Tiere

Delfine und Wale in der Ostsee – Irrläufer oder Dauergäste?

Ein Delfin zwischen Badenden in der Ostsee bei Kiel

Ein Delfin zwischen Badenden in der Ostsee bei Kiel

Foto: Thomas Eisenkrätzer / dpa

Mit einem Delfin zusammen in der Ostsee planschen? Keine Seltenheit mehr. In dem Binnenmeer werden regelmäßig Exoten gesichtet.

Stralsund/Rostock.  Wer in diesem Jahr an der Ostsee Urlaub macht, wähnt sich mitunter am Mittelmeer oder am Atlantik. Nicht nur die Wärme sorgt für mediterranes Flair, sondern auch exotische Besucher: Seit Juli tummelt sich zwischen Rügen und Usedom ein zehn Meter großer Buckelwal. In der Kieler Bucht sorgt ein Delfin für Begeisterung. Und dann schwimmen seit einem Jahr noch die Delfine „Selfie“ und „Delfie“, zwei Große Tümmler, in der Ostsee umher.

Erobern sich fremde Arten mit der Ostsee einen neuen Lebensraum? Ist gar der Klimawandel schuld? Oder haben sich Arten wie Buckelwal und Großer Tümmler nach Schutzmaßnahmen so vermehrt, dass mehr Irrläufer in das Randmeer kommen? „Wir wissen es nicht“, sagt Harald Benke, Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund. Fakt ist, dass in den vergangenen Jahren mehr Großwale und Delfine in der Ostsee gesichtet wurden. Dies könne aber mit verbesserten Meldesystemen zusammenhängen. So hat das Meeresmuseum eine App entwickelt, mit der vom Boot aus jedes Tier gemeldet werden kann. Zudem verbreiten sich Handyvideos in sozialen Netzwerken. Auch das kann den Eindruck entstehen lassen, es seien mehr Tiere unterwegs.

Der Kieler Meeresbiologe und Walexperte Prof. Boris Culik sagt: „Ich würde die Tiere als Irrgäste bezeichnen, die auf dem Weg nach Süden vom Weg abgekommen sind. Es kann auch einfach nur eine Häufung von Zufällen sein“, meint Culik. Denn solche Irrgäste verschiedener Walarten habe es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gegeben, zum Beispiel einen Finnwal in der Kieler Förde oder Buckelwale vor Dänemark.

Delfine in der Flensburger Förde:

Dafür, dass die Ostsee für diese Tiere dauerhaft zum Lebensraum werden könnte, wären mehrere Voraussetzungen notwendig. So müssten auch weib­liche Tiere nachrücken. Bisher wurden aber nur Männchen gesichtet. Es müsste genügend Nahrung vorhanden sein, und die Ostsee dürfte nicht zufrieren, weil die Säugetiere regelmäßig zum Atmen an die Wasseroberfläche auftauchen müssten. Die Wassertemperatur hingegen sei nicht entscheidend, so Culik.

Nach Angaben des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) hat sich das Binnenmeer im vergangenen Jahrhundert leicht erwärmt. Wie Langzeit-Messreihen ergaben, ist die durchschnittliche Oberflächentemperatur bei der dänischen Insel Bornholm im Juli/August um 1,5 Grad gestiegen. Dies sei ein robustes Signal, dass sich die Ostsee erwärmt, sagte IOW-Ozeanograf Markus Meier. Welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Salzgehalt haben wird, sei noch unklar.

Für den Großen Tümmler sehen die Meeresbiologen des Deutschen Meeresmuseums Chancen, dass er die Ostsee als Lebensraum langfristig annehmen kann. Imposante Buckelwale werden nach Ansicht der Experten auch künftig Irrgäste bleiben. Sie benötigen große Wanderstrecken vom Nordatlantik bis zu subtropischen Bereichen. „Die Ostsee liegt nicht auf der Wanderroute“, sagt Benke. Trotzdem könnten künftig mehr Buckelwale in der Ostsee auftauchen: Die Population wächst nach dem Bejagungsverbot für Großwale wieder, vor allem im Nordatlantik, Nordpazifik und Indischen Ozean.