassen.“ Er bittet seine Opfer um Verzeihung. „Es tut mir leid, es wird nicht wieder vorkommen“, sagt der Deutsch-Iraner. „Ich habe Menschen Leid zugefügt. Das war nicht richtig.“

Die Messerattacke hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Ali D. war am 20. Juli 2018 in den Linienbus gestiegen. In seinem Rucksack befanden sich zwei Spiritusflaschen. Eine Zeugin beschrieb die Szene am Mittwoch so: „Ich sah, wie er in dem Rucksack kramte und ihn dann in die Mitte des Gelenkbusses warf. Kurz darauf schossen Flammen aus dem Rucksack“. Auf Aufnahmen der Überwachungskameras aus dem Bus, die vor Gericht abgespielt wurden, ist zu sehen, wie die Fahrgäste in Panik fliehen, um sich vor dem Angreifer in Sicherheit zu bringen. Der stach unter anderem auf einen Niederländer (21) ein, der anschließend nur mit einer Notoperation gerettet werden musste.

Busfahrer reagierte gut

Dass bei der Attacke nicht mehr der 48 Insassen zu Schaden kamen, war wohl unter anderem dem Busfahrer zu verdanken. Er beobachtete im Rückspiegel, dass es einen brennenden Gegenstand im Bus gab. Geistesgegenwärtig stoppte er das voll besetzte Fahrzeug und öffnete die Türen. „Die Passagiere sprangen aus dem Bus und schrien“, berichtete im Juli eine Zeugin. Es sei ein „Gemetzel“ gewesen, sagte ein anderer Zeuge. Viele der Stichverletzungen, die der Täter den Fahrgästen beigebracht hatte, waren zum Glück leichterer Natur. Ali D. konnte schließlich von Fahrgästen überwältigt werden.

Die Rettungskräfte waren mit einem Großaufgebot vor Ort. Das lag zum einen an der hohen Zahl der Verletzten, zum anderen aber auch an der zeitlichen Nähe zu einer Großveranstaltung. Am selben Abend sollte in Travemünde die „Travemünder Woche“ beginnen. Zwar gab es bei Ali D. keinen Hinweis auf eine islamistisch motivierte Tat, allerdings konnte die Polizei das zu jenem frühen Zeitpunkt auch nicht vollkommen ausschließen. Folge: Die Polizei verstärkte die Präsenz auf dem Fest für Segler und Segelfreunde erheblich. Schleswig-Holsteins Innenminister Hans-Joachim Grote sagte nach der Messerattacke seine Teilnahme an der Eröffnung der „Travemünder Woche“ ab und eilte an den Tatort.

Der Prozess wird am 30. Januar fortgesetzt. Mit einem Urteil wird im März gerechnet.