RAF-Terror

Der blutige Schusswechsel von Bad Kleinen

Polizisten suchen zwischen den Gleisen des Bahnhofs Bad Kleinen nach verwertbaren Spuren des Anti-Terror-Einsatzes

Polizisten suchen zwischen den Gleisen des Bahnhofs Bad Kleinen nach verwertbaren Spuren des Anti-Terror-Einsatzes

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd Wüstneck / picture-alliance / dpa

1993 wurden bei einem Anti-Terror-Einsatz ein RAF-Mann und ein Beamter getötet. Linke Politiker und Medien machten Täter zum Opfer.

Das Bild wirkt harmlos, die Szene friedlich, doch die Lage ist hochexplosiv: Das Pärchen im Billard-Café gehört zur RAF. Die jungen Männer in Jeans und T-Shirts sind Elitekämpfer der GSG 9. Vor 25 Jahren, am 27. Juni 1993 um 15.15 Uhr, endet die Fahndung nach den Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams auf dem Bahnhof Bad Kleinen in einem blutigen Schusswechsel.

Zwei Männer sterben, eine böse Legende wird geboren, und für eine Hamburger Familie beginnt ein Martyrium: Ihr Sohn verliert im Dienst sein Leben und wird danach auch noch als Mitglied einer „Killertruppe“ verfemt.

Seit einem Vierteljahrhundert hält sich in der linken Szene hartnäckig die Überzeugung, der damals 40 Jahre alte, seit Langem gesuchte Terrorist Grams sei auf den Gleisen von Häschern hingerichtet worden.

Täter werden zu Helden verklärt

Befeuert auch von Ermittlungspannen und falschen Zeugen, vor allem aber von politisch motivierten Anschuldigungen aus Parteien und Medien erneuert sich an jenem Sonntag in dem mecklenburgischen Provinznest das von der RAF schon seit den 70er-Jahren propagierte Bild eines düsteren Polizeistaats mit mörderischen Schergen.

Die Methode wirkt bis heute: Täter werden zu Helden verklärt, Opfer als Handlanger eines „Schweinesystems“ beschimpft. Selbst in der aufgeklärten Öffentlichkeit setzt sich erst spät die Erkenntnis durch: Der angebliche Polizei- ist in Wirklichkeit ein Medienskandal.

Hogefeld rutscht nach Demonstrationen gegen den Einsatz amerikanischer Truppen in Vietnam in die linksextremistische Szene ab. 1984 geht sie in den Untergrund. Die Sicherheitsbehörden rechnen ihr mehrere Morde und Bombenanschläge etwa auf eine US-Kaserne bei Frankfurt zu.

Grams, seit dieser Zeit ihr Lebenspartner, ist bei der Ermordung des damaligen Treuhand-Chefs Detlev Karsten Rohwedder im April 1991 dabei: Am Tatort wird später ein Haar von ihm gefunden. Beide zählen zur „Kommandoebene“ der dritten RAF-Generation.

Über einen V-Mann kommt die Polizei dem Pärchen auf die Spur. Für die Festnahme wird das ruhige Bad Kleinen ausgewählt. Kurz vor 13 Uhr trifft Hogefeld mit dem Zug aus Wismar ein. Eine Stunde später taucht auch Grams auf.

Im Billard-Café zwischen den Bahnsteigen 2 und 3 sagen sie der Kellnerin: „Es kommt noch jemand.“ Es ist der ­V-Mann „Klaus“. Er erscheint um 14.30 Uhr. Die drei bestellen Wiener Würstchen, Würzfleisch und überbackenen Camembert.

Der Vorwurf lautete, Grams sei vom Staat hingerichtet worden

Um 15.15 Uhr verlassen sie das Lokal. In Abständen von jeweils zehn Metern gehen sie in Richtung Ausgang. Auf den 29 Metern bis zur Bahnhofstreppe schauen sie sich immer wieder um. Dann steigen sie die 23 Stufen hinunter. Zu diesem Zeitpunkt wird der Bahnhof bereits seit 48 Stunden von bis zu 54 Beamten überwacht. Elf Polizisten von GSG 9 und Bundeskriminalamt sind zur Festnahme eingeteilt.

Als Erste wird Hogefeld gepackt. „Polizei, Polizei!“, schreit sie. Grams rennt sofort die Treppe hinauf. Zwei GSG-9-Beamte stürzen hinterher. Grams dreht sich um und feuert. Eine Kugel aus seiner Pistole Brenner 75 Standard 9 Millimeter Parabellum trifft den 25 Jahre alten Grenzschutzbeamten Michael Newrzella tödlich. Kollegen hören seine letzten Worte: „Ich sterbe.“

Nun schießen auch die Polizisten. Vier Kugeln treffen den Mörder. Gerichtsmediziner der Universität Lübeck stellen später zwei Steckschüsse im Bauch, einen Streifschuss am Bauch und einen Schuss in die rechte Schläfe fest. Diese letzte Kugel stammt aus seiner eigenen Waffe.

Ärzte eilen dem Sterbenden zu Hilfe. Ein Helikopter bringt Grams nach Lübeck in die Notfallaufnahme. Um 17.30 erliegt er der schweren Kopfverletzung.

Gerücht der "Liquidierung" macht die Runde

Kurz darauf rollt eine Kampagne an, wie sie die Republik seit den RAF-Selbstmorden vom Oktober 1977 in Stammheim nicht mehr erlebte. Damals verbreiteten Sympathisanten der Baader-Meinhof-Bande aus Politik und Medien das Gerücht, die inhaftierten Terroristen seien „liquidiert“ worden. Der gleiche Vorwurf wird auch jetzt gestreut, vom ARD-Magazin „Monitor“ über den „Spiegel“ bis zur „Zeit“: Ein GSG-9-Beamter habe aus Rache für den erschossenen Kollegen dem angeschossenen, bereits wehrlosen Grams dessen eigene Pistole an den Kopf gehalten und abgedrückt.

Polizei und Staatsanwalt haben Wochen und Monate alle Hände voll zu tun, bis es ihnen endlich gelingt, das schlimme Gerücht mit einer minutiösen Beweisführung Stück für Stück zu widerlegen. Grams hat sich in auswegloser Lage selbst umgebracht.

Doch inzwischen ist das Gift längst in viele aufnahmewillige Köpfe gedrungen. Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) tritt zurück. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl wird entlassen. Die Eltern und der Bruder des toten Terroristen setzen alles daran, den Selbstmord zum Mord zu machen. Anwälte, Schriftsteller, Filmemacher und Punkrocker halten den Mythos am Leben, wärmen die alten Lügen immer wieder auf.

Spießrutenlauf für die Eltern des getöteten Beamten

Auch der tote Polizist wird dabei nicht vergessen: „Ihr habt die Drecksau zwar begraben“, drohte ein RAF-Sympathisant nach der Beerdigung, „aber wir buddeln sie wieder aus und schmeißen sie auf den Müll!“

Für die Eltern, den Hamburger Postbeamten Peter Newrzella und seine Ehefrau Susanne, beginnt ein Spießrutenlauf. Nicht nur mitleidige, auch böse Blicke folgen ihnen bis in ihren roten Klinkerbau. „Sie können ja nichts für Ihren Sohn“, sagt eine Friseurin zur Mutter. Der Vater kann nicht mehr arbeiten und geht vorzeitig in den Ruhestand. „Wir haben nur noch wenige Kontakte“, sagt seine Frau Jahre später. „Wir stören hier die Ruhe.“

Besonders schlimm trifft sie, was sie immer wieder in den Medien hinnehmen muss: die Gleichsetzung ihres Sohnes mit dem Mörder nach dem Motto „zwei Opfer des gleichen Systems“.

Täterin Hogefeld bekommt 1994 für RAF-Morde und Attentate mit insgesamt fünf Todesopfern „lebenslänglich“, aber keine Strafe für ihre Mitschuld am Tod von Michael Newrzella. Im Juni 2011 wird sie auf Bewährung entlassen. Über ihre Verbrechen schweigt sie bis heute.