Norddeutschland

Liebe Juliane,

es gibt Rätsel im Leben, die bleiben jahrzehntelang ein Mysterium. Ich habe mich nach einem Nachmittag am Timmendorfer Strand anno 1980 ohne Wellen, aber gefühlt mit hunderttausend anderen Touristen, oft gefragt, warum Menschen dort Urlaub machen. Wer die Nordsee kennt, fährt doch nicht freiwillig an die Ostsee!

Amrum hat mich sozialisiert. Ich werde nie vergessen, wie ich mich als Dreikäsehoch, beladen mit Gummitier, Capri-Sonne und Handtuch, über die Bohlenwege gekämpft habe. Über uns die Sonne des Nordens, die eben nicht nur in verklärten Erinnerungen, sondern auch aktuellen Wetterstatistiken zufolge ziemlich häufig scheint. Um mich herum breitete sich weites Dünenland aus, gekrümmte Kiefern, Rosen, Strandhafer. Ein Reich ohne jeden Schatten! Unter meinen nackten Zehen die Bohlen, die wir nie ohne Schuhe betreten durften und doch stets barfuß beschritten. In meiner Nase vermengte sich der Duft der Sonnenmilch mit dem Salz des Meeres, und im Herzen wuchs die Hoffnung, endlich das Meer zu erreichen. Auf kleinen Füßen wirkte die Welt viel weiter, und wir Kinder wähnten uns als Wüstennomaden auf dem Weg zur Oase. Ihre Quelle das Meer, die Nordsee. Schon für Fünfjährige ging nur sie als ein echter Ozean durch: Die Ostsee ist eine Badewanne für Seepferdchen, die Nordsee das Meer der Freischwimmer.

Gut, wer aus Dangast kommt (das für mich nie am Meer, sondern höchstens am Schlick liegt), hatte vielleicht eine schwere Jugend. Das erklärt einiges. Aber warum fahren Nicht-Dangaster an die Ostsee? Ich wünsche Dir trotzdem viel Spaß am Tümpel des Ostens. Die Wette nehme ich natürlich an: auf in die Nordsee, die mehr ist. Weil sie Meer ist.

Liebe Grüße, Matthias