Abendblatt-Test

Abenteuer Elektroauto – die Angst fährt mit

Startbereit: Abendblatt-Reporterin Hanna-Lotte Mikuteit testet die Altagstauglichkeit eines Elektro-Wagens

Startbereit: Abendblatt-Reporterin Hanna-Lotte Mikuteit testet die Altagstauglichkeit eines Elektro-Wagens

Foto: Andreas Laible

Der BMW i3 im Test zwischen Wismar, Hamburg und Cuxhaven. 36 Stunden unter Strom – das sind die Ergebnisse.

Hamburg. Es gibt sie wirklich, diese Blicke. Von fasziniert bis mitleidig, auf jeden Fall neugierig. Wenn man plötzlich in einem knubbelig-futuristischen BMWi3 sitzt statt in einem mehr als zehn Jahre alten Dieselkombi, muss man sich erst mal daran gewöhnen. Und das ist nicht das Einzige. Normalerweise ist es keine große Sache, eine Spritztour durch Norddeutschland zu machen. Wenn der (Miet-)Wagen aber mit Strom fährt, wird eine Abenteuerreise daraus. Dinge wie Leistung, Höchstgeschwindigkeit oder die schnellste Route interessieren plötzlich eher weniger. Dafür stellen sich ungewohnte Fragen: Was ist, wenn der Strom alle ist? Wo gibt es E-Tankstellen? Braucht man spezielle Kabel? Wie weit kommt man überhaupt? Und: Was hilft gegen Reichweitenangst?

400 Freikilometer am Tag

Los geht’s an einem eher grauen Maimorgen. Bei Abholung an der Mietwagen-Station am Hamburger Flughafen werden schnell die Herausforderungen für die geplante Fahrt deutlich. Zwar beinhaltet der Vertrag 400 Freikilometer pro Tag, aber die Batterie des gemieteten Modells hat gerade mal eine realistische Reichweite von 160 Kilometern, wie der Mitarbeiter bei einer Einweisung erklärt. Und: Das Kabel unter der Frontklappe taugt nur für eine normale Steckdose mit 16 Ampere (3,4 Kilowatt). Das kann entscheidend sein, weil eine komplette Aufladung bis zu zwölf Stunden dauert. Ein Schnellladekabel Typ 2 (32 Ampere/22 kW, etwa 300 Euro) stellt der Mietwagenanbieter nicht bereit, aber es ist an einigen ­E-Tankstellen fest installiert. Das sollte man also einplanen. Für eine Umkehr ist es ohnehin zu spät. Die Stoppuhr für die Reise durch vier Bundesländer auf den Spuren der Hanse läuft: 36 Stunden ständig unter Strom.

Etappe 1: Hamburg – Wismar

Der Radius für die erste Etappe lässt sich auf dem Reichweitenanzeiger ablesen: 160 Kilometer. Das sollte für die Etwa-140-Kilometer-Strecke bis Wismar reichen. Zum Start in die Zukunft der Mobilität reicht es, den Startknopf zu drücken. Ein leises Surren ist zu hören. Den Hebel auf D wie Drive umstellen, das Fahrpedal treten, und der Wagen rollt sanft Richtung Autobahn. An der Ampel reicht dank einer Leistung von 170 PS eine kurze Beschleunigung, der Fahrer auf der Nebenspur ist abgehängt und guckt überrascht. Das fängt ja gut an, und ganz ohne schlechtes Umweltgewissen. Die Ernüchterung folgt, als sich die Reichweite im Berufsverkehr im rasanten Sinkflug bewegt. Hatte der Mitarbeiter der Mietwagen-Firma nicht etwas von Stromsparmodus erzählt? Tatsächlich bringt das Umschalten einige Kilometer – die Anzeige steht wieder bei 145 Kilometern. Entspannung.

Zumindest kurz. Das, was inzwischen als neues Wort in der deutschen Sprache Eingang gefunden hat, stellt sich schon auf der Autobahnfahrt Richtung Osten trotz peinlich eingehaltenen Tempos 120 schnell wieder ein: die Reichweitenangst. Auf Höhe der Raststätte Schöneberger Land, nach 90 Kilometern Fahrt, ist die Anzeige bei 60 Kilometern. Das würde für die 55 Kilometer nach Wismar reichen, aber es könnte knapp werden. Vielleicht gibt es auf dem Rastplatz neben den Benzin-, Super- und Diesel-Tanksäulen irgendwo versteckt eine für Strom? Fehlanzeige. „Nee, haben wir hier nicht“, sagt eine Mitarbeiterin. Da ist er, dieser Blick – dieses Mal mitleidig. Aber, und das ist die gute Nachricht, im wenige Kilometer entfernten Grevesmühlen haben die örtlichen Stadtwerke gerade eine neue Ladesäule aufgestellt.

Drei Stunden Ladezeit

Der Umweg beträgt wenige Kilometer. Glück gehabt, der Anschluss mit integriertem Schnellladekabel ist nicht belegt. Trotzdem: drei Stunden Ladezeit, im trostlosen Gewerbegebiet. Immerhin gibt es in der Nähe einen Discounter mit Kaffeeausschank. Nach zwei Stunden ist die Geduld aufgebraucht. Mit nicht ganz geladener Batterie geht es weiter nach Wismar. Ankunft dort kurz vor 14 Uhr, fünf Stunden nach dem Start in Hamburg. Normal sind knapp zwei.

Während die E-Auto-Branche weltweit Schub bekommt, lässt der Durchbruch in Deutschland auf sich warten. Allerdings zeigt die staatliche Kaufprämie erste Wirkung. In den ersten vier Monaten registrierte das Kraftfahrt-Bundesamt 6473 Neuzulassungen von E-Autos – eine Steigerung im dreistelligen Prozentbereich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch in Hamburg wächst die Zahl der E-Autos, wenn auch langsam. So wurden 2016 gerade mal 358 neu zugelassen. In den ersten vier Monaten 2017 waren es immerhin 117.

Ankommen hat plötzlich eine ganz neue Dimension. Schon nach kurzer Recherche über Smartphone-Apps wie ChargeMap und das Stromtankstellen-Verzeichnis von GoingElectric wird klar: Die Entscheidung, in Grevesmühlen zu tanken, war richtig. Zwar bietet das Hotel Alter Speicher im Hinterhof in der Wismarer Altstadt eine Ladestelle, aber die ist für Hausgäste gedacht. Notfälle ausgenommen. „Das Angebot an Stromtankstellen ist stark entwicklungsbedürftig“, sagt Hotelchefin Svenja Preuss. Während eines Stadtrundgangs lädt der i3 für fünf Euro Strom.

Etappe 2: Wismar – Lübeck

Danach geht es mit 186 Kilometern auf der Reichweitenanzeige ins knapp 70 Kilometer entfernte Lübeck. Es beginnt zu regnen. Ohne Scheibenwischer, Licht und Lüftung geht es nicht. Bei der Ankunft sind noch 120 Kilometer Reichweite übrig. Gar nicht schlecht, aber für die nächste Etappe zur Westküste knapp. Also muss während der Besichtigung von Holstentor und Co. eine Ladesäule her. Gesucht, endlich auf dem Parkplatz vor der Musik- und Konzerthalle (MuK) gefunden. Leider ist ein Anschluss besetzt, der zweite zugeparkt. Dazu kommt eine weitere Lerneinheit: Der Stromanbieter verlangt eine spezielle Karte für die Abrechnung. Die hat man natürlich nicht, wenn man aus Hamburg kommt. Jetzt wird es brenzlig. Es ist 18 Uhr, und es sind erst 208 Kilometer geschafft.

Gespräch im Wohnzimmer

Retter in der Stromnot ist Werner Hagel. Der Rentner aus Klein Parin in der Gemeinde Stockelsdorf bietet laut E-Tankstellen-App einen privaten Ladepunkt. Der Umweg lohnt sich. Hagel, begeisterter E-Mobilist, ist sogar bereit, sein Auto abzudocken. Während der i3 Strom tankt, laden er und seine Frau Sabine ins Wohnzimmer. Dort rechnet der 65-Jährige vor, dass sein E-Auto gerade mal vier Euro auf 100 Kilometer verbraucht. Trotzdem hat Hagel einiges zu kritisieren. „Es kann doch nicht sein, dass für jede Region andere Abrechnungsverfahren gelten“, sagt er und zieht diverse Tankkarten aus der Geldbörse. Und noch etwas stört ihn. „Man hat das Gefühl, die deutsche Autoindustrie will gar keine Elektroautos bauen.“ Er fährt Renault.

Tatsächlich bietet bislang nur US-Autobauer Tesla eine funktionierende Ladeinfrastruktur für lange Fahrten. Für alle anderen heißt es, den Flickenteppich der Anbieter zu durchschauen. Immerhin kommt der Ausbau der Ladesäulen nach jahrelangem Stocken in Fahrt. Seit März 2016 wurden der Bundesnetzagentur 1900 neue öffentliche Ladepunkte gemeldet. Schwierig ist es auf dem Land, aber auch Städte wie Hamburg blieben bislang hinter den Ansprüchen zurück. Statt versprochener 600 Ladesäulen gab es Ende 2016 gerade halb so viele. Das soll sich ändern: Zwölf neue Ladestellen pro Woche will Stromnetz Hamburg errichten. Und eine weitere gute Nachricht gibt es: Die Autohersteller BMW, Daimler, Ford und der VW-Konzern planen ultraschnelle Ladestationen entlang der europäischen Hauptverkehrsachsen. Der Raststättenbetreiber Tank & Rast will zudem an allen Tank- und Rastanlagen Schnellladesäulen installieren, an denen gleichzeitig zwei Autos Strom tanken können.

Etappe 3: Lübeck – St. Margarethen

Klingt gut, hilft an diesem Maiabend aber nicht. Der nächste Streckenabschnitt ist eine echte Herausforderung. Um die Nacht nicht ungenutzt zu lassen, ist ein Hotel mit Lademöglichkeit erste Wahl. So eins wie der Margarethenhof in St. Margarethen im Kreis Steinburg. Die 110-Kilometer-Strecke führt quer durch Schleswig-Holstein. Und schon bei der Abfahrt ist klar: Es wird ein Rennen gegen den Ladestand – und ein echter Fall von Reichweitenangst. Mit einem rechnerischen Plus von gerade mal fünf Kilometern geht es im strömenden Regen los. Die Heizung wird abgeschaltet. Das Radio als weiterer Stromfresser auch. Immerhin kann man über die Landstraßen sowieso nicht schneller als Tempo 90 fahren. Das schont die Batterie. Im Dunkel der heraufziehenden Nacht tauchen Tankstellen wie rettende Oasen auf. Ein Trugbild. Inzwischen klebt der Blick auf den Zahlen, die die Reichweite und Distanz zum Ziel anzeigen. Die Differenz ist auf zwei Kilometer geschmolzen. Das muss reichen. Und dann kurz vor dem Ziel: Der kleine Benzin-Motor, ein ­„Range Extender“, springt plötzlich an. Das hat, wie sich später herausstellt, technische Gründe, die Batterie darf nicht komplett leer gefahren werden.

Etappe 4: St. Margarethen – Cuxhaven

Um 22 Uhr ist das auch schon fast egal. Und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass das Auto während der Nachtruhe aufgeladen wird. Nach zehn Stunden stehen am Morgen wieder 183 Kilometer zur Verfügung. Insgesamt sind 332,6 Kilometer geschafft. Nach Cuxhaven sind es dank Elbfähre in Glückstadt nur knapp 80 Kilometer. Allerdings gibt es wegen einer Straßensperrung eine Umleitung. Was normalerweise ein kurzes Schulterzucken hervorruft, wird zum Stromfresser. Nächstes Ziel ist das Autohaus Manikowski in Cuxhaven. Der VW-Händler hat eine E-Tankstelle – eine langsame. Besser als nichts, für die Tour über Stade zurück nach Hamburg bis zum Abend dauert es allerdings zu lange. Jürgen Burmeister ist für den Verkauf der E-Autos zuständig. So richtig gut, sagt er, läuft das Geschäft trotz neuer Modelle noch nicht.

E-Autos sind in der Anschaffung immer noch teurer als Benzin- oder Dieselfahrzeuge. Dass unter 20.000 Euro nichts geht, hängt mit den hohen Kosten für die Batterie zusammen. Der Grundpreis für den neuen VW E-Golf etwa liegt bei 35.900 Euro. Zum Vergleich: Einen Golf mit Verbrennungsmotor gibt es ab 20.000 Euro. Die großen Hersteller haben inzwischen milliardenschwere Investitionen in die Entwicklung angekündigt.

Bei der Suche nach einer Schnellladesäule in Cuxhaven kippt die Stimmung wieder. Nein, es ist keine Reichweitenangst, sondern eher Ärger. Die Schnellladesäulen des Energielieferanten EWE lassen sich zwar auch per Kreditkarte abrechnen, aber die notwendigen Kabel fehlen. Statt am Schloss Ritzebüttel zu spazieren, geht die Fahrt in den Ortsteil Sahlenburg. Dort betreibt die Familie Rausch das Hotel Wattenkieker. Und hat eine per Crowdfunding finanzierte E-Tankstelle im Hof. Kurz darauf hängt der i3 am Strom, zum ersten Mal mit einer schnellen Ladekapazität von 43 Kilowatt. Man glaubt nicht, wie man sich darüber freuen kann.


Etappe 5: Cuxhaven – Stade – Hamburg

Angesichts von gut 200 Kilometern auf dem Reichweitenanzeiger kann man alle Vorsicht fahren lassen – für ein paar Kilometer den Stromsparmodus abschalten und aufs Gaspedal treten. 80 Kilometer sind es bis nach Stade. Und noch mal 60 zur Mietwagen-Rückgabe am Flughafen. Und als das Stader Tourismusbüro keine Lademöglichkeit in der Stadt anbieten kann, ist das nur ein müdes Lächeln wert. Es reicht ja auch so.

Nach 36 Stunden und 508 Kilometern fühlt es sich fast wie eine Leerstelle an, das Elektroauto wieder abzugeben. Keine Routenplanung mehr nötig, kein ängstlicher Blick auf die Reichweite, aber auch das Pioniergefühl ist weg. So ähnlich muss es den ersten Fahrern von Automobilen gegangen sein. Plötzlich ist elektrisch Fahren eine echte Option. Nicht nur weil es besser für die Umwelt ist, sondern auch weil es Spaß macht. Es hängt an der Lade-Infrastruktur und Batterieleistung. Aber klar ist: Die Tage des alten Dieselkombi sind gezählt.