Oma-Zentrale

Leih-Großmütter wurden in Pinneberg erfunden

Brigitte Langrock (sitzt) und Irene Langfeldt vermitteln Omas

Brigitte Langrock (sitzt) und Irene Langfeldt vermitteln Omas

Foto: Anne Dewitz / HA

Brigitte Langrock vermittelt seit 1972 Großmütter auf Zeit und hat längst bundesweit Nachahmer gefunden.

Pinneberg.  Großeltern können im Leben eines Kindes eine ungemein wichtige Rolle spielen. Oft ist ihr Einfluss so prägend, dass auch Erwachsene noch gern an die mit Oma oder Opa verbrachte Zeit zurückdenken. Heute, im Zeitalter der Klein- und Patchworkfamilien, sind Großeltern oft weit weg oder gar nicht mehr vorhanden. Damit Kinder nicht auf die Erfahrungen der Älteren verzichten müssen, dafür sorgt die Oma-Zentrale in Pinneberg.

Seit 43 Jahren sind die 46 Mitglieder der Pinneberger Oma-Zentrale schon im Einsatz für Eltern, die keinen Babysitter finden oder diese Art der Wahlverwandtschaft vorziehen. Brigitte Langrock hat die Privatinitiative gegründet und freut sich immer, neue Oldies kennenzulernen, die gern mit Kindern spielen, singen oder ihnen vorlesen. „Unser größtes Anliegen ist es, mehr Omas für uns zu gewinnen“, sagt Brigitte Langrock.

Ihr seien früher bei ihrer Arbeit in der Apotheke immer wieder überforderte Mütter einerseits begegnet und ältere Frauen andererseits, die darüber klagten, zu viel Zeit zu haben. Die müsste man zusammenbringen, dachte sich Brigitte Langrock damals und ­initiierte einen Aufruf in einem Gemeindebrief. Daraufhin meldeten sich gleich fünf Damen. „Am ersten Treffen nahm auch gleich eine Mutter mit vier Kindern teil, die ebenfalls den Gemeindebrief gelesen hatte“, sagt die Pinnebergerin. „Die war clever und hat sich gleich eine der freiwilligen Omis geschnappt.“ Deutschlands erste Omazentrale war gegründet.

„Eine Hamburgerin nimmt den Titel zwar auch für sich in Anspruch, aber sie kam definitiv nach mir“, sagt die 77-Jährige. So oder so, in die Quere kommen sich die beiden Vermittlungsstellen nicht, denn die Konzepte sind verschieden. „In Hamburg werden viel mehr kurzfristige Betreuungsangebote benötigt“, sagt Brigitte Langrock, die selbst drei Kinder und sieben Enkel hat, deshalb nur in Ausnahmefällen als Ersatz-Omi eingesprungen ist und sich sonst hauptsächlich um die Adminis­tration kümmert. „In Hamburg können Mütter um 7 Uhr anrufen, wenn ihr Babysitter erkrankt ist, und ihnen wird aus einem Pool eine Oma zugewiesen, die spontan einspringen kann.“

Auch beim Pinneberger Modell holen die Omas die Kinder schon mal aus Kita und Schule ab. Brigitte Langrock betreibt ihre Oma-Zentrale aber nicht kommerziell. Und das Angebot an die Familien im Kreis ist für eine längere Zeit konzipiert und sollte nicht als billiger Fahrdienst oder Pflege im Krankheitsfall missverstanden werden. „Uns kommt es darauf an, ein Vertrauensverhältnis zu schaffen.“

Die Leih-Omas schenken den Kindern viel Liebe und Zeit, geben Wissen und Erfahrungen weiter und verschaffen stark belasteten Eltern eine Atempause. „Putzen kommt aber nicht infrage“, sagt Brigitte Langrock. Da ist sie rigoros, auch weil ihr Service in der Anfangszeit in dieser Hinsicht häufig falsch verstanden worden sei. Es gehe nicht darum, eine Haushaltshilfe in die Familie zu vermitteln, sondern darum, dass die Kinder mit der Oma Zeit verbringen und beide Seiten Freude daran haben. Sie verbringen durchschnittlich ein bis zwei Tage die Woche für jeweils zwei bis drei Stunden miteinander. Nur so könne Nähe und Vertrauen geschaffen werden.

Manche Oma bleibt über Jahre eine feste Konstante in der Familie. „Selbst wenn die Kinder schon groß sind, werden unsere Omas noch zu Familienfeiern eingeladen“, sagt sie. „Eine unserer Mitstreiterinnen war sogar 13 Jahre in einer Familie, weil immer wieder neue Kinder dazukamen.“ Das bindet allerdings auch Kräfte. Außerdem ist die Nachfrage nach Leih-Omas groß und die Warteliste lang. „Derzeit können wir keine Anfragen aus Familien bearbeiten“, sagt Brigitte Langrock.

Mit ihrer Idee gewann sie 2012 den mit 1000 Euro dotierten Rolf-Bremer-Preis, den der CDU-Kreisverband Pinneberg an Menschen vergibt, die sich besondere Verdienste erworben haben.

Das Alter spielt übrigens keine Rolle. „Unsere älteste Dame ist 86 Jahre alt und so fit, dass sie vor drei Jahren noch drei Kinder betreut und bekocht hat, während die Mutter drei Wochen auf Kur war“, sagt Irene Langfeldt. Die Tangstedterin ist seit 2008 bei der Oma-Zentrale aktiv und betreut zurzeit zwei Familien. Besondere Voraussetzungen müssen die Kandidatinnen nicht erfüllen. Sie müssen weder eigene Kinder oder Enkel haben noch sich selbst zu den Seniorinnen zählen. „Auch jüngere Frauen, die Lust haben, mit den Kindern zu spielen, zu basteln, zu backen oder zu lesen, sind willkommen“, sagt Irene Langfeldt. Die 75-Jährige und Brigitte Langrock laden die Bewerberinnen zunächst zum Gespräch ein und erfragen anhand eines Katalogs, wie es mit der zeitlichen Verfügbarkeit, Mobilität, Fitness, Vorlieben oder Allergien aussieht. „Dann bringen wir sie mit einer Familie zusammen“, sagt sie. Am Ende entscheidet die Chemie.

Wer Interesse hat, bei den Leih-Omas mitzumachen, kann sich unter Telefon 04101/200 167 informieren.

Auf der Suche nach einer Leih­Oma hilft das Internet mit lokalen Vermittlungen. Michaela Hansen aus Hamburg beispielsweise hat die Plattform Granny als Nanny in ihrer Online-Agentur Granny Aupair eingerichtet. Hier können sich Suchende anmelden und vermitteln lassen. Infos gibt es auf www.granny-aupair.com oder unter 040/879 761 40.

Wer Anmeldungen umgehen möchte, kann auf www.betreut.de oder www.aktivpaten.de einfach seine Postleitzahl eingeben und wird dann vermittelt.