Kiel/Hamburg

Pannen: Verkehrsminister macht Druck

Bernd Buchholz droht der Deutschen Bahn mit Strafzahlungen wegen immer neuer Defekte an Waggons und Loks

Kiel/Hamburg.  Bernd Buchholz ist sauer. Seit Juni ist er Verkehrsminister in Schleswig-Holstein – und muss sich immer wieder mit Problemen im Bahnverkehr beschäftigen. Das nervt – und mündete jetzt in einen ministerieller Wutausbruch. „Ich bin einfach nicht mehr bereit, das zu akzeptieren“, sagte der FDP-Politiker. Man müsse nun wohl die „Daumenschrauben“ anlegen und über „Sanktionsmöglichkeiten“ nachdenken: „Wir werden jetzt rigoroser vorgehen.“

Was war geschehen? Am Dienstag waren sechs der 13 nagelneuen Triebwagenzüge der Firma Bombardier defekt – und das nur wenige Wochen nach ihrem ersten Einsatz. Die pro Stück zehn Millionen Euro teuren Züge vom Typ ET 445, auch „Twindexx Vario“ genannt, sollten die Fahrzeit zwischen Hamburg und Kiel um sieben Minuten senken und außerdem das lästige Umsteigen in Neumünster überflüssig machen. Eine seit Langem versprochene Verbesserung im Nahverkehr. Bombardier hatte das neue Material eigentlich schon 2014 liefern sollen, konnte es wegen diverser Schwierigkeiten aber erst drei Jahre später, Ende 2017. Und nun das! Sieben der neuen Züge mussten gleich wieder in die Werkstatt. Kein Wunder, wenn Buchholz nun sagt: „Man wird sauer, wenn man den Eindruck gewinnt, dass die Beteiligten nicht ordentlich nach vorn arbeiten.“

Die Beteiligten, das sind für Buchholz die Firma Bombardier und die Deutsche Bahn (DB) mit ihren diversen Teilorganisationen. Der Hersteller und die Deutsche Bahn arbeiten jetzt daran, die Schäden zu beheben. „Rund um die Uhr“, sagt DB-Sprecher Egbert Meyer-Lovis. „Wir haben unsere Service-Technik aufgestockt, dasselbe hat Bombardier getan.“ Ergebnis: Gestern waren nur noch vier Züge in der Werkstatt.

Die Fahrtechnik ist offenbar in Ordnung. Aber der Bordcomputer spielt immer wieder verrückt. „Mal funktioniert die Heizung nicht, mal zeigt der Computer an, dass die Türen nicht geschlossen sind, obwohl das Gegenteil richtig ist“, sagt Dennis Fiedel, Sprecher von nah.sh. Das landeseigene Unternehmen organisiert den Nahverkehr in Schleswig-Holstein. Dieser Nahverkehr kommt immer öfter zum Erliegen, und immer öfter liegt es an der Technik. Im November 2016 wurden bei den ebenfalls fast neuen Waggons, die auf der Linie Hamburg–Westerland eingesetzt wurden, rätselhafte Kupplungsschäden festgestellt. Der Verkehr auf der Strecke musste für mehrere Tage eingestellt werden. Die Deutsche Bahn suchte in ganz Deutschland Waggons zusammen, auch solche, die eigentlich schon auf dem Abstellgleis standen, um einen Ersatzbetrieb zu organisieren. Die Strecke wurde zu einem fahrenden Bahnmuseum. Verspätungen häuften sich. Erst nach einem Jahr waren die Kupplungen repariert und die Waggons wieder im Einsatz.

Noch immer nicht ganz behoben sind die Probleme, die die ebenfalls auf der Marschbahn-Strecke verkehrenden Dieselloks bereiten. Sie stammen vom selben Hersteller wie die elektrischen Triebwagenzüge: von Bombardier.

Die 15 Loks sind seit 2015 im Einsatz, seit 2016 gibt es Probleme. Immer wieder überhitzen Dieselmotoren, dann muss die Lok gestoppt werden. Die Bombardier-Fahrzeuge werden nicht von einem großen Motor angetrieben, sondern von vier kleinen. Es sind Motoren, die auch in Baumaschinen, zum Beispiel in Baggern, verwendet werden. Das wirkt wie ein Rückgriff auf bewährte Technik. Allerdings sind Baumaschinen-Motoren längst nicht einer so hohen Dauerbelastung ausgesetzt wie Lok-Motoren. Möglicherweisen ist das die Ursache für die Überhitzungen.

Um das Problem zu beseitigen, müssen die Loks aufwendig überholt werden. Diese „Rollkur“ ist auch jetzt, rund anderthalb Jahre nach Auftreten der Überhitzungen, noch nicht beendet. „Alle Loks werden voraussichtlich bis zum Sommer überarbeitet sein“, sagt Dennis Fiedel von nah.sh.

Noch viel länger wartet man im Verkehrsministerium auf die von der DB-Tochter Station und Service zugesagte Verlängerung der Bahnsteige in Niebüll und Westerland. „Seit viereinhalb Jahren kriegen die das nicht fertig“, sagt Verkehrsminister Buchholz.

All das mag dazu geführt haben, dass Buchholz nun die Zügel anziehen will. „Ich erwarte kurzfristig von der DB Regio einen konkreten Bericht über die Umsetzung des Sieben-Punkte-Plans, der im November vorgestellt wurde“, sagt er. „Abhängig vom Ergebnis dieses Berichts stehen Strafzahlungen im Raum.“ Zu den sieben Punkten gehören unter anderem die Bahnsteigverlängerung und der Einsatz von zusätzlichen Wagen und Lokomotiven.

Bei Bombardier spricht man von „nicht sicherheitsrelevanten Kinderkrankheiten“ des ET 445. „Solche Pro­bleme sind nicht außergewöhnlich“, sagt Sprecher Andreas Dienemann. „Wir sind optimistisch, dass wir das in den kommenden Wochen ausgeräumt haben.“