Plage

Wildschweine werden in Norddeutschland zur Gefahr

Immer mehr Wildschweine im Norden:  „Wenn die irgendwo langwollen, kennen sie keine Barrieren“, warnt der Deutsche Jagdverband in Hamburg.

Immer mehr Wildschweine im Norden: „Wenn die irgendwo langwollen, kennen sie keine Barrieren“, warnt der Deutsche Jagdverband in Hamburg.

Foto: Jevtic / Getty Images/iStockphoto

Rotte legt Bahnverkehr bei Hittfeld lahm. Dabei wurde noch nie so viel Schwarzwild erlegt wie in diesem Jahr. Warum es so viele sind.

Hamburg.  Es war kurz nach Mitternacht, als eine Rotte Wildschweine in der Nacht zum Montag bei Hittfeld im Süden Hamburgs auf die Schienen stürmte. Der herannahende Intercity-Zug konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und überfuhr mehrere Tiere. Die Feuerwehr musste mit schwerem Gerät ausrücken, um die Strecke freizuräumen. Dennoch konnte der Zug nicht mehr weiterfahren; die 150 Passagiere wurden mit einem Ersatzzug nach Hamburg gebracht. Die Strecke zwischen Harburg und Buchholz blieb über mehrere Stunden gesperrt.

Kein Einzelfall – der Norden hat zunehmend mit steigenden Wildschweinpopulationen zu kämpfen. Die Wildschweine zu zählen ist sehr schwierig, da sie nicht absolut standorttreu sind. „An den Abschusszahlen kann man jedoch erkennen, dass vielerorts die Bestände höher sind, als gut ist“, sagt Ulf-Peter Schwarz vom Landesjagdverband Mecklenburg-Vorpommern.

Wildschweine im Wohngebiet

Und diese hohen Bestände sorgen häufig für gefährliche Zwischenfälle. Im schleswig-holsteinischen Trittau war Schwarzwild bis in ein Wohngebiet vorgedrungen. Im Ort hatten die Tiere, die in der nahe gelegenen Hahnheide leben, auf einer Rasenfläche die Erde zerwühlt. Im niedersächsischen Bad Salzdethfurt waren in der vergangenen Woche sechs Wildschweine durch die Innenstadt gelaufen, dann zu einem Baumarkt weitergezogen und noch in ein Modegeschäft, bis sie zurück in den Wald liefen.

Was sich lustig anhört, kann dann gefährlich werden, wenn eine Bache – also ein weibliches Wildschwein – Junge hat und aggressiver ist als sonst. „Dann heißt es: Rückzug antreten, aber ohne Panik. Groß machen. Keinesfalls versuchen zu füttern! Schon im Januar, wenn die ersten Frischlinge auf die Welt kommen, verteidigen die Bachen ihre Frischlinge energisch“, sagt Jenifer Calvi von der Deutschen Wildtier Stiftung. Abstand halten und Ruhe bewahren ist dann angesagt.

Wildschweine treten das ganze Jahr über auf, besonders aber zu Erntezeiten, wenn es auf den Feldern reichlich Nahrung gibt. Dabei sind Bahngleise oder Straßen keine Hindernisse. „Wenn die irgendwo langwollen, kennen sie keine Barrieren“, sagt Markus Willen vom Deutschen Jagdverband in Hamburg.

Noch nie wurde so viel Schwarzwild erlegt

In der Hansestadt wurden nach Angaben der zuständigen Wirtschaftsbehörde bislang 272 Wildschweine in diesem Jahr erlegt. Zum Vergleich: 2013 waren es lediglich 76 Tiere. In Mecklenburg-Vorpommern wurden in diesem Jahr 86.000 Wildschweine getötet. Im Jagdjahr 2017/18 haben die Jäger in Deutschland mehr als 820.000 Wildschweine erlegt, das meldet der Deutsche Jagdverband.

Die Strecke, also die Zahl der erlegten Tiere, ist gut 40 Prozent höher als im Vorjahr. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen. Der Deutsche Jagdverband (DJV) betont die Notwendigkeit der Wildschweinjagd. Mit den kontinuierlich steigenden Abschusszahlen hat die Jägerschaft in den vergangenen Jahrzehnten anwachsende Wildschweinbestände zwar reduziert. Mit Blick auf die drohende Afrikanische Schweinepest (ASP) appelliert der DJV an Jäger, noch mehr zu jagen.

Die Schonfrist für Schwarzwild wurde aufgehoben. Außerdem dürfen künstliche Lichtquellen bei der Jagd eingesetzt werden. Susanne Meinecke, Sprecherin der Wirtschaftsbehörde. „Damit soll eine effiziente Bejagung und Reduktion des Schwarzwilds gefördert werden.“ Besonders weibliche Tiere, jünger als zwei Jahre, müssen verstärkt erlegt werden ­– sie tragen mit über 80 Prozent zur Fortpflanzung bei.

Der einzige natürliche Feind ist der Wolf

Grund für die Zunahme sind milde Winter und eiweißhaltige Nahrung durch den Anbau von Mais. „Die Tiere leben bei uns im Schlaraffenland“, sagt Ulf-Peter Schwarz. Das Problem: „Das Eiweiß im Mais sorgt für eine schnellere Geschlechtsreife.“ Geschlechtsreif ist eine Bache mit 25 Kilo. Je mehr Nahrung es gibt, desto schneller erreichen sie dieses Gewicht. „Bachen bringen einmal im Jahr im Januar und Februar ihre Jungen zur Welt“, sagt Willen. Inzwischen gibt es aber auch im Sommer Nachwuchs.

Die Population steigt auch deshalb weiter an, weil durch die milden Winter weniger Frischlinge durch Erfrieren und Hunger sterben. Der einzige natürliche Feind der Wildschweine ist der Wolf. Hinzu kommt laut Jäger Markus Willen, dass in Hamburg mit der Ausweisung von Naturschutzgebieten die Jagd auf Schwarzwild eingeschränkt oder ganz verboten ist. Ein Beispiel ist der Duvenstedter Brook. In Wohngebiete kommen die Tiere auch, weil Flächen mehr und mehr versiegelt werden.