Kiel

Ein Datenschutzexperte wird im Norden zum Umweltminister

Robert Habeck (l) auf einer Pressekonferenz neben Jan Philipp Albrecht

Robert Habeck (l) auf einer Pressekonferenz neben Jan Philipp Albrecht

Foto: dpa

Personalentscheidung der Grünen in Schleswig-Holstein: EU-Abgeordneter Jan Philipp Albrecht soll Nachfolger von Robert Habeck werden.

Kiel.  Schleswig-Holsteins Grüne haben am Wochenende die Zeit nach Robert Habeck eingeläutet. Der Mann, der die Partei lange Zeit dominiert hat, der für sie Wahlen gewonnen hat, der als Landwirtschafts- und Umweltmi­nister beeindruckt hat und nun Bundesvorsitzender ist, wird von Jan Philipp Albrecht ersetzt. „Ich mag das Land“, sagte Albrecht (35) am Sonnabend bei seiner Vorstellung in Kiel. Der Europaabgeordnete soll im September Habecks Ministerposten übernehmen.

Der für die Nachfolge ursprünglich favorisierte Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz hätte den Job wohl haben können, entschied sich letztlich aber für die Bundeshauptstadt. Auch in Berlin waren viele Grüne der Ansicht, auf den profilierten Innenpolitiker und stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden nicht verzichten zu können. Also kam Albrecht ins Spiel. Der gebürtige Niedersachse ist seit neun Jahren Europaabgeordneter, lebt mit Frau und Kind in Brüssel.

Prächtige Laune

Bei den Grünen war die Laune am Sonnabend prächtig. „Die Freude ist grenzenlos, denn wir holen eines der größten Talente aus dem EU-Parlament in den Norden“, sagte der Grünen-Landesvorsitzende Steffen Regis. Und Monika Heinold, die Finanzministerin, schob hinterher: „Ich bin mir sicher, dass wir beide ein starkes Team abgeben.“

Albrecht hat sich allerdings bisher, ähnlich wie Konstantin von Notz, mit Natur, Umwelt und Landwirtschaft kaum beschäftigt. Notz ist Innen- und Rechtsexperte. Albrecht sagte am Sonnabend: „Mein Herzensthema ist Digitalisierung. Ich bin EU-Berichterstatter für die Datenschutzgrundverordnung.“ Zwar ist das Habeck-Ministerium auch für Digitalisierung zuständig, aber Umweltschutz und Landwirtschaft stehen zweifellos im Zentrum. „Ich werde viel lernen müssen“, sagte Albrecht deshalb. Die Landwirtschaft wird nun gewissermaßen zum Experimentierfeld der Grünen.

"Optimaler Nachfolger“

Auch Grünen-Chef Robert Habeck lobte Albrecht. „Er ist ein optimaler Nachfolger“, sagte er. „Besser hätte man es sich nicht wünschen können. Ganz Schleswig-Holstein kann sich auf ihn freuen.“ Er gehe die Aufgabe mit Respekt und großer Motivation an, sagte Albrecht. „Ich bin nicht die Kopie von ihm“, meinte er auf die Frage nach Habeck. Eka von Kalben, Fraktionsvorsitzende der Grünen, sagte: „Wir erwarten keinen neuen Robert Habeck, sondern einen tollen Jan Philipp Albrecht.“ Grünen-Finanzministerin Monika Heinold wertete die Entscheidung für Albrecht als weitere Festigung für Jamaika.

Im Hinblick auf das Regierungsbündnis aus CDU, Grünen und FDP sagte Albrecht: „Ich bin ein großer Fan von diesem Projekt.“ Der Jurist vertritt seit 2009 die Grünen aus Schleswig-Holstein und Hamburg im Europäischen Parlament. Er betonte die vielen Bezüge in der Landwirtschafts-, Klima- und Naturschutzpolitik zwischen dem Land und Europa. „Viele Themen meines Ministeriums sind mit EU-Recht verbunden“, sagte er. Er kenne Schleswig-Holstein ganz gut, habe dort viele Wahlkämpfe geführt. Außerdem seien die Grünen in Schleswig-Holstein „ein toller Landesverband“.

"Hohe fachliche Kompetenz"

Er freue sich sehr auf die Zusammenarbeit im Kabinett, erklärte Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). „Es ist ein gutes Zeichen, dass jemand von der europäischen Ebene mit seinen Kontakten und dieser hohen fachlichen Kompetenz dieses wichtige Amt übernimmt. Es ist von ihm zu erwarten, dass er den pragmatischen Kurs von Robert Habeck fortsetzt und dabei seine Vorstellung einbringt, wie er sich die Landwirtschaftspolitik der Zukunft vorstellt.“ Die Jamaika-Koalition habe sich auf die Fahnen geschrieben, die Landwirtschaftspolitik gemeinsam im Dialog mit den Landwirten zu machen. „Das hat Robert Habeck in den letzten Monaten klasse gemacht.“ Er hoffe, dass das so weitergehe. „Von daher glaube ich, können die Landwirte in Schleswig-Holstein von Jan Philipp Albrecht viel Positives erwarten.“

Der SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Ralf Stegner gratulierte Albrecht­ und bot ihm eine gute Zusammenarbeit an. Er erwarte vor allem neue Impulse im Bereich der Digitalisierung.

Der 35-Jährige hat Frau und einen zweieinhalbjährigen Sohn. Albrechts Spezialthemen waren bisher die Innen- und Justizpolitik, dabei vor allem das Datenschutzrecht, die Polizeipolitik und der Rechtsextremismus. Im EU-Parlament ist er aktuell digital-, innen- und justizpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. Bei den Grünen engagiert sich Jan Philipp Albrecht seit 1999.

Gebürtiger Braunschweiger

Der gebürtige Braunschweiger, der in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen ist, hat von 2003 bis 2008 in Bremen, Brüssel und Berlin Jura studiert – mit dem Schwerpunkt Europa- und Völkerrecht. Er stammt aus einer Familie mit deutsch-französischen Wurzeln. Albrecht ist Mitglied des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli und Gründungsmitglied des Instituts Solidarische Moderne.

Er tritt in große Fußstapfen. Robert Habeck hat auf dem für Grüne schwierigen Feld der Landwirtschaft zumindest für eine Befriedung gesorgt. Kompromissbereitschaft und eine gewisse Überzeugungsfähigkeit haben den 48-Jährigen in relativ kurzer Zeit zu einer Stütze der Grünen im Norden werden lassen. Zuletzt hatte die Partei sogar im Landtagswahlkampf 2017 mit ihm geworben – obwohl er nicht auf der Landesliste stand und somit nicht wählbar war. „Mit Habeck fürs Land“, lautete der Slogan auf den Wahlplakaten.

Nach der Landtagswahl schwenkten die Grünen auf Habecks Geheiß vom alten Koalitionspartner SPD auf den neuen Partner CDU um. Der 48-Jährige setzte voll auf „Jamaika“ und versuchte, auch im Bund ein solches Bündnis zu schmieden. Als das scheiterte, bewarb er sich für den Posten des Bundesvorsitzenden der Grünen. Im Januar wurde er gewählt – und die Delegierten billigten ihm sogar eine Übergangszeit für die Ausübung seines Ministeramts zu. Diese acht Monate sollen nun voll ausgeschöpft werden. Albrecht will das Ministeramt nach der Sommerpause übernehmen.