Klima

Die Sommer-Bilanz: Große Unterschiede beim Wetter

Gute Aussicht,
schlechtes
Wetter: der
Leuchtturm
Westerheversand,
Wahrzeichen der
Nordseehalbinsel
Eiderstedt

Gute Aussicht, schlechtes Wetter: der Leuchtturm Westerheversand, Wahrzeichen der Nordseehalbinsel Eiderstedt

Foto: Thorsten Ahlf

Zwischen Juni und August litt Deutschlands Süden unter extremer Trockenheit und Hitze. Petrus hat den Norden abgehängt.

Bayern, du hast es besser. Die Berge sind höher als im Norden, die Fußballer verstehen etwas vom Siegen und der Sommer 2015 – er war einfach viel schöner als bei uns. Jetzt haben wir es auch noch amtlich: „Dieser Sommer“, bilanziert der Deutsche Wetterdienst zum meteorologischen Herbstbeginn am 1. September, „brachte vielen Landesteilen sonniges Badewetter mit sengender Hitze.“ Im Norden sei es dagegen nur „zeitweise mäßig schön“ gewesen. Heißt im Klartext: Hamburg war von Juni bis August das „zweitsonnenscheinärmste Bundesland“. Dunkler war es nur noch in Bremen. Dafür lag Bayern stetig auf der Sonnenseite. In Niederbayern schien sie rund 800 Stunden lang. Zum Vergleich: In Hamburg und auf Sylt ließ sie sich nur jeweils 636 Stunden lang blicken.

Kaum hat der Sommer begonnen, ist er mit dem Herbstanfang wieder vorbei. Zurück bleibt bei den Hamburgern die Erinnerung, dass er hätte noch schöner sein können. Doch Petrus hat den Norden abgehängt: Während südlich des Weißwurst-Äquators immer wieder Hochdruckgebiete für stabile warme Wetterlagen sorgten, erlebte der Norden ein Auf und Ab von heißen und kühlen Phasen. Am besten, man hatte in Hamburg immer einen Regenschirm in Reichweite. Und die Sonnencreme.

Vor einem Jahr war es genau umgekehrt: Da bescherten die Hochdruckgebiete dem Norden einen warmen und relativ trockenen Sommer, während der Süden vielerorts bibberte. Damals bezeichnete der Deutsche Wetterdienst Bayern als das „kälteste Bundesland“. Und die Küstenbewohner jubelten und hofften auf ein neues Sommermärchen. Vorsorglich wurden schon mal viele Palmen an den Strandpromenaden aufgestellt.

Jetzt aber haben Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern keinen Grund mehr zum Jubeln. Denn der Gewinner der Temperaturrekorde kommt diesmal aus Bayern, dem Wetterverlierer des Vorjahres. Kitzingen, die 20.000-Einwohner-Stadt in Mainfranken, siegte gleich an zwei Tagen: Am 5. Juli und 7. August wurde hier mit jeweils 40,3 Grad Celsius ein neuer nationaler Hitzerekord erreicht. Insgesamt erlebte Bayern mit durchschnittlich 19 Grad den zweitwärmsten und einen der trockensten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Deutlich kreislaufschonender präsentierte sich das Wetter in Hamburg und an der Waterkant. Mit einer Mitteltemperatur von lediglich 16,4 Grad führt diesmal Schleswig-Holstein die Liste der kühlsten Bundesländer an. Die Hansestadt bringt es auf gerade mal 17,2 Grad im Durchschnitt der Monate Juni, Juli und August. Zum Vergleich: Sogar das Saarland erreichte 19,2 und Nordrhein-Westfalen 17,8 Grad. Die Temperaturen bilden das Süd-Nord-Gefälle zwischen den Regionen besonders deutlich ab. „Im Schnitt war es in Konstanz am Bodensee fast fünf Grad wärmer als in Schleswig, normal wären zwei Grad“, sagt Frank Böttcher, Geschäftsführer des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation in Jenfeld. Zwar war der diesjährige Sommer im Norden im Vergleich zum Temperaturmittel um 0,8 Grad zu warm. „Aber in Süddeutschland war er im Vergleich zum langjährigen Temperaturmittel um bis zu 3,5 Grad zu warm. Bundesweit dürfte er nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes als drittwärmster Sommer in die meteorologischen Annalen eingehen. Insgesamt erreichte er eine Durchschnittstemperatur von 18,5 Grad – das sind 2,2 Grad mehr als die langjährige Norm (1961 bis 1990).

Kent Heinemann, Meteorologe beim Institut für Wetter- und Klimakommunikation, weiß mehr über die Ursachen für das diesjährige Süd-Nord-Gefälle. Es habe sich häufig ein kräftiges Hochdruckgebiet über Südosteuropa gelegt, während die Tiefdruckgebiete vom Atlantik in Richtung Skandinavien gezogen seien, sagt er. „Auf der Vorderseite wurde dabei eine warme bis heiße Luftmasse vom Mittelmeerraum bis nach Norddeutschland geführt. Aber auf der Rückseite der Tiefs wurden diese Luftmassen schnell wieder gegen deutlich kühlere Atlantikluft ausgetauscht.“

Daher wird der Hamburger und norddeutsche Sommer sowohl mit seinen heißen als auch mit seinen kühlen Tagen, kräftigen Niederschlägen im August und dem Sturmtief „Zjelko“ im Juli im Gedächtnis bleiben. Am heißesten Tag in Hamburg, dem 4. Juli, erreichte die Temperatur in Fuhlsbüttel 36,4 Grad. Zum Vergleich: Der Stationsrekord liegt bei 37,4 Grad (9. August 1992). „Dieser Hamburger Sommer“, sagt Kent Heinemann, „war geprägt durch viele Hitzewellen mit acht Hitzetagen und überdurchschnittlich vielen Sommertagen. Aber eben auch durch regnerische Phasen.“

Stöhnten Nordbayern, Sachsen und Südbrandenburg unter der schlimmsten Dürreperiode seit 50 Jahren, musste der Norden auf Niederschläge nicht lange warten. Immer wieder gab es heftige Regengüsse. Mit durchschnittlich 250 Litern pro Quadratmeter machte Hamburg seinem Ruf als niederschlagsreiches Bundesland mal wieder alle Ehre. Als Tag mit dem meisten Regen vermerkten die Wetterexperten den 4. August. Auch auf Sylt regnete es viel – 35 Liter mehr als im langjährigen Mittel. Nasser war es nur noch in Nordrhein-Westfalen.

Der heiße, trockene Sommer im Süden machte nicht nur vielen Menschen, sondern auch den Stadtbäumen zu schaffen. In Koblenz und Trier musste die Feuerwehr bei der Bewässerung helfen. Im Norden kamen die Bäume relativ glimpflich davon. Aber Experten wie Annette Eschenbach, Professorin am Institut für Bodenkunde der Uni Hamburg, sind dennoch in Sorge. Der Klimawandel könnte die Lage künftig weiter verschärfen. „Die Straßenbäume haben schon eine hohe Belastung. Es ist klar, dass der Klimawandel da noch eins oben draufsetzt“, meint die Professorin.

Die Behörde für Umwelt und Energie hat darum zusammen mit Eschenbach, der HafenCity-Universität und dem Biozen­trum Klein Flottbek ein Forschungsvorhaben auf den Weg gebracht. Gerhard Doobe von der Hamburger Umweltbehörde ist froh, dass die Studie endlich gestartet ist. „Bäume reagieren sehr, sehr langsam“, sagt der Baumexperte. Wenn Trockenschäden eintreten, sei es meist schon zu spät. Großstädte wie Hamburg nähmen den Klimawandel vorweg, denn in den Metropolen sei es immer zwei bis drei Grad wärmer als im Umland. In diesem Sommer mit Hitze- und Trockenperioden habe Hamburg noch Glück gehabt. „In München, da sind reihenweise die Bäume tot“, sagt Doobe.

Kurze, heftige Regenfälle nützen Stadtbäumen wenig, denn das Wasser fließt ab und versickert kaum. Stockholm und New York experimentieren derweil mit Versickerungsanlagen, wie Wolfgang Dickhaut, Professor für umweltgerechte Stadtplanung an der HafenCity-Universität, sagt. Mit speziellem Material und Kunststoffkästen sollen die Wurzeln feucht gehalten werden. Wie Regenwasser in Hamburg bewirtschaftet werden kann, untersuchen Dickhaut und seine Kollegen nun im Rahmen der Studie.

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagt jedenfalls voraus, dass die Jahresmitteltemperatur in Hamburg in den nächsten 50 Jahren um 1,5 Grad steigt. In ganz Deutschland wird sie nach Rechenmodellen des Deutschen Wetterdienstes von derzeit 8,2 Grad bis zum Jahr 2100 auf gut elf Grad im Durchschnitt klettern. Noch lassen sich die Folgen dieser Erwärmung nicht genau abschätzen. Aber Klimaforscher und Meteorologen haben Szenarien entwickelt. Danach muss sich die Küstenregion mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf niederschlagsreiche Winter und trocken-heiße Sommer einstellen. Das mag zwar den Urlaubern gefallen, stellt Naturschützer, Fischer und Landwirte aber vor neue Herausforderungen.

Die Experten sind sich weitgehend darin einig, dass der Meeresspiegel in den nächsten 100 Jahren um 50 bis 100 Zentimeter ansteigt. Grund dafür sind das Abschmelzen der Pole und die wärmebedingte Ausdehnung des Wassers. Kleine Inseln wie die Vogelinsel Trischen vor der Meldorfer Bucht könnten dann sogar gänzlich im Meer verschwinden, vermuten die Experten. Der Anstieg des Meeresspiegels dürfte auch die Elbe verändern. Traditionell gilt sie mit einem Salzgehalt von lediglich zwei Promille als Süßwasser, in 100 Jahren könnten es aber schon zehn bis 20 Promille sein. Dann würde der Fluss als Brackwasser vermehrt Plattfische und Makrelen anlocken, die bislang hier nicht zu Hause sind. Der Treibhauseffekt dürfte in 100 Jahren nicht nur auf dem Meer, sondern auch an Land einiges durcheinanderwirbeln. Weil die Sommer meist trockener ausfallen, sollten Bauern auf die durstigen Mais- und Zuckerrübenpflanzen verzichten, raten Experten. Stattdessen wäre der Anbau von Wein und Pfirsichbäumen denkbar, so ein Forscher.

Doch das ist Zukunftsmusik. Am Ende der diesjährigen Sommerbilanz gibt es dann doch so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Pünktlich zum gestrigen meteorologischen Herbstbeginn bringt Tief „Jonas“ herbstliches Wetter – sogar nach Bayern. An den Alpen soll es regnen und nach kräftigen Gewittern deutlich abkühlen. Für den deutschen Hitzemeister Kitzingen sagen die Wetterexperten nur noch 20 Grad voraus. Das ist dann schon Hamburger Niveau. Und im nächsten Jahr werden die Wetterkarten neu gemischt. Vielleicht hat der Norden dann wieder die Nase vorn.

Werden Sie Wetterpate!

Namensvergabe startet am 16. September
2016 tragen Tiefdruckgebiete weibliche, Hochdruckgebiete männliche Namen. Hochs kosten 355 Euro, Tiefs 236 Euro Weitere Infos:
Institut für Meteorologie, Freie Universität Berlin www.met.fu-berlin.de/wetterpate/