Wangerooge

Die blutige Jagd nach Moby Dick in Norddeutschland

Der Kampf gegen
den Wal beflügelte
auch die Fantasie
von Litografen – in
dieser Abbildung
aus dem 19. Jahrhundert
von Louis
Lebreton

Der Kampf gegen den Wal beflügelte auch die Fantasie von Litografen – in dieser Abbildung aus dem 19. Jahrhundert von Louis Lebreton

Foto: De Agostini/Getty Images

Gestrandete Wale sind vermutlich verhungert. Früher wurden sie millionenfach getötet. Walfang machte einst auch Friesen reich.

Hamburg/Föhr.  Es ist noch immer nicht genau geklärt, warum zwölf Pottwale binnen einer Woche vor den Küsten Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und Hollands gestrandet und gestorben sind. Die auf Wangerooge gefundenen Tiere hatten offenbar das Problem, genügend Nahrung zu finden. Im Magen eines Tieres wurde lediglich ein einziger Tintenfischschnabel gefunden. Die Wale könnten verhungert sein, vermutet der niederländische Präparator Aart Walen am Montag.

Seit die imposanten Meeressäuger am Strand entdeckt wurden, beschäftigt ihr Schicksal viele Küstenbewohner. Auch Tierschützer rätseln über die Ursachen – nicht zuletzt deshalb, weil es weltweit häufiger zu tödlichen Strandungen von Pottwalen kommt. Der Hauptheld aus Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ bewahrt bis heute eben seine biologischen Geheimnisse. Dabei kennt der Mensch den Wal seit Langem. Aber nicht – wie heute – durch „Whale Watching“, sondern durch die blutige Jagd nach ihm.

Die norddeutsche Kulturgeschichte ist ohne die Tradition des Walfangs kaum vorstellbar. Bis heute erinnern zum Beispiel auf der Insel Föhr Gräber, Gemälde und Walfischknochen an eine Epoche der hartgesottenen Seeleute, die mit Harpunen in arktischen Gewässern gegen die Meeresriesen kämpften. Als besonders erfolgreich erwies sich dabei der nordfriesische Kapitän Matthias Petersen (1632–1706) aus Oldsum (Föhr). Der erlegte mit seiner Mannschaft in 50 Arbeitsjahren 373 Wale und verschaffte seiner Familie dadurch großen Wohlstand. Ein symbolisierter Wal ziert noch heute seinen Grabstein auf dem Inselfriedhof in Süderende. Darüber steht in lateinischer Sprache: Petersen „war in der Schifffahrt nach Grönland sehr kundig, wo er mit unglaublichem Erfolg 373 Wale gefangen hat, sodass er von da an mit Zustimmung aller den Namen ,Der Glückliche‘ annahm“.

Während auf den nordfriesischen Inseln zahlreiche Gräber an die auch bei Unfällen gestorbenen Walfänger erinnern, sind es in Bremen-Vegesack der Kiefer eines 24 Meter langen Blauwals und eine Walflossen-Skulptur. Auch in Glückstadt und Elmshorn sind Spuren der Walfängergeschichte bis heute sichtbar. Im Detlefsen-Museum Glückstadt sind nicht nur die Konterfeis der Walfänger, sondern auch ihre kuriosen Handarbeiten zu sehen.

Das Spektrum reicht von der Häkeldecke bis zum kunstvoll geschnitzten Schuhleisten, von zierlichen Pfeifenstopfern aus Walknochen bis zu Bürsten aus Menschenhaar. Diese Arbeiten dienten nach dem blutigen Alltagsgeschäft den Männern als Zeitvertreib an Bord.

Wie der Wissenschaftler Helmut Kersten vom Walarchiv Hamburg betont, beteiligten sich die Norddeutschen ungefähr seit dem Jahr 1640 am Walfang. Die sogenannten Grönlandfahrten führten die Männer vor allem in die eiskalten Gewässer um Spitzbergen. Die Hansestadt Hamburg unternahm von 1643 bis 1861 allein 6000 „Grönlandfahrten“. In dieser Zeit waren insgesamt mehr als 560 Schiffe im Einsatz. Wenn sie mit voller Ladung auf St. Pauli eintrafen, sorgten die Walfänger für frischen Nachschub in den „Thran-Hütten“. Dort wurde das heiß begehrte Fett ausgebrannt – der Gestank löste erhebliche Geruchsbelästigungen bei den Anwohnern aus.

Auch aus Borkum, Sylt und den Elbmarschen meldeten sich viele Männer für die lukrativen „Grönlandfahrten“. Im 18. Jahrhundert brachte Borkum mehr als 100 „Commandeure“ der Walfangschiffe hervor. Auf Sylt, heißt es bei der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, wurden im Jahr 1780 unter den 2000 Bewohnern immerhin 100 Kapitäne gezählt. „Wollt Ihr mal ein Unthier sehn / Dann müsst Ihr hin nach Grönland gehn“, heißt es in einem alten Walfängerlied.

Verwertet wurde von den Tieren beinahe alles – erst recht beim indus­triellen Walfang, wie ihn vor allem die Norweger in der Antarktis praktizierten. Aus der Speckschicht wurde Wal-Tran für Lampenöl gewonnen, später für Margarine, Seife, Kunstharz und im Ersten Weltkrieg sogar für Nitroglyzerin (Dynamit). Wale wurden somit zu einem „kriegsentscheidenden Rohstoff“, heißt es bei der Umweltorganisation WWF. Bevorzugte Opfer waren Pottwale. Aus ihren Darmresten produzierten Chemiker außerdem ein betörendes Parfüm. Und aus einer Flüssigkeit im Kopf heilende Salben. In der Antarktis wurden insgesamt 1,5 Millionen Wale geschlachtet. Norweger und Briten verarbeiteten in Grytviken (Südgeorgien) von 1904 bis 1965 rund 54.100 Wale. Noch heute kündigen die verrosteten Maschinen und Tanks von den Massakern an den Meeressäugern.

Am industriellen Walfang in der Antarktis beteiligten sich während der NS-Diktatur auch deutsche Schiffe. Das 1937 in Bremen gebaute Fabrikschiff „Unitas“ belieferte den Lebensmittelkonzern Unilever mit heutigem Sitz in Hamburg, der das Walöl zur Herstellung von Margarine benötigte.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es keine Walfängerei mehr unter deutscher Flagge. Deutschland ist 1982 der Internationalen Walfangmission (IWC) beigetreten. 1986 wurde der kommerzielle Walfang vollständig verboten. Einzig der Walfang der Inuit auf Grönland zum Eigenbedarf wird jedes Jahr von der IWC offiziell zugelassen.

Hamburger Greenpeace-Aktivisten demonstrieren immer wieder gegen den Walfang der Japaner, Norweger und Isländer. Sie jagen die kleineren Walarten, für die sich die Walfangkommission nicht zuständig fühlt.