Ohlendorf

Kämpferischer Auftritt von Althusmann mit der Kanzlerin

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Frank Ilse
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schnuppert an einem Kressekissen, das sie als Geschenk bekommen hat. CDU-Spitzenkandidat
Bernd Althusmann (l.) freut sich sichtlich

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schnuppert an einem Kressekissen, das sie als Geschenk bekommen hat. CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann (l.) freut sich sichtlich

Foto: dpa

Niedersachsens CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann lässt sich in Harburg feiern. Dabei setzt er sonst eher auf die leisen Töne.

Ohlendorf.  Der Weg zur Kanzlerin führt durch den Matsch. Vom Besucherparkplatz bis zur Lagerhalle des Gemüseproduzenten Behr sind es knapp zehn Minuten Fußweg über den Acker. Doch die mehr als 1000 Menschen, die gekommen sind, um Angela Merkel zu erleben, ficht das nicht an. Sie freuen sich auf eine Stunde mit der Regierungschefin und sind Lehm an den Schuhen ohnehin gewohnt. Die Veranstaltung der CDU ist etwas außerhalb von Ohlendorf, Landkreis Harburg, vor den Toren Hamburgs. Es ist der Wahlkreis 51 Seevetal, der Wahlkreis des Spitzenkandidaten der CDU im Landtagswahlkampf, Bernd Althusmann.

Umfragen: Kopf-an-Kopf-Rennen

Der ist natürlich schon vor der Kanzlerin da. Den Menschen in seinem Wahlkreis ruft er gut gelaunt zu: „Ich will in den Landkreis ziehen. Ich fühle mich so sauwohl hier. Herzlichen Dank, dass ihr mich alle so toll unterstützt.“ Ich bin einer von euch, ist die Botschaft. Das ist beileibe nicht selbstverständlich. Schließlich kommt Althusmann eigentlich aus Lüneburg. Und die Jahre von 2013 bis 2016 verbrachte er in Namibia, als Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Windhoek. Dass Angela Merkel Anfang Oktober immer noch im Wahlkampfmodus läuft, statt sich voll um Koalitions­gespräche in Berlin zu kümmern, hat bekanntlich mit der ehemals Grünen-Abgeordneten Elke Twesten zu tun, die durch ihren Übertritt zur CDU der fragilen Koalition aus SPD und Grünen in Niedersachsen mal eben den Garaus machte.

Althusmann gibt sich kämpferisch

Dass die Kanzlerin hier im ländlichen Ohlendorf für Bernd Althusmann wirbt, ist für viele ebenso überraschend. Immerhin hatte es den Anschein, als habe der 50 Jahre alte Lüneburger seine politische Laufbahn schon hinter sich. Die Abwahl der CDU-geführten Landesregierung unter David McAllister 2013 besiegelte auch das politische Schicksal Althusmanns, der als Ex-Kultusminister ohne Landtagsmandat als Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung nach Namibia ins Exil zog. Weiter weg von Hannover und der Macht geht es kaum. Ende einer Politikkarriere mit 47 Jahren.

Jetzt ist er wieder da, als Spitzenkandidat. Und er gibt sich kämpferisch. „Die bisherige Landesregierung hat wenig bis nichts geleistet“, ruft er in die Halle. „Dieses Land hat großes Potenzial, aber es wird schlecht regiert. Ich werde die noch verbleibenden 80 Stunden bis zur Öffnung der Wahllokale dafür kämpfen, dass Niedersachsen eine CDU-geführte Regierung bekommt. Gewinnt die SPD, gibt es Rot-Rot-Grün.“

Mit 27 Jahren zum ersten Mal im Landtag

Die Kanzlerin kommt sehr pünktlich. Um 16.54 betritt sie die Halle und wird von den Fans – so muss man es nennen – stehend und frenetisch begrüßt. Althusmann strahlt. Jeffrey Soederblom, der 24 Jahre alte Musiker mit schwedischen und afrikanischen Wurzeln, präsentiert den Althusmann-Song. Die Kanzlerin klatscht mit im Takt. In ihrer Rede betont sie die Bedeutung Niedersachsens für die Bundespolitik: „Ich möchte ein Niedersachsen haben, das sich an der Bewältigung der großen Probleme aktiv beteiligt.“ Die Zustimmung im Publikum ist ihr gewiss.

