Kiel

Ministerin gibt zu: „Die Brisanz ist nicht erkannt worden“

Affäre um Friesenhof-Mädchenheime: Kristin Alheit (SPD) will von den Missständen nichts mitbekommen haben. Der CDU-Opposition war der Fall schon seit Februar bekannt

Kiel. Jeden Mittwoch gibt es im Kieler Sozialministerium eine Abteilungsleiterrunde, an den anderen Tagen der Woche trifft man sich zur morgendlichen „Lagebesprechung“. Da geht es unter anderem um die Dinge, die in den Zeitungen stehen. „Der Friesenhof war in keiner dieser Runden Thema“, sagte Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) am Donnerstag im Sozialausschuss.

Seit dem 1. Juni dürften die Jugendheime des Friesenhofs im Kreis Dithmarschen in jeder dieser Runden Thema gewesen sein. So manches ist in diesen knapp 14 Tagen ans Licht gekommen. In den gefängnisähnlichen Einrichtungen wurden schwer traumatisierte Jugendliche militärischem Drill ausgesetzt. Im Landesjugendamt (LJA), einem Teil des Sozialministeriums, sammelten sich über Jahre hinweg Hinweise und Beschwerden. Und von alldem hat Alheit nichts erfahren?

So war es angeblich. Die Ministerin blieb am Donnerstag bei dieser Darstellung. Die CDU-Opposition nimmt ihr das weiterhin nicht ab – hat aber offenbar selbst geschlafen, wie Recherchen des Abendblatts ergeben haben.

Die CDU-Landtagsabgeordnete Heike Franzen sagte am Ende der Ausschussbefragung zur Ministerin: „Ich bin sehr enttäuscht über das, was Sie hier heute geliefert haben.“ Auf besonders wenig Verständnis stieß im Ausschuss die Behauptung, selbst Alheits Pressesprecher Christian Kohl habe mit seiner Ministerin nicht über den Friesenhof gesprochen. Kohl hatte einen im Mai 2014 erschienenen Artikel gelesen, der die Missstände im Heim recht präzise beschrieb – ohne den Namen der Einrichtung zu nennen. Den hätte man ohne Weiteres erfahren können. „Ich habe damals auf Anrufe gewartet, aber es kamen keine“, sagt die Verfasserin des Textes, die Meldorfer Familienrichterin Christiane Orgies.

Im Landesjugendamt, das zum Sozialministerium gehört, war man damals offenbar nicht besorgt wegen der geschilderten Zustände, sondern wegen der Schilderung dieser Zustände. Ein Mitarbeiter des Amtes sprach mit Kohl über die Frage, ob man eine Gegendarstellung erwirken sollte. Der Artikel war in der Fachzeitschrift „Das Jugendamt“ erschienen. Darin wurde unter anderem behauptet, die Heimaufsicht des LJA rufe stets an, bevor sie Jugendheime kontrolliere. Kohl riet von einer Gegendarstellung ab. Offen blieb am Donnerstag, ob Orgies’ Darstellung richtig war.

Offen blieb vieles. Selbst der Verdacht einer sexuellen Beziehung zwischen einem Mädchen aus dem Heim und einem Betreuer soll Alheit nicht erreicht haben. „Die Brisanz ist nicht erkannt worden“, sagte die Ministerin.

Damit steht sie nicht allein. Auch die CDU hätte früher tätig werden können. Am 23. Februar erreichte die Landtagsfraktion ein Brief eines Friesenhof-Betreuers, der sich bitterlich über die Auflagen beklagte, die das Landesjugendamt Ende Januar endlich verhