Norddeutschland

Ein Taxifahrer als Schutzengel

Leser erzählen ihre „Gute Nachricht des Jahres“ – Aktion von Abendblatt und NDR Info. Letzter Teil: Eine Reise wird wahr

Der Satz ist zu meinem Lebensmotto geworden: „Wenn Sie es gar nicht erst versuchen, werden Sie nie erfahren, ob Sie es nicht geschafft hätten.“ Ich habe diese Lektion an einem turbulenten Tag am Flughafen Hannover gelernt. An einem Tag, an dem viele kleine Katastrophen doch noch zu einem glücklichen Ende fanden. Ich verdanke diesen Satz einem Taxifahrer, von dem ich nicht einmal den Namen weiß – obwohl er ein paar Stunden lang wie ein Schutzengel für mich da war.

Bei unserer Reise hatte es von Anfang an Probleme gegeben. Eigentlich hatten wir im April fliegen wollen. Ich hatte schon immer den Traum gehabt, einmal im Leben Istanbul zu sehen. Doch dann bekam ich eine Endoprothese im Knie; wir mussten den Flug stornieren. Im September wollten wir ihn dann nachholen, doch ein paar Wochen vor dem Abflug fühlte ich mich einfach nicht fit genug. Ich ging also zu meinem Chirurgen, um mir ein Attest für die Reiserücktrittsversicherung zu holen. Er gab es mir nicht. Stattdessen sagte er: „Sie fliegen!“ Er sagte es so bestimmt, dass ich anfing zu trainieren – und bald traute ich mir die Reise zu. Mein erster Urlaub mit Rollator, im Alter von 72 Jahren.

Am 28. September ging es endlich los. Ich war überglücklich, als wir in unserer Heimatstadt Lüneburg aufbrachen und schließlich am Flughafen in Langenhagen ankamen. Das änderte sich jäh beim Einchecken. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich, dass ich nicht den Personalausweis eingesteckt hatte, sondern den Führerschein. Ich stand ohne Reisedokument da. Für mich brach eine Welt zusammen.

Die Frau am Schalter riet mir, rasch nach Langenhagen zu fahren, ins Bürgeramt, um ein Ersatzdokument zu beschaffen. Also checkte mein Mann ein, und ich versuchte, ein Taxi zu bekommen. Nur durften die ersten drei Taxis keine Gäste aufnehmen, erst beim vierten konnte ich einsteigen. Um 9.20 Uhr ging die Fahrt los. Um 11 Uhr sollte der Flieger starten.

Muss ich extra erwähnen, dass wir in einen Stau gerieten? Muss ich extra erwähnen, dass wir eine rote Ampel nach der anderen hatten? Jedenfalls erzählte ich dem Fahrer von meinem Problem. Die Zeit raste und irgendwann gab ich auf. Ich bat ihn umzukehren. Seine Reaktion: „Wenn Sie jetzt umkehren, werden Sie nie erfahren, ob Sie es nicht doch geschafft hätten.“ Also fuhren wir weiter. Schließlich kamen wir am Rathaus an. Er half mir mit meinem Rollator noch die Stufen hoch, dann ging er.

Im Bürgeramt stellte sich heraus, dass ich ein Passbild brauchte. Einen Automaten gab es dort nicht, ich musste zum Fotografen. In meiner Verzweiflung konnte ich mir den Weg kaum merken, den die Dame mir beschrieb. Und als ich gehen will, steht plötzlich neben mir – mein Taxifahrer! Er hilft mir die Stufen hinunter, und schon ist er um die nächste Ecke verschwunden, ohne viel zu reden. Ich gehe auf gut Glück hinterher, komme an einen großen Platz – und was sehe ich da? Auf der anderen Seite des Platzes wedelt ein Mann schon wild mit den Armen. Mein Taxifahrer, am Eingang eines Einkaufszentrums. Er hatte den Fotografen schon ausfindig gemacht, dann schob er mich in den Laden und war wieder weg.

Im Geschäft dann die nächste Enttäuschung: Die Entwicklung des Fotos würde 15 Minuten dauern. Mir war klar, dass ich den Flieger endgültig nicht mehr erreichen würde. Da fasste mich jemand am Arm: „Fertig? Sie gehen vor zum Rathaus – ich bringe das Bild nach!“ Mein Taxifahrer war wieder da. Im Bürgeramt ging es weiter: Ein dringend nötiges Fax aus Lüneburg war noch nicht da. Sollte jetzt alles umsonst gewesen sein? Nach einem weiteren Anruf kam es endlich, doch der Computer verweigerte das Einscannen, und erst der dritten Mitarbeiterin gelang es schließlich, mir einen Ersatzpass auszustellen. Kaum hatte ich ihn in der Hand, ging die Tür auf. Und herein kam – mein Taxifahrer.

Im Affenzahn fuhr er mich zum Flughafen, um 10.50 Uhr kamen wir an. Ich zahlte, am liebsten wäre ich ihm vor Dankbarkeit um den Hals gefallen – doch mein Trinkgeld wollte er nicht.

Zum Reden blieb jetzt keine Zeit mehr. Ich drückte ihm das Geld in die Hand, und als ich hektisch nach dem richtigen Schalter suchte, war er wieder an meiner Seite und brachte mich zum Gate. Er war überhaupt immer da. Die meiste Zeit nahm ich ihn gar nicht wahr, aber immer, wenn ich ihn brauchte, tauchte er an diesem Tag wie aus dem Nichts auf. Als wäre er mein persönlicher Schutzengel. Als letzte Passagierin bestieg ich das Flugzeug. Kaum saß ich, hoben wir auch schon ab.

Dass mein Traum von Istanbul trotz aller Widrigkeiten doch noch wahr wurde, verdanke ich diesem außergewöhnlichen Menschen. Ich denke jeden Tag an ihn. Das einzige, was ich über ihn weiß, ist, dass er Kurde aus dem Irak ist. Und ich weiß, dass ich meine Begegnung mit ihm nie vergessen werde. Ebenso wenig wie seinen Rat: „Wenn Sie es gar nicht erst versuchen, werden Sie nie erfahren, ob Sie es nicht geschafft hätten.“ Vielen Dank dafür!

aufgezeichnet von Simon Benne