Auch der Kandidat hält eine leidenschaftliche Rede. Dabei sind es eigentlich eher die leisen Töne, die Bernd Althusmann­ bevorzugt. Er gibt nicht gern die Rampensau. Der ehemalige Bundeswehr-Offizier gilt als ruhiger und beharrlicher Arbeiter mit großem Detailwissen. Tatsächlich sind es vor allem zwei Eigenschaften, die bei jeder Begegnung mit Bernd Althusmann auffallen: Er ist ausgesprochen höflich, und er hört aufmerksam zu.

Angriff ist für ihn kein Fremdwort

„Zuhören – verstehen – dann einfach machen“ lautet das Motto des Spitzenkandidaten im Wahlkampf. So ist Althusmann auf Plakaten zu sehen, und so sieht er sich auch selber. Doch wenn es darauf ankommt, wie im Fernseh­duell mit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), kann der CDU-Frontmann problemlos auf Angriff schalten.

Angriff ist für den in Oldenburg geborenen Pastorensohn kein Fremdwort. Immerhin hat er nach dem Abitur in Lüneburg zunächst eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr eingeschlagen. Panzertruppe – für das Lüneburg der 80er-Jahre wahrlich keine ungewöhnliche Wahl. Damals gab es dort deutlich mehr Panzer und Kasernen als Studierende. Sein Studium hat Althusmann an der Bundeswehr-Universität in Hamburg absolviert, sie heißt heute „Helmut Schmidt“, im Fachbereich Pädagogik, Berufs- und Betriebspädagogik.

Ein Studium der Betriebswirtschaftslehre hat er noch draufgesattelt. Seine Promotion in dem Fach war umstritten und wurde öffentlich diskutiert. Doch schließlich ließ sich ein Plagiats-vorwurf nicht aufrechterhalten. Althusmann behielt seinen Doktortitel. Da hatte der Offizier schon die politische Laufbahn eingeschlagen. Mit nur 27 Jahren zog er in den Landtag ein.

Seine uneitle Art der Fraktionsarbeit, seine als Offizier bereits im frühen Jahren geschulte Entscheidungsfreude und seine Fähigkeiten als Netzwerker ließen den Lüneburger schnell in die Fraktionsspitze aufsteigen. Er wurde Geschäftsführer unter dem ebenfalls jungen Fraktionschef McAllister. Beide hielten sie Ministerpräsident Christian Wulff den Rücken frei. McAllister als der charismatische Redner, und Althusmann als der ruhige und in der Sache stets klare Geschäftsführer.

Politische Basis in der südlichen Metropolregion

Sein Wechsel in das Kultusressort, zunächst als Staatssekretär und dann als Minister, brachte Bernd Althusmann viel Anerkennung über alle Fraktionsgrenzen hinaus. Er gilt bis heute als der Minister, der wieder Ordnung und politische Linie in das schwierige Ressort gebracht hat, und als geistiger Vater der Oberschule in Niedersachsen, in der die Klassen 5 bis 10 zusammengefasst sind, je nach Schulstandort mit oder ohne gymnasialem Zweig.

Seine politische Basis liegt im südlichen Hamburger Umland. In Lüneburg, wo er in zweiter Ehe verheiratet auch persönlich stark verwurzelt ist, und in den Nachbarlandkreisen. Und hier will Althusmann­ bleiben. „Ein Ministerpräsident aus dem Landkreis Harburg hat die Probleme dieser Region einfach besser im Blick“, sagt er in Ohlendorf. Die Menschen in der Halle bei Behr hat er überzeugt. Die Kanzlerin auch. Ob es am Sonntag um 18 Uhr für einen Regierungsauftrag reicht, wird sich zeigen.

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