Henstedt-Ulzburg

2400 Bauherren betrogen

Warum Ex-Chefs der Firma IBG-Haus Haftstrafen bekommen – und was das mit einem Ulzburger zu tun hat

Henstedt-Ulzburg. Manfred Sellhorns Kapitänshaus in Henstedt-Ulzburg ist acht Jahre nach dem Baubeginn immer noch nicht ganz fertig. Die drei Männer, die dafür verantwortlich sind, werden nun aus ihren Häusern ausziehen müssen: Sie wandern ins Gefängnis. Das Landgericht Kiel hat am Montag einen ersten juristischen Schlussstrich unter die Insolvenz der Büdelsdorfer Baufirma IBG-Haus gezogen.

Ein Ex-Geschäftsführer des Unternehmens muss wegen Steuerhinterziehung in neun Fällen drei Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Einen weiteren Geschäftsführer verurteilte die Wirtschaftsstrafkammer zu vier Jahren Gefängnis. Er wurde auch wegen Untreue in drei Fällen schuldig gesprochen. Der frühere Steuerberater der Firma muss dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Ihn sprachen die Richter wegen Umsatzsteuerhinterziehung in 20 Fällen sowie Beihilfe zur Untreue und Betrugs schuldig. Die Höhe der Hinterziehung bezifferte das Gericht auf rund acht Millionen Euro. Die Kammer ordnete an, dass beim Steuerberater rund 870.000 Euro eingezogen werden sollen. Die beiden Ex-Geschäftsführer sind in Privatinsolvenz.

Unklar ist noch, ob das Urteil sofort rechtskräftig wird. Die Verteidiger der Ex-Geschäftsführer kündigten Revision an. Über die müsste der Bundesgerichtshof entscheiden. „Wir sind der Auffassung, dass die Strafkammer den Sachverhalt falsch bewertet hat“, sagt Verteidiger Malte Cordes. Die IBG-Pleite hinterließ bundesweit 2400 Geschädigte und Ansprüche in Höhe von rund 120 Millionen Euro.

In dieser Summe stecken auch rund 60.000 Euro drin, die eigentlich Manfred Sellhorn gehören. Er hat sich mittlerweile damit abgefunden, das Geld nicht wiederzubekommen. „Das wird nichts mehr“, sagt er. Er habe mit dem Thema abgeschlossen. Der heute 54-Jährige hatte sich 2010 entschlossen, das marode Elternhaus am Milanweg in Ulzburg-Süd abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Freunde empfahlen ihm die Firma IBG-Haus. Die Firma hatte damals einen guten Ruf. Aber sie hatte auch, wie man heute weiß, schon damals
finanzielle Probleme.

250.000 Euro sollte das Haus kosten, ein halbes Jahr Bauzeit wurden vertraglich garantiert. Nichts davon wurde wahr. Mal waren Handwerker da, mal nicht. Der Fliesenleger hinterließ ein unvollendetes Werk. Die Fassadenverblendung war schadhaft und musste wieder entfernt werden. Eine Mauer musste wieder eingerissen werden. In Büdelsdorf war für Sellhorn telefonisch niemand zu erreichen. Eines Tages fuhr er hin, nur um endlich mal jemanden von den Verantwortlichen zu sprechen. Im September 2011 kamen immerhin beruhigende Briefe vom Geschäftsführer P. Man habe nun ein Konzept gefunden, um alle Bauvorhaben so schnell wie möglich fertigzustellen, schrieb der Mann, den das Landgericht Kiel am Montag zu drei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilte.

Nach diesem Schreiben passierte auf der Baustelle am Milanweg nicht etwa mehr, sondern noch weniger. Im November 2012 war die IBG-Haus dann endgültig zahlungsunfähig. Ein Insolvenzverwalter übernahm in Büdelsdorf das Ruder.

Aus dem Bauherrn Manfred Sellhorn wurde notgedrungen ein Bauarbeiter. „Zum Glück habe ich ja mal das Maurerhandwerk erlernt“, sagt er. In Eigenregie zog er sein Eigenheim hoch – mit viel Eigenarbeit und ein paar Handwerkern, die er von Fall zu Fall hinzuzog. Irgendwann Ende 2013 zog er ein – nach fast dreieinhalb Jahren Bauzeit. Fertig ist immer noch nicht alles. „Die Garage fehlt, ein paar andere Dinge auch noch“, sagt er. Ist eben so. „Ich wohne gern in dem Haus“, sagt Sellhorn.

Der Prozess gegen die Männer, die nun ins Gefängnis umziehen müssen, begann im Oktober 2017. Die Anklage lautete im Wesentlichen auf „gewerbs- und bandenmäßige Untreue und Steuerhinterziehung“ in Millionenhöhe. Unter anderem hatten die drei Angeklagten eine Firma gegründet, die der IBG-Haus Versicherungen vermittelte und für diesen Service eine saftige Gebühr kassierte. 40 Verhandlungstermine wurden angesetzt, demnach hätte der Prozess bis in den Juni hinein dauern können. Das Verfahren verlief weitgehend störungsfrei, sodass die Urteile schon jetzt gesprochen werden konnten.

Manfred Sellhorn ist nicht im Gerichtssaal gewesen. Die Strafen sind, so findet er, zu niedrig ausgefallen. „Selbst das Doppelte wäre noch zu wenig“, sagt der Mann, der ein Traumhaus bauen wollte und einen Albtraum erlebte: „Man schleppt das ein Leben lang mit sich rum.“