Neuer Tarifverbund

Mit dem HVV-Ticket bald in ganz Norddeutschland reisen

Wer im Norden unterwegs ist, verliert
sich leicht im Tarifdschungel

Wer im Norden unterwegs ist, verliert sich leicht im Tarifdschungel

Foto: Wolfgang Klietz

Vertrag über einen Nordtarif zwischen Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen soll noch in diesem Jahr unterzeichnet werden.

Kiel/Hamburg.  Mit einer Fahrkarte Busse und Bahnen in drei Bundesländern benutzen: Das ist die Idee für den Nordtarif. Noch in diesem Jahr soll dazu ein Vertrag zwischen den Ländern Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen abgeschlossen werden. Je nach Ausgestaltung dieses Vertrags könnte der Nordtarif dann 2018 starten. Das hat der schleswig-holsteinische Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) jetzt angekündigt. Es wäre ein HVV im größeren Maßstab – mit Hamburg im Zentrum.

Meyer will mehr Fahrgäste in Busse und Bahnen locken und den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) insgesamt verbessern. Die finanziellen Mittel dazu hat er. Aus den sogenannten Regionalisierungsmitteln des Bundes bekommt Schleswig-Holstein bis Ende 2030 insgesamt zusätzlich 470 Millionen Euro. 75 Millionen Euro kann die Landesregierung für den neuen Tarifverbund und für zusätzliche Tarifangebote ausgeben.

Angebote für bestimmte Nutzergruppen

Das hat der Landtag jetzt mit den Stimmen der Regierungsfraktionen SPD, Grüne und SSW beschlossen. Der Auftrag der Landtagsabgeordneten lautet: „Mit den Nachbarländern Niedersachsen und Hamburg“ solle ein „Norddeutscher Tarifverbund“ erarbeitet werden, „in dem die Besonderheiten der bestehenden Tarifsysteme aufgenommen werden“. Zusätzliche Angebote soll es für bestimmte Nutzergruppen geben – zum Beispiel ein landesweites Semesterticket für Studenten und ein Neun-Uhr-Ticket, das die Benutzung von Bussen und Bahnen außerhalb der Stoßzeiten attraktiver machen soll.

Vertriebs- und Tarifkonzept entwickeln

Um das Nordticket voranzutreiben, will das schleswig-holsteinische Verkehrsministerium nun erst einmal ein Gutachten vergeben. Die Fachleute bekommen den Auftrag, ein Vertriebs- und Tarifkonzept zu entwickeln, das „die von den Kunden noch wahrgenommenen Tarifgrenzen“ abbaut. Dabei sollen die bestehenden Systeme SH-Tarif, HVV-Tarif und Niedersachsentarif „im Kern“ bestehen bleiben. Zum Auftrag der Gutachter gehört es auch, „Tarifprodukte“ zu entwickeln, die „als gerecht empfunden werden und zugleich die Erlöse der Verkehrsunternehmen sichern oder erhöhen“.

Und sie sollen „technisch einfache und moderne Vertriebslösungen“ finden. Im Sommer wird mit Ergebnissen gerechnet. „Dann werden wir uns an eine entsprechende vertragliche Regelung machen“, sagte der Verkehrsminister. „Das Vorgehen ist mit meinen Amtskollegen aus Hamburg und Niedersachsen, Frank Horch und Olaf Lies, abgestimmt.“

Das Gutachten zahlt Schleswig-Holstein dennoch erst einmal allein. Dabei gibt es einen drei Jahre alten Beschluss der Hamburger Bürgerschaft, mit dem ziemlich genau das gefordert wird, was Schleswig-Holstein jetzt tut. Die HVV-Card müsse so ausgestaltet werden, heißt es in dem Beschluss, dass sie „verbundübergreifend“ genutzt werden könne, also zum Beispiel „in den Bereichen des Schleswig-Holstein-Tarifs und des Niedersachsen-Tarifs“.

„Tarifdschungel ist abschreckend“

„Verbundübergreifend“ geht derzeit selbst in Schleswig-Holstein noch nicht viel. Der Landtagsabgeordnete Andreas Tietze (Grüne) hat sich tatsächlich die Mühe gemacht, in den Dschungel aus Tarifbestimmungen für Busse und Bahnen einzudringen – und ist schnell wieder umgekehrt. „Dieser Tarifdschungel ist intransparent, teuer, ungerecht und abschreckend“, sagte er. „In Schleswig-Holstein gibt es 1312 verschiedene Fahrkarten für Busse und Bahnen.“ Hinzu kämen Übergangstarife, Netz- und Sonderkarten mit und ohne Ermäßigungen, Fernfahrkarten mit ICE und IC oder mit IC, aber ohne ICE. „Da wird es zu einer Sisyphos-Aufgabe, die beste Fahrkarte zu kaufen“, findet Tietze. „Und wer es tatsächlich schafft, eine gültige Fahrkarte zu kaufen, bevor der Zug kommt, kauft oft zu teuer.“

Straßen in Metropolregion entlasten

Ob sich das mit dem Nordtarif ändert, ist fraglich. Aber er könnte dazu beitragen, dass mehr Menschen das Auto stehen lassen und in Busse und Bahnen umsteigen. Das würde auch die Straßen in der Metropolregion entlasten – ein wichtiges Ziel auch für Schleswig-Holstein. Mit einem Teil der 470 Millionen Euro will das Land deshalb auch den Bau der S 4 und der S 21 voranbringen sowie auf der Strecke Hamburg–Büchen mehr Angebote schaffen.

Hamburg setzt seine Mehreinnahmen aus den Regionalisierungsmitteln ähnlich ein. Rund 300 Millionen Euro sind es bis 2030. „Wir finanzieren damit unser U-Bahn-Ausbauprogramm, die S 4 und den barrierefreien Umbau von Bahnhöfen“, sagte Ole Thorben Buschhüter (SPD), Vorsitzender des Verkehrsausschusses der Bürgerschaft.

Opposition im Kieler Landtag ist uneins

Die Opposition im Kieler Landtag ist in Sachen Nordtarif uneins. Die FDP unterstützt ihn. Sie findet nur, dass der Verkehrsminister konkreter werden könnte. Christopher Vogt, verkehrspolitischer Sprecher der FDP, forderte Meyer auf, endlich zu erklären, was dieser Tarifverbund im Einzelnen bedeuten soll. „Nun mal Butter bei die Fische“, sagte Vogt.

Die CDU hält den Nordtarif für ein „Ablenkungsmanöver“, wie es der Landtagsabgeordnete Johannes Callsen formulierte. „Die Realisierung liegt – wenn sie überhaupt gelingt – in weiter Ferne“, sagte er. „Statt irgendwelche Traumschlösser zu bauen, sollten die zusätzlichen Regionalisierungsmittel lieber verwendet werden, um dem Kreis Steinburg den Beitritt zum HVV zu ermöglichen.“