Kiel

„Null Toleranz“ bei Rockerkriminalität

Schleswig-Holstein will mit neuer Polizeiabteilung gegen gewaltsame Gruppen im Norden ermitteln

Kiel. Schleswig-Holstein richtet sich mit einem eigenständigen Sachgebiet bei der Polizei auf einen dauerhaften Kampf gegen Rockerkriminalität im Norden ein. Bisher gab es eine temporäre Sonderkommission. Innen­minister Stefan Studt (SPD) sagt: „Wir verfolgen weiter eine Null-Toleranz-Strategie, die ein niedrigschwelliges Einschreiten gegen kriminelle Rockergruppierungen vorsieht.“

Trotz eines blutigen Zwischenfalls zwischen Bandidos und einem „Hells Angel“ im Kreis Steinburg kürzlich könne derzeit aber nicht von einer neuen Eskalation der Gewalt unter rivalisierenden Rockerbanden gesprochen werden. „Offene Auseinandersetzungen, wie es sie 2009/2010 gab, hat es in den letzten Jahren nicht gegeben“, sagte Studt. „Aufgrund eines einzelnen Vorfalls kann dieses Ergebnis nicht ignoriert werden.“ Die von einzelnen Gruppierungen ausgehenden Gefahren seien bekannt. Man werde jedoch nicht dulden, dass Rockergruppen die öffentliche Sicherheit gefährden, indem sie Konflikte gewaltsam offen austragen.

Vor einigen Jahren hatte im Norden ein Rockerkrieg getobt. Nach mehreren Auseinandersetzungen rivalisierender Gruppen folgten damals Verbote von Ortsgruppen der Hells Angels in Flensburg (2010) und Kiel (2012) sowie der verfeindeten Bandidos in Neumünster (2010). „Die in den letzten Jahren ergriffenen Maßnahmen haben nachhaltige Wirkungen auf die Rockerszene gezeigt“, sagte Studt. „Die Akteure sind deshalb aber natürlich nicht verschwunden.“ Auseinandersetzungen stünden meist im Zusammenhang mit typischen Betätigungsfeldern der Milieu- und Rotlichtkriminalität, insbesondere dem Rauschgifthandel. „Rockergruppen konkurrieren aber auch in legalen Geschäftsbereichen wie Bordellen, Tattoo-Shops und Security-Dienstleistungen, zudem gibt es territoriale Ansprüche und persönliche Rivalitäten.“ Ein Teil der Rockerkriminalität finde im Verborgenen statt und sei der organisierten Kriminalität zuzurechnen, sagte der Innenminister.

Sorgen bereiten den Behörden jüngste Veränderungen in der Szene im Norden. „Seit April existiert in Schleswig der Northmen MC und wird als Unterstützergruppe des Bandidos MC eingestuft“, sagte Studt. Eine erste gemeinsame Veranstaltung am 23. April in Schleswig sei von der Polizei begleitet worden, um eine Machtdemonstration zu verhindern.

In Schleswig-Holstein gibt es Ortsgruppen mehrerer Motorradclubs und entsprechende Unterstützerclubs – sogenannte Supporter. 2013 hatte sich das Charter der Hells Angels in Lübeck aufgelöst – offenbar, um einem Verbot zuvorzukommen. Im zweiten Halbjahr 2015 traten Rocker dort nach Polizeiangaben aber wieder als „MC Lübeck“ in Erscheinung. (dpa)