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Wenn Wandern zur Gefahr wird

Nach dem tödlichen Sturz einer Hamburgerin auf Rügen warnen Experten Urlauber vor zu hohen Risiken

Sassnitz/Hamburg. Nach dem tödlichen Absturz einer 20-jährigen Hamburgerin vom Kreidefelsen Rügen hat die Nationalpark-Verwaltung die Spaziergänger zu mehr Vorsicht aufgerufen. Das allgemeine Wegegebot im Nationalpark Jasmund müsse unbedingt eingehalten werden, sagte Dezernatsleiter Ingolf Stodian. Die Frau hatte die Warnschilder an der Abbruchkante missachtet und war beim Versuch, ein besonders schönes Foto zu machen, 60 Meter in die Tiefe gestürzt. Die Ermittler schließen ein Fremdverschulden aus.

„Abbruchgefahr. Betreten verboten!“, „Gefahr von Kliffabbrüchen“ und „Vorsicht Steinschlag“ – es sind zahlreiche Schilder, die Spaziergänger ermahnen, den offiziellen Hochuferweg nicht zu verlassen. Doch das tragische Unglück von Rügen ist längst kein Einzelfall. Es gibt in Norddeutschland etliche Wanderrouten vom Meer bis zu den Bergen, die waghalsigen Wanderern zum Verhängnis werden können. Die häufigste Ursache von Wanderunfällen sei nämlich menschliches Fehlverhalten, sagen Versicherungsexperten der Deutschen Vermögensberatung.

Zur Todesfalle kann im schlimmsten Fall das Wandern im Wattenmeer werden. Wer den Tidenkalender nicht beachtet und ausgerechnet einen Weg wählt, den selbst erfahrene Wattführer meiden, spielt mit seinem Leben. Glück im Unglück hatten Anfang April zwei junge Männer aus der Nähe von Hamburg. Die wollten von Amrum nach Föhr wandern. Doch die gut zwei Seemeilen weite Route zwischen Norddorf auf Amrum und Utersum auf Föhr gilt wegen der gefährlichen Priele als absolut ungeeignet. „Vorsicht bei kommender Flut! Lebensgefährlich!“ Mit solchen Schildern wird auch hier vor den Risiken gewarnt. Doch die 25 und 26 Jahre alten Männer machten sich ohne Kenntnis des Tidenkalenders auf den Weg. Ein Boot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DgzRS) konnte die beiden befreien, als sie bis zu den Hüften in den eiskalten Fluten standen.

Das Brodtener Ufer zwischen Travemünde und Niendorf ist ebenfalls bei Spaziergängern beliebt. Der vier Kilometer lange Wanderweg am bis zu 20 Meter hohen Kliff wird jährlich von Zehntausenden genutzt, die hier den weiten Blick auf die Lübecker Bucht genießen wollen. Wind, Meer und Regen tragen zum jährlichen Landverlust auf einer Breite von 80 Zentimetern der Steilküste bei, heißt es im Kieler Umweltministerium. Es drohe immer die Gefahr von Abbrüchen. Mitarbeiter aus Travemünde sind deshalb fast täglich im Einsatz, um das Ausmaß der ständigen Erosionen in Augenschein zu nehmen. Zwar warnen Schilder („Lebensgefahr durch Küstenabbrüche“) davor. Aber ein Vorarbeiter des Bereichs Stadtgrün klagt: „Viele Leute halten sich nicht daran. Sie stehen direkt an der Abbruchkante und begeben sich in Lebensgefahr.“

Wie Ost- und Nordsee ist auch der Harz bei Touristen beliebt. Vor allem in der Hauptsaison ist die Bergwacht Thale im Einsatz, um im schluchtartigen Bodetal verletzte Spaziergänger zu bergen. Zu den häufigsten Unfallursache gehört auch hier menschliches Fehlverhalten – mit der Folge, dass die Wanderer sich beim Stolpern und Ausrutschen Verletzungen zufügen. „Notfall, Transport mit der Bergwachttrage“ notieren dann die Retter in ihren Einsatzprotokollen.

Absturz von der Marienwand im Kreis Goslar

Einer Frau aus Norddeutschland wurde die Feuersteinklippe zur Todesfalle. Die Spaziergängerin wollte den Felsen in der Nähe von Schierke erklimmen, rutschte aus und stürzte 15 Meter in die Tiefe. Obwohl Familienangehörige bei der Wanderung dabei waren, konnte ihr niemand mehr helfen. Selbst geübte Klettersportler setzen sich immer wieder Gefahren aus. Eines ihrer Ziele ist die Marienwand im Landkreis Goslar. Sie erhebt sich 50 Meter hoch über den Fluss Oker und wurde einem Klettersportler aus Lüneburg im vergangenen Jahr zum Verhängnis. Nach Angaben von Sicherheitsexperten hatte sich ein in den Fels geschlagener Sicherungshaken seines Seils gelöst. Der Mann kam mit Knochenbrüchen ins Krankenhaus. Weil Gefahren zwischen Meer und Bergen fast immer mitlaufen, rät der Deutsche Wanderverein: „Wandern Sie nicht einfach auf gut Glück los, sondern informieren Sie sich vorher über die Strecke.“