Niendorf

„Von der Fischerei wird nicht viel bleiben“

Nach der drastischen Senkung der Dorschfangquoten durch die EU bangen die Ostseefischer um ihre Existenz – und die Kurdirektoren um ihre Häfen

Niendorf.  Die rund 420 schleswig-holsteinischen Kutterfischer gehören zur Ostsee wie die Möwen, die Leuchttürme und Segelboote. In Häfen wie Niendorf oder Travemünde bestimmen sie das Bild. Doch wie lange das so bleibt, ist nach den jüngsten Beschlüssen der EU-Fischereiminister unklar. Denn 2017 werden die deutschen Berufsfischer gewissermaßen aufs Trockene gesetzt: Sie dürfen in der westlichen Ostsee nur noch rund halb so viel Dorsch wie in diesem Jahr fischen, um den Bestand nicht zu gefährden. Für Rüdiger Krüger, Fischer in Niendorf seit 1972, bedeutet das: „Ich werde Rentner – fünf Jahre früher als geplant.“

Krüger nimmt Abschied von einem Beruf, der im Sterben begriffen ist. „Von der Fischerei wird nicht viel übrig bleiben“, ist er sich sicher. Neun hauptberufliche Fischer gibt es derzeit noch in dem pittoresken Hafen zwischen Travemünde und Timmendorf. Nächstes Jahr werden es nur noch acht sein, vielleicht auch nur noch sieben. „Ein weiterer Kollege überlegt auch, ob er aufhört“, erzählt der 60-Jährige. Für ihn beginnt nun eine Zeit der Ungewissheit. Er wartet und rechnet. Bekommt er für seinen Kutter eine Abwrackprämie, wenn er in den Ruhestand geht? Wie hoch wäre sie? Wie viel Dorsch dürfte er fangen, wenn er 2017 weitermachen und erst nach Ausschöpfen seiner Quote aufhören würde?

4,2 Tonnen im Jahr: Das sindnur etwa zwei gute Fangtage

Die Fischereiminister haben am Montag beschlossen, die Dorschquote für die westliche Ostsee um 56 Prozent zu senken. Konkret bedeutet das: Statt 12.720 Tonnen wie in diesem Jahr dürfen dort 2017 nur noch 5597 Tonnen gefischt werden. „Für mich würde das wohl bedeuten, dass ich 4,2 Tonnen Dorsch aus der Ostsee holen dürfte“, sagt Krüger. „Das sind zwei gute Fangtage – dann habe ich diese Quote ausgeschöpft.“ Lohnt es sich, deshalb den Kutter noch in Betrieb zu halten? Krüger zweifelt.

Er ist damit nicht allein. Benjamin Schmöde, stellvertretender Vorsitzender des Fischereiverbands Schleswig-Holstein, hat am Dienstag viele Anrufe von beunruhigten Mitgliedern bekommen. „Wir befinden uns in einer äußerst schwierigen Situation“, sagt er. „Für fast alle unsere Betriebe ist der Dorsch der Brotfisch. Eine Umsatzeinbuße von 56 Prozent ist nicht kompensierbar.“ Eine Folge könne sein, dass gerade ältere Fischer ihren Beruf aufgäben.

Aufgeben: Ein Wort, das Fischern in Schleswig-Holstein seit langer Zeit vertraut ist. 1955 gab es noch 1593 Kutter, die in der Ostsee auf Fang gingen. 1980, drei Jahre nach Einführung der EU-Fischfangquoten, waren es noch 554. Im Jahr 2000 hielten sich noch 311 Kutter und Kutterkapitäne über Wasser. Bis 2016 hatte sich diese Zahl fast halbiert: 167 Kutter blieben über.

Zu diesem Niedergang haben auch die Verbraucher beigetragen. Denn die Scholle, die im kommenden Jahr wieder in größerem Umfang gefischt werden könnte, ist mittlerweile bei den Kunden längst nicht mehr so begehrt wie früher. „Das ist ein sehr schwierig zu vermarktender Fisch, und er ist sehr niedrigpreisig“, sagt Benjamin Schmöde. Im Restaurant werde er zwar noch bestellt, aber als frischer Fisch sei er kaum zu verkaufen. „Die Leute wissen nicht mehr, wie sie ihn zubereiten sollen.“

Beim Verband der deutschen Kutter- und Küstenfischer fürchtet man, dass „viele Familienbetriebe das nächste Jahr nicht überstehen“. Der Verbandsvorsitzende Dirk Sander fordert staatliche Hilfen. Die hat der Bund auch bereits zugesagt. Unklar ist allerdings deren Umfang. „Sollten die Zahlungen an bürokratischen Formalitäten scheitern, werden bis zu 50 Prozent der Flotte in der Ostsee ihre Existenzgrundlage verlieren“, sagt Sander. Das werde nicht nur die Fischereigenossenschaften, sondern auch Bootswerften und Schiffsausrüster treffen. „Jetzt muss es darum gehen, die Dorschfischer durch das Krisenjahr 2017 zu bringen“, sagt Sander.

Fischer Krüger glaubt nicht daran, dass 2018 alles wieder besser wird. Wissenschaftler haben zwar die Hoffnung, dass sich die Bestände erholen könnten. Aber der alte Fischer hält nicht viel von ihren Expertisen. „Seit sich Wissenschaftler und Politiker in die Fischerei eingemischt haben, geht es bei uns bergab“, sagt er. Bis 2020, glaubt er, werde der Ostseefischer mit kleinen Quoten leben müssen – oder eben aufgeben. „Die handwerkliche Fischerei mit Booten zwischen zehn und 20 Metern Länge, so wie ich eins habe, die übersteht das nicht. Die ist am Ende.“

Was macht das mit dem Tourismus? Niendorfs Kurdirektor Joachim Nitz ist besorgt. „Ein Hafen ohne Schiffe wäre eine Katastrophe“, sagt er. „Die Touristen finden es ganz toll, Fisch vom Kutter zu kaufen. Wenn die nicht mehr da sind, geht das Originale verloren.“

Im Kieler Landwirtschaftsministerium arbeitet man derweil an den Details für eine Abwrackprämie. 3000 Euro pro Bruttoraumzahl (BRZ) könnten überwiesen werden. Für einen Kutter mit 30 BRZ gäbe es 90.000 Euro. Fischer Krüger überlegt: Wenn er abwrackt, könnten die anderen Kollegen mehr Dorsch fangen. Für Krüger ist das die absurde Konsequenz der EU-Entscheidung: Gibt er auf, hilft er anderen, ein bisschen länger durchzuhalten.