Eutin

Hier entsteht ein Trainingsdorf für die Polizei

So wie hier in der Lübecker Bundespolizeiakademie wird bald auch in Eutin der Einsatz des Schlagstocks trainiert

So wie hier in der Lübecker Bundespolizeiakademie wird bald auch in Eutin der Einsatz des Schlagstocks trainiert

Foto: picture alliance / dpa

Künstliche Welt für Polizisten: Für 8,2 Millionen Euro wird eine Anlage mit nachgebildeter Wache, Kneipe und Arztpraxis errichtet.

Kiel/Eutin.  Die Landespolizei Schleswig-Holstein will in Eutin „Maßstäbe setzen“ und in eine „andere Liga“ aufsteigen: Die Vorfreude auf die neue Einsatztrainingshalle ist groß. Jedenfalls bei Torge Stelck, dem Sprecher der Landespolizei. Das 8,2 Millionen Euro teure Gebäude soll in gut einem Jahr fertig sein. In Eutin entsteht eine künstliche Welt für Polizisten.

In der Halle werden eine komplette Polizeidienststelle, eine Arztpraxis, ein Klassenzimmer, eine Gaststätte, eine Bank und eine Zweizimmerwohnung nachgebildet. Außerdem gibt es ein Labyrinth und ein großes Außengelände, auf dem zum Beispiel Autokon­trollen und Festnahmen von Fahrzeuginsassen geübt werden können.

Großer Schritt nach vorn

Für die Landespolizei ist die 3100 Quadratmeter große Halle ein großer Schritt nach vorn. „Bislang haben wir in alten Bundeswehrliegenschaften und in Abbruchhäusern geübt“, sagte Thorsten Ziehm, Chef des Bereichs Einsatzmanagement der Eutiner Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung (PD AFB). Dort werden alle Bereitschaftspolizisten des Landes unterrichtet. Die Halle steht auf dem Gelände der PD AFB.

„Regelmäßiges Einsatztraining ist eine wesentliche Voraussetzung für professionelle Polizeiarbeit. Um dieses Training adäquat durchführen zu können, brauchen wir angemessene Bedingungen“, sagt der Kieler Innenminister Stefan Studt (SPD). „Mit der Einsatzhalle erhält die Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung die Möglichkeit, angehende Polizisten optimal auf ihre Aufgaben vorzubereiten.“

Verzicht auf Hightech-Lösungen

Die Trainingswelt, die in Eutin entsteht, verzichtet auf Hightech-Lösungen. „Wir wollen hier keine Videobildschirme und keine virtuellen Welten“, sagt Thorsten Ziehm. Wichtig sei es, mit den Emotionen klarzukommen, die mit einem Einsatz verbunden seien. „Und diese emotionalen Momente kommen viel besser rüber, wenn man den Einsatz unmittelbar miterlebt.“ Das Gebäude ist groß genug, um verschiedene Situationen an typischen Einsatzorten durchzuspielen.

Die Gaststätte, die sich in dem Gebäude befindet, hat zum Beispiel einen Biergarten – durchaus nicht seltener Schauplatz polizeilicher Aktivitäten in den Sommermonaten. „Wir werden auch einen Balkon anbauen“, sagt Ziehm. „Da können wir zum Beispiel üben, wie man eine Ruhestörung beendet, wenn man keinen unmittelbaren Zugriff auf die Person hat.“

Nur Seifenmunition wird verschossen

Trainer und Polizisten können bei den Übungseinsätzen zusehen. „Jeder Einsatzort hat eine Art Galerie“, sagt Ziehm. „Von einer erhöhten Position aus, durch Glasscheiben geschützt, lässt sich auf das Geschehen blicken.“ Laufe etwas schief, könne man die Situation „einfrieren“ und mit den Zuschauern über einen besseren Weg diskutieren.

Waffen sind dabei auch im Spiel, aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Scharfe Waffen haben in der Übungswelt allerdings nichts zu suchen. „Die Dienstwaffen werden umgerüstet auf Seifenmunition“, sagt Ziehm, „und die kann dann auch verschossen werden.“ Die Patronen zerplatzen, wenn sie auf Gegenstände oder Körper treffen, und hinterlassen einen Farbfleck.

Das eigentliche Schießtraining wird in einem von der Halle abgetrennten Gebäude stattfinden. „Das hat den Vorteil, dass wir in der Halle ungestört trainieren können“, sagt Ziehm. Ohnehin ist die Anlage darauf ausgelegt, möglichst viel Personal schulen zu können. „Wir wollen die Wartezeiten auf ein Minimum reduzieren.“ In der neuen Halle können mehrere Dinge zugleich trainiert werden: Während in der Gaststätte eine Kneipenschlägerei geschlichtet wird, kann in der Arzt­praxis ein Randalierer beruhigt und in der Wohnung ein Familienkrach entschärft werden.

Zweieinhalb Jahre dauert die Ausbildung der schleswig-holsteinischen Bereitschaftspolizisten. Viel Zeit, um in der neuen Halle zu üben. Auch die Kollegen der Polizeidirektionen Lübeck, Kiel und Segeberg werden die Anlage nutzen können. Die Gewerkschaft der Polizei begrüßt die Millioneninvestition. Der Bau sei „absolut notwendig“, sagt der stellvertretende Landesvorsitzende Torsten Jäger. Auch deshalb, weil die immer mehr zunehmende Gewalt gegen Polizeibeamten in einer solchen Anlage perfekt geübt werden kann.

Kommunikation und Deeskalation

Kai Dolgner, innenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, findet es richtig, dass die Landespolizei dabei auf virtuelle Welten verzichtet hat. „In den meisten Situationen geht es doch um Kommunikation und Deeskalation, ein Combat Shooter hilft den Polizeischülern nicht“, sagt er. Die Vorbereitung auf Einsatzsituationen sollte „so realitätsnah wie möglich“ sein.