Kiel

„Gorch Fock“: Ehemals Symbol der Marine, jetzt Geisterschiff

Ein Foto aus fast vergessenen Zeiten: Postkartenmotive liefert die „Gorch Fock“ schon lange nicht mehr.

Ein Foto aus fast vergessenen Zeiten: Postkartenmotive liefert die „Gorch Fock“ schon lange nicht mehr.

Foto: picture alliance / Kurt Scholz

Seit drei Jahren in der Werft: Die 135 Millionen Euro teure Sanierung des berühmten Großseglers dauert länger als geplant.

Kiel.  „Die ,Gorch Fock‘ ist für viele Angehörige der Marine als auch für erhebliche Teile der deutschen Bevölkerung das prägnanteste Symbol der Marine“, behauptet das Bundesverteidigungsministerium. Mag sein, dass das so ist. Allerdings ist die „Gorch Fock“ zu einem Geisterschiff geworden – für ein Symbol kein schöner Zustand. Der Großsegler liegt seit fast drei Jahren in der Werft und wird dort auch noch länger bleiben. „Das Schiff wird erst Anfang 2020 fertig sein“, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Dienstag. Ursprünglich hatte es im April 2019 der Marine übergeben werden sollen. Ursache für die Verzögerung seien unter anderem „handwerk­liche und schiffbauliche Fehler“, so der Sprecher. „Insgesamt ist die Komplexität dieser Grundsanierung ein Stück weit unterschätzt worden.“

Der schleswig-holsteinische Bund der Steuerzahler bekräftigte indes seine Kritik an der Millioneninvestition. „Wir haben immer gesagt, dass man dieses Schiff nicht sanieren sollte. Ein Neubau wäre günstiger geworden“, sagte Geschäftsführer Rainer Kersten. Nun seien die Arbeiten allerdings so weit vorangeschritten, dass ein Baustopp sinnlos sei. „Jetzt muss der Staat Geld von der Werft zurückverlangen – da muss man alles tun, was vertraglich möglich ist, wenn Termine nicht eingehalten werden.“

Pleiten, Pech und Pannen bei Reparaturen

Die „Gorch Fock“, das prägnanteste Symbol der Marine, ist derzeit eher ein prägnantes Symbol für Pleiten, Pech und Pannen – und für steigende Kosten. Das 60 Jahre alte Segelschiff hat in den vergangenen Jahren allerhand Geld verschlungen. Jede Reparaturmaßnahme seit 2010 war mit Kostensteigerungen verbunden. Die aktuelle Sanierung ist mit Abstand die teuerste: 135 Millionen Euro soll es kosten, den maroden Segler wieder seetüchtig zu machen.

Viel Geld für ein Schiff, das in den Jahren von 2010 bis 2015 nur zu etwa 70 Prozent einsatzfähig war. Der Rest ging für lange Werftliegezeiten drauf. So ist es der Bundestagsdrucksache 19/2908 zu entnehmen. Mit einer turnusmäßigen Instandsetzung im Jahr 2010 fing das Drama an. 4,9 Millionen Euro sollte sie kosten, am Ende mussten 7,5 Millionen Euro gezahlt werden.

Schlechterer Zustand als erwartet

2012 musste das Schiff erneut in die Werft. Denn bei der Instandsetzung 2010 war ein schwerer Fehler gemacht worden. Der Stahlballast im Rumpf der „Gorch Fock“ war durch Bleiballast ersetzt worden. Allerdings fehlte die Isolierung. Folge: Der Ballast beschädigte den Stahlrumpf der „Gorch Fock“. Die Beseitigung dieser und anderer Schäden wurde teuer. Geplant waren Kosten von rund zwei Millionen Euro, gezahlt wurden 9,6 Millionen Euro. Wer für den Ballastfehler verantwortlich war, wurde nie geklärt. Der Havarie­beauftragte der Marine nahm zwar Ermittlungen auf, aber sie blieben ergebnislos.

Schon ein Jahr später musste das Symbol der Marine erneut in die Werft. Die Folgen der geänderten Lagerung des Ballasts mussten überprüft werden. Rund 427.000 Euro waren eingeplant, 1,2 Millionen Euro kostete es schließlich. Im Januar 2016 folgte der nächste Werftbesuch. Wieder stand eine turnusmäßige Instandsetzung an, mit rund zehn Millionen Euro wurde gerechnet. Doch schnell wurde klar, dass das Schiff in einem viel schlechteren Zustand als erwartet war.

Neues Teakholzdeck

Die Kosten stiegen erst auf 70 Millionen Euro, dann auf 135 Millionen Euro. Unter anderem bekam das Schiff ein komplett neues Teakholzdeck. Zwar war das Deck erst acht Jahre alt und noch in gutem Zustand, aber das Stahldeck darunter rostete – und der Holzbelag darauf konnte „nicht zerstörungsfrei entfernt werden“. Auf der „Gorch Fock“ wird der Führungsnachwuchs der Marine ausgebildet. Die Sanierung des Schiffs ist nach Auskunft des Verteidigungsministeriums wichtig, um den „bruchfreien Erhalt der Fähigkeit Seemännische Berufsausbildung“ zu garantieren.

Allerdings ginge das wohl auch mit weniger Geld. Im vergangenen Jahr wurde ein Teil des Nachwuchses auf dem rumänischen Segelschiff „Mircea“ geschult. Rund 600.000 Euro hat das gekostet. Kleine Hochrechnung: 100 Jahre Ausbildung würden demnach 60 Millionen Euro kosten. Einen „emotionalen Identitätsträger“, einen „Sympathie- und Werbeträger“, wie das Ministerium die „Gorch Fock“ fast schwärmerisch nennt, hätte man dann allerdings nicht mehr.