Oersdorf

Brutaler Angriff auf Dorf-Bürgermeister

Joachim Kebschull aus Oersdorf wird schwer verletzt. Droh-Mails deuten auf Flüchtlingshass. Große Betroffenheit in der Region

Oersdorf. Stefan Studt ist sichtlich betroffen, als er vor das Gemeindehaus von Oersdorf, einem Ort im Kreis Segeberg, tritt. „So etwas darf nicht passieren. Eine Demokratie muss wehrhaft sein“, sagt Schleswig-Holsteins Innenminister unter dem Eindruck eines gewalttätigen Angriffs auf Bürgermeister Joachim Kebschull (parteilos). Der 61 Jahre alte ehrenamtliche Politiker war am Donnerstagabend im Dunkeln hinterrücks mit einem Kantholz oder einem Knüppel niedergeschlagen worden. Kebschull hatte Glück, er erlitt zwar eine Gehirnerschütterung, kann aber das Krankenhaus wohl schon an diesem Wochenende wieder verlassen.

Doch der Vorfall ist ein Schock für die Region, die Tat eine Zäsur, eine neue Eskalationsstufe im Norden. Schon seit Juli ermittelt der Staatsschutz, weil mehrere Drohbriefe gegen die Gemeinde, die Amtsverwaltung, die Pächterin des Gemeindehauses und explizit den Bürgermeister eingegangen waren. Darin: rechte Parolen wie „Oersdorf den Oersdorfern“. Unterschrieben waren die wirren Texte mit „American Sniper“. Zweimal musste eine Sitzung des Bauausschusses aufgrund von Bombendrohungen abgesagt werden, jeweils wurde kein Sprengstoff gefunden. Die Hintergründe sind diffus: In Oersdorf gibt es an der Dorfstraße, also direkt neben dem Tatort, ein leerstehendes Haus, das der Verwaltung gehört. 2015, als die Flüchtlingszahlen rapide anstiegen, hatte die Gemeinde tatsächlich vorgeschlagen, hier perspektivisch Asylbewerber unterzubringen – allerdings erst nach einer Sanierung. Jetzt seien die Zahlen aber rückläufig, heißt es, es gebe keinen Bedarf mehr. Geplant ist hingegen, das Gebäude umzubauen, damit im Erdgeschoss barrierefreier Wohnraum entsteht und im Obergeschoss weitere kleine Sozialwohnungen. Flüchtlinge leben in Oersdorf bisher überhaupt nicht, da es keine adäquaten Mietobjekte gibt. Ob sich das jemals ändern wird, ist unklar.

Die dritte Sitzung des Bauausschusses sollte trotz der Drohungen unbedingt stattfinden, die Politiker wollten sich nicht einschüchtern lassen. Am Eingang zum Gemeindehaus standen zur Sicherheit sechs Polizisten, sie kontrollierten jeden Besucher. Auch Bürgermeister Kebschull war rechtzeitig vor Ort, hatte sogar direkt vor der Tür geparkt, aber seinen Laptop vergessen. Er fuhr nach Hause, holte den Computer, stellte sein Auto dann aber etwas abseitig vor dem Feuerwehrhaus ab – als er sich über den Kofferraum beugte, erfolgte um kurz nach 19 Uhr der Angriff. Wie Kebschull später bei einer Vernehmung durch die Kripo Bad Segeberg aussagte, habe ihn ein unbekannter Mann angesprochen und dann mit einem Gegenstand geschlagen. Der Bürgermeister verlor das Bewusstsein, rasch wurde Erste Hilfe geleistet, ein Notarzt brachte den Verletzten ins Krankenhaus. Der Täter entkam allerdings unerkannt.

Was in Oersdorf passierte, machte schnell die Runde. Kaltenkirchens Bürgermeister Hanno Krause rief noch am Abend der Attacke Kebschulls Familie an und erkundigte sich nach seinem Kollegen. „Ich bin entsetzt, dass so etwas in einem demokratischen Staat passiert“, sagte Krause. Als Zeichen der Solidarität fuhr er am Freitag nach Oersdorf, dort kamen alle Bürgermeister der Umgebung zusammen, trafen sich mit Innenminister Studt und Landrat Jan Peter Schröder.

Für die Gemeinde nahm der Zweite stellvertretende Bürgermeister Hans-Herrmann Gravert Stellung. „Wir sind eigentlich eine gute Dorfgemeinschaft, ich kann mir das immer noch nicht vorstellen. Im Moment sind wir geschockt, aber die Gemeindearbeit muss ja weitergehen.“

Eine bekannte rechtextremistische Szene gibt es in Oersdorf genauso wenig wie im Kreis Segeberg. Mittlerweile sind per anonymer E-Mail weitere Drohungen eingegangen: „wer jetzt noch immer nicht hoeren will wird bestimmt wieder fuehlen. aus knueppel wird hammer, aus hammer wird axt“, schreibt ein Unbekannter. Und: „wer illegale unterstützen will, macht sich strafbar. das urteil wurde gesprochen, auf bewaehrung.“

Stefan Studt versicherte: „Wir werden uns mit besonderer Aufmerksamkeit um die Situation in Oersdorf kümmern.“ Veranstaltungen in dem Ort erhalten demnach eine erhöhte Polizeipräsenz. Ob Bürgermeister Joachim Kebschull sogar Personenschutz bekommt, steht noch nicht fest.

Der schleswig-holsteinische Gemeindetag fordert weitergehende Konsequenzen. „Was dort passiert ist, ist unerträglich“, sagt Jörg Bülow, geschäftsführender Vorstand. In den Gemeinden sei spürbar, dass der Respekt im Umgang mit Kommunalpolitikern sinke. „Das Klima ist rauer geworden“, sagt Bülow. Deswegen müsse die Bedrohung von Politikern ein eigener Straftatbestand werden.

Hinweise zur Tat nimmt die Polizei unter Telefon 0431/160 33 33 entgegen.