Schleswig

Schleiregion sagt Plastik den Kampf an

Der Spezialkatamaran mit einer Siebvorrichtung sollte den Sommer über die Plastikpartikel auf der Schlei einsammeln – doch in den vergangenen Wochen gerieten viele junge Fische in das Sieb

Der Spezialkatamaran mit einer Siebvorrichtung sollte den Sommer über die Plastikpartikel auf der Schlei einsammeln – doch in den vergangenen Wochen gerieten viele junge Fische in das Sieb

Foto: picture alliance

Touristik GmbH zieht Konsequenz aus Umweltskandal und erarbeitet einen Maßnahmenkatalog. Reinigung bis August unterbrochen.

Schleswig.  Etwas Gutes hat die Verschmutzung der Schlei mit Mikroplastik, die im Februar bekannt und öffentlich wurde: Die Region soll plastikärmer werden. Die Ostseefjord Schlei Touristik GmbH erarbeitet dazu gerade einen Maßnahmenkatalog. Unterdessen laufen die Reinigungsarbeiten in dem Gewässer nur auf Sparflamme.

Der Spezialkatamaran mit einer Siebvorrichtung, den die Stadtwerke Schleswig für 40.000 Euro bauen ließen, sollte den Sommer über auf der Schlei Plastikpartikel einsammeln. Die Vorrichtung konnte die nur zwei mal zwei Zentimeter großen Partikel, die über die Kläranlage in den Meeresarm gelangt waren, aufsammeln. Doch in den vergangenen Wochen gerieten viele junge Fische in das Sieb. Um die Fischbrut zu schonen, bleibt das Schiff vorerst bis August im Hafen. „Das ist mit der zuständigen Kreisverwaltung so abgesprochen“, sagt Wolfgang Schoofs, Werksleiter der Schleswiger Stadtwerke Abwasserentsorgung.

Staatsanwaltschaft Flensburg ermittelt

Dennoch würden immer noch Plastikpartikel aus dem Wasser entfernt werden, nur nicht mehr im großen Stil. „Wir finden noch vereinzelt Plastik, vor allem in der Inneren Schlei, das liegt an den Strömungs- und Windverhältnissen“, sagt Schoofs. Wird Plastik gefunden, werde dieses innerhalb von ein bis zwei Tagen beseitigt. Das seien allerdings keine ganzen Lkw-Ladungen mehr wie noch im März, sondern eher Schubkarren, die mit Plastik und noch mehr Schilfresten gefüllt würden. Schoofs: „Der Plastikbefall ist übersichtlich.“

Wie berichtet, stammen die Plastikteilchen aus geschredderten Speiseresten, die dem Faulschlamm im Klärwerk untergemischt wurden mit dem Ziel, daraus Energie zu gewinnen. Von November 2016 bis Anfang Februar dieses Jahres sind so 488 Kilogramm zerkleinertes Kunststoff in die Lebensmittelreste gemischt worden. Im Februar hatten die Stadtwerke die Annahme der verunreinigten Speisereste dann gestoppt. Die Staatsanwaltschaft Flensburg ermittelt wegen des Verdachts der Gewässerverunreinigung und hat bei den Stadtwerken und dem Unternehmen, das die Speisereste an die Kläranlage geliefert hatte, Unterlagen beschlagnahmt.

Stadtwerke haben Gutachten in Auftrag gegeben

Die Stadtwerke haben auch ein Gutachten in Auftrag gegeben, das am 25. Juli bei der Tagung des städtischen Werksausschusses vorgestellt werden soll. Vom 26. Juli an ist das Gutachten unter www.aktion-schlei.de für jeden zu lesen. Das Gutachten soll klären, wie das Plastik überhaupt über einen so langen Zeitraum den Sandfilter passieren und ins Wasser gelangen konnte.

Wie groß die Auswirkungen dieses Umweltskandals auf den Tourismus in der beliebten Ferienregion sein würden, war Anfang des Jahres noch nicht absehbar. Doch so schlimm wie befürchtet scheint es nicht zu sein. Max Triphaus, Geschäftsführer der Ostseefjord Schlei GmbH: „Uns sind keine Stornierungen wegen der Plastikverunreinigung bekannt.“ Ganz im Gegenteil: Die Region hat laut Triphaus in der Vorsaison Mai und Juni bei den Übernachtungszahlen noch zugelegt und kann ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen.

Keine Auswirkung auf den Tourismus

Mehr als 3,5 Millionen Übernachtungsgäste jährlich zählt die Region zwischen Schleswig und der Ostsee, dazu kommen noch einmal 3,5 Millionen Tagesgäste im Jahr. „Wir sind erleichtert, dass es keine Auswirkungen auf den Tourismus gibt“, so Triphaus. Das liegt wohl auch daran, dass das Mikroplastik mit bloßem Auge kaum zu sehen ist. Also keine Plastikteile auf der Wasseroberfläche treiben.

Und doch führt diese Umwelt­katastrophe zum Umdenken: „Wir wollen eine plastikarme Region werden“, so Triphaus. Vorbild ist dabei die Nordseeinsel Föhr. Dort sind inzwischen mehr als 50 Ferienunterkünfte plastikarm und mit einem entsprechenden Signet ausgezeichnet. „Plastikfrei wird Trend“ heißt das Modellprojekt auf der nordfriesischen Insel. An der Schlei sind bereits 30 Gastgeber als Nachhaltigkeitsbetriebe zertifiziert, nun will die Ostseefjord Tourismus GmbH alle 600 organisierten Betriebe für die Plastikproblematik sensibilisieren, mit einer Reihe von Maßnahmen, wie zum Beispiel Jutebeutel zum Einkaufen einheitlich gestalten und zur Verfügung stellen, sodass auf Plastiktüten verzichtet werden kann.

Trinkflaschen und Brotdosen könnten den Vermietern und ihren Gästen mit an die Hand gegeben werden, um Müll zu vermeiden. „Die Gastgeber sollen noch mehr mit offenen Augen durch ihre Betriebe laufen und unter anderem schauen: Ist die Seife mikroplastikfrei?“, so Triphaus. Solche Sachen würden jetzt angeschoben werden. „Wir wollen das Bewusstsein verändern.“