Ohlsdorf

Kutschpferd geht durch: Fahrgast tot

Bei einem tragischen Unfall auf dem Ohlsdorfer Friedhof stirbt eine 78-Jährige. Weitere Verletzte

Ohlsdorf. Die Eindrücke waren so schockierend, dass mehr als zehn Augenzeugen von einem Notfallseelsorger und vom Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuzes (KIT) betreut werden mussten. Sie hatten einen verheerenden Unfall erlebt – genau dort, wo man wohl am wenigsten damit rechnet: mitten auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Nahe des Verwaltungsgebäudes kostete am Mittwoch eine Kollision zwischen einer Kutsche und einem Pkw einer 78 Jahre alten Frau und einem Pferd das Leben. Mindestens zwei weitere Menschen wurden verletzt, zum Teil schwer.

Gegen 16.20 Uhr waren die Fahrgäste – die Polizei spricht von vier, die Feuerwehr von sieben Insassen – gerade dabei, in die Kutsche einzusteigen, als eines der beiden Pferde plötzlich durchging und das andere und die Kutsche mitriss. Unkontrolliert stürmte das Gespann über den Friedhof, dann kam den Friesenpferden ein Auto mit Stader Kennzeichen entgegen. Bruchteile vor dem Zusammenstoß soll eines der Pferde einen Satz auf die Motorhaube gemacht und dabei auch die Windschutzscheibe beschädigt haben.

Durch die Wucht der Kollision kippte die Kutsche um, zwei Frauen wurden herausgeschleudert und unter der „Ohlsdorfer Parkdroschke“ begraben. Der Feuerwehr, mit 45 Mann vor Ort, gelang es zwar, die auf der Seite liegende Kutsche mit Hubgeräten anzuheben und die eingeklemmten Frauen herauszuziehen. Für eine Betroffene kam jedoch jede Hilfe zu spät. Die 78-Jährige starb noch an der Unfallstelle. Die andere Frau sei nach notärztlicher Versorgung mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert worden, sagte Feuerwehrsprecher Torsten Wesselly.

Warum die Pferde durchgingen, ist noch unklar

Warum das Pferd scheute, ist unklar. Nach Abendblatt-Informationen gehörten die Insassen der Kutsche zu einer Gruppe älterer Sportlerinnen. Ein Teil der Gruppe soll gegen 15 Uhr zu einer ersten Tour über den Friedhof aufgebrochen sein; nach der Fahrt sollte durchgetauscht werden. Ausgestiegene Fahrgäste sollen sich sodann dicht neben die Pferde gestellt, sie möglicherweise auch gestreichelt haben, bevor eines der Tiere durchging. Unklar ist noch, ob sich die Kutscherin in der Kutsche befand. Möglicherweise hatte sie den Fahrgästen noch beim Einsteigen in die Droschke geholfen.

Die weiteren Fahrgäste hätten sich aus eigener Kraft aus der umgestürzten Kutsche retten können. Auch sie seien bei dem Unglück verletzt worden, mutmaßlich aber nicht so schwer, so Wesselly weiter. Die beteiligte Autofahrerin, deren schwarzer Pkw erheblich an der Front beschädigt wurde, sei ebenfalls ins Krankenhaus gebracht worden. Während die Polizei nach ersten Erkenntnissen vier Mitfahrer und zwei verletzte Fahrgäste meldete, sprach die Feuerwehr von sieben Mitfahrern und drei verletzten Insassen.

Verstörende Bilder vom Unfallort dokumentieren das verheerende Ausmaß der Kollision: Eines der beiden verletzten Pferde stand noch lange nach dem Unfall in einer riesigen Blutlache. Ein alarmierter Veterinär habe nach Sichtung der Tiere entschieden, dass eines der Zugpferde, die Stute Stine, nicht mehr zu retten sei – sie wurde noch an Ort und Stelle eingeschläfert. „Es handelte sich um einen hochdramatischen Einsatz für die Verletzten, aber auch für die Einsatzkräfte“, sagte Wesselly. Die beteiligten Feuerwehrleute sollten in einer Einsatz-Nachbereitung die Gelegenheit bekommen, auch über ihre Erlebnisse zu sprechen.

Ebenfalls im Einsatz war das Kriseninterventionsteam, das etliche geschockte Zeugen betreute. Mit einem 3-D-Laserscanner vermaßen Experten der Polizei unterdessen den Unfallort. „Wir sind erschüttert und fassungslos, dass so etwas passieren konnte“, sagte Lutz Rehberg, Sprecher des Ohlsdorfer Friedhofs, dem Abendblatt. „Niemand hätte sich vorstellen können, dass eine Kutschfahrt in einer so furchtbaren Katastrophe enden würde.“

Die Ohlsdorfer Parkdroschke bietet seit April vergangenen Jahres Kutschfahrten über den Parkfriedhof an. Mal im Schritt, mal im Trab führt die Tour unter anderem an geschmückten Gräbern und historischen Kapellen vorbei. Auf den gepolsterten Bänken finden bis zu 15 Fahrgäste Platz. Die Kutscherin, eine 54-Jährige aus Sasel, hat 2009 den Kutschenführerschein gemacht.