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Gottesdienst im Zeichen des Skandals

Feier des Weissen Rings wird überschattet durch die Missbrauchsfälle in Lübeck

hamburg. Hans-Jürgen Kamp machte aus seiner persönlichen Betroffenheit keinen Hehl. „Um so entsetzter bin ich – sind wir – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Weissen Rings in Hamburg, wenn derart unvorstellbare Vorwürfe bekannt werden, wie sie in den letzten Tagen aus dem Landesverband Schleswig-Holstein zu hören waren“, begrüßte der Vorstand des Landesverbands am Donnerstagabend die Gäste des Gottesdiensts in der Hauptkirche St. Jacobi.

Bereits zum achten Mal bat der Weisse Ring Hamburg zu diesem Gottesdienst am Tag der Kriminalitätsopfer, der jedes Jahr am 22. März begangen wird. Die Vorzeichen waren nach dem Skandal um die Missbrauchsvorwürfe gegen den ehemaligen Leiter der Außenstelle Lübeck indes nie schwieriger. Wie berichtet, soll der 73-Jährige seit Jahren mindestens zwölf Frauen in Beratungsgesprächen sexuell belästigt und genötigt habe. Außerdem soll er Opfern von Sexualstraftaten geraten haben, bei finanziellen Problemen als Prostituierte zu arbeiten.

Der Bundesvorstand erhob inzwischen schwere Vorwürfe gegen den Landesverband Schleswig-Holstein, der zu spät auf die Anschuldigungen reagiert habe. Die Spitze des Landesverbands trat inzwischen zurück. Der Leiter, ein pensionierter Polizeibeamter, ist seit November nicht mehr für den Weissen Ring tätig. Er streitet die Vorwürfe ab, hat inzwischen Anzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede gestellt.

„Vertrauen ist die Grundlage unserer Arbeit, es ist beschädigt worden. Es muss alles getan werden, es wieder herzustellen“, appellierte Kamp. Den Gottesdienst feierte Bischöfin Kirsten Fehrs, die musikalische Gestaltung übernahm der Hamburger Sänger Stefan Gwildis.

Unterdessen hat der Bundesvorstand bei einer Krisensitzung in Mainz Konsequenzen gezogen. So dürfen weibliche Opfer von Sexualdelikten im Erstgespräch nur noch von einer Opferhelferin betreut werden. Ist dies nicht möglich, greift automatisch ein Sechs-Augen-Prinzip, sodass dann mindestens zwei Opferhelfer dabei sind. Verbessert wird auch das Beschwerdemanagement der Organisation. Künftig soll sich ein unabhängiger Ansprechpartner um die Beschwerden kümmern.

Um die Fälle in Lübeck kümmert sich Petra Klein, Leiterin der Außenstelle Oldenburg. Unter der Telefonnummer 0151/55164597 können sich Betroffene melden. „Schreckliche Ereignisse wie in Lübeck, bei denen Hilfesuchende erneut zu Opfern geworden sind, dürfen sich nicht wiederholen“, sagt Roswitha Müller Piepenkötter, Bundesvorsitzende des Weissen Rings.