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Pflegegutachter klagen über Belastung

MDK-Mitarbeiter erklären, Arbeit sei nicht mehr zu schaffen. Streit auch vor Gericht

hamburg. Das dreiseitige Schreiben ist eine einzige Anklage. Mit einem anonymen Brief, gerichtet an mehrere Redaktionen, darunter auch an das Abendblatt, klagen Pflegegutachter über eine nicht mehr hinnehmbare Arbeitsbelastung. Aus Furcht vor arbeitsrechtlichen Folgen wollen die Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) Nord ihre Namen nicht nennen.

„Die Situation ist nicht mehr zumutbar. Unter Pflegegutachtern herrscht ein Zustand der Angst, Verzweiflung und Resignation“, heißt es in dem Brief.

Anlass ist eine Erhöhung der Gutachten, die jeder Mitarbeiter pro Woche im Schnitt zu erledigen hat. Zu Jahresbeginn hatte die Geschäftsführung diese Zahl vorübergehend von 23 auf 20 reduziert. Denn mit der Pflegereform hatte der Gesetzgeber das System und damit die Begutachtung verändert: Statt drei Pflegestufen gibt es nun fünf Pflege­grade. Seit Anfang November gilt nun wieder die alte Regelung mit 23 Gutachten pro Woche – aus Sicht der Chef­etage sei der Zeitraum von zehn Monaten für die interne Umstellung aus­reichend gewesen.

Die Mitarbeiter sehen dies in dem anonymen Schreiben anders, mehrere haben Überlastungsanzeigen gemacht. Bereits 20 Gutachten pro Woche seien nach der Reform kaum noch zu schaffen, da sich die Zahl der Fragen bei jeder Begutachtung von 52 auf 78 erhöht habe. Die neue Vorgabe werde sich auf die Begutachtung auswirken: „Fehler und Fehleinschätzungen können passieren.“

Vor allem gegen diesen Vorwurf wehrt sich MDK-Sprecher Jan Gömer entschieden: „Alle Begutachtungen werden mit der nötigen Sorgfalt ausgeführt.“ Er ist überzeugt, dass nur „einige wenige“ der insgesamt 118 Pflegegutachter den Brief unterschrieben haben: „Die weitaus überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter bewältigt das Pensum ohne Probleme.“ Auch Gutachter in anderen MDK würden dies schaffen – der MDK Nord ist zuständig für Hamburg und Schleswig-Holstein. Zudem sei der Job familienfreundlich.

Personalrat hat einstweilige Verfügung beantragt

Die Gutachter könnten von daheim zu den Antragstellern fahren, in der Regel seien sie gegen 14 Uhr wieder zu Hause. „Dann können sich unsere Mitarbeiter die Zeit frei einteilen, etwa sich zunächst um die Familie kümmern, um anschließend die Arbeit an den Gutachten fortzusetzen.“ Im Übrigen werde ein großer Teil der Schreibarbeit beim Gespräch mit dem Klienten erledigt: „Die Mitarbeiter geben die Antworten direkt in den Laptop ein.“ Zudem habe der MDK 40 neue Gutachter eingestellt.

Reichlich Stoff also für interne Diskussionen – und für den anstehenden Termin vor Gericht. Der Personalrat will beim Hamburger Verwaltungsgericht per einstweiliger Verfügung durchsetzen, dass die Erhöhung wieder zurückgenommen wird.