Tribsees

Das Rätsel des gigantischen Lochs in der Autobahn 20

Bagger stehen bereit, um den Straßendamm auf dem zerstörten Teilstück der Autobahn 20 bei Tribsees abzutragen. Die Reparatur der Autobahn wird noch Jahre dauern

Bagger stehen bereit, um den Straßendamm auf dem zerstörten Teilstück der Autobahn 20 bei Tribsees abzutragen. Die Reparatur der Autobahn wird noch Jahre dauern

Foto: Stefan Sauer / dpa

In Mecklenburg-Vorpommern sackt die A 20 ab. Jetzt wird ein Damm abgetragen, um die Ursachen ergründen zu können.

Schwerin/Tribsees.  Die Autobahn sieht aus, als sei sie von einer Riesenfaust zerschlagen worden. Verbogene Leitplanken, Betonbrocken, die schräg in die Höhe ragen, darunter tiefe Sandgruben: Auf einem mittlerweile fast 100 Meter langen Abschnitt bei Tribsees zwischen Rostock und Greifswald ist die A 20 nur noch ein Scherbenhaufen. Die komplizierte Reparatur wird wohl bis 2021 dauern. Die ersten Vorarbeiten haben jetzt begonnen.

Die Probleme sind so groß, dass sich auch die Pläne zum Bau einer provisorischen Behelfsbrücke zerschlagen haben, die an der Bruchstelle vorbeiführen sollte. Der Grund für den ganzen Schlamassel ist offenbar die Gründung. Die Autobahn führt in diesem Bereich durch das Naturschutzgebiet Trebeltal. 60.000 bis 80.000 Mörtelsäulen wurden dort ins Erdreich getrieben, darauf liegt die Fahrbahn. Diese Art der Gründung gibt es nur an dieser Stelle. Offenbar spielte der Naturschutz bei der Auswahl eine Rolle.

Langsdorf ist berühmt geworden

Die A 20 macht in diesem Bereich schon seit Längerem Probleme. 2005 wurde sie fertiggestellt, 2014 wurden dort „erste Fahrbahnschäden in Form von Setzungen festgestellt“, berichtet das Landesverkehrsministerium. Ende 2016 wurden sie repariert, es waren nur leichte Schäden. Aber es ging weiter. Im Juni 2017 gab es weitere Absackungen. Im September musste die Fahrbahn Richtung Westen gesperrt werden. Im Oktober sackte die Fahrbahn komplett weg, die Autobahn war in beiden Richtungen nicht mehr zu benutzen. Im Januar versank dann auch die Fahrbahn Richtung Osten.

Seitdem quält sich der Verkehr mit Tempo 30 über eine Umleitungsstrecke, die dem ansonsten in keiner Hinsicht bemerkenswerten Flecken Langsdorf zu einer gewissen Berühmtheit verholfen hat. Seitdem rätselt das Land, was da passiert sein könnte.

Vorzeigeprojekt der Deges

Schon bald kamen die Experten auf die Idee, dass es an der Gründungs­methode liegen könnte. Das war damals, beim Bau der Ostseeautobahn, durchaus etwas gewesen, auf das die Straßenplaner stolz waren. Die Planungen stammen von der Deges, der Deutschen Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH. Das staatseigene Unternehmen ist auch in Schleswig-Holstein tätig und plant dort den Weiterbau der A 20.

Die Autobahn ist das Vorzeigeprojekt der Deges. In einer Firmendokumentation aus dem Jahr 2005 ist in Bezug auf das Trebeltal von „innovativen Verfahren“ der Gründung die Rede, die „umweltschonend“ seien, um „den Eingriff in den Talraum möglichst gering zu halten“. Die Bruchstelle wurde mithilfe von rund 18 Zentimeter starken „Trockenmörtelsäulen“ gegründet. „Bei diesem Verfahren“, heißt es weiter, „wird mit einer lafettengeführten Endlosschnecke ein Gemisch aus Sand und Zement in den Untergrund eingebracht. Diese Säule bindet durch Erdfeuchte und Grundwasser ab und es entsteht eine verfestigte Säule.“ Das klingt wenig stabil, ein Experte sprach gar von einer „Autobahn auf Salzstangen“.

„Innovative“ Trockenmörtelsäulen

Der Landesverkehrsminister Christian Pegel (SPD) ging gegenüber der „Ostsee-Zeitung“ sogar noch einen Schritt weiter und stellte Gründungskonzept und -ausführung gleich komplett infrage. „Bisher wissen wir noch nicht einmal, ob sich das, was auf den Bauplänen verzeichnet ist, auch wirklich unter der A 20 befindet“, sagte er.

In der Tat hat man im Bereich der Absackungen zwar ganz gezielt nach den „innovativen“ Trockenmörtelsäulen gesucht, aber noch keine einzige gefunden. Vom Zustand der Säulen hängt letztlich ab, ob dieser Abschnitt der Autobahn neu gegründet werden muss oder ob die umweltschonenden „Salzstangen“ in irgendeiner Form zumindest zum Teil geeignet sind, auch in Zukunft eine Autobahn zu tragen.

Die Deges bestreitet unterdessen, dass die Säulen für den „Grundbruch“ auf der Autobahn bei Tribsees verantwortlich sein könnten. Das Verfahren sei dort zwar „erstmals in extrem weichen Böden“ angewendet worden, aber es sei zuvor getestet worden. „Direkt im Trebeltal wurden Testfelder aufgebaut“, sagte ein Deges-Sprecher.

Zehn Meter starke Torfschicht

Schwierig ist der Untergrund allemal. Die weggebrochene Stelle liegt auf einer bis zu zehn Meter starken Torfschicht. Ein aufgeschütteter Damm führt die Autobahn dort auf die Trebeltalbrücke. Dieser Damm ist rund 800 Meter lang – und muss nun weg. „Wir werden ihn komplett abtragen“, sagt Katharina Henkel, die Sprecherin des Verkehrsministeriums. „Danach können wir gucken, ob wir darunter Trockenmörtelsäulen finden.“

Die Planungen für die Autobahnreparatur sind gerade europaweit ausgeschrieben worden. Zugleich will das Land nun versuchen, die Umleitung ein bisschen komfortabler zu gestalten. Die Tourismusorte an der Küste fürchten, dass sich die verzögerte Anfahrt negativ bemerkbar machen könnte. Denn wer vom Westen aus nach Rügen oder Usedom will, muss den Umweg über Langsdorf in Kauf nehmen.

Ist die A 20 eine Pannenautobahn?

Das ist ärgerlich. Aber auf der Internetseite des Ministeriums findet sich Trost. Dort werden Fragen zur Bruchstelle beantwortet. Ist die A 20 eine Pannenautobahn? „Nein“, antwortet das Ministerium, „der überwiegende Teil der Arbeiten, die an der A 20 durchgeführt wurden und werden, sind planmäßige Instandhaltungsarbeiten.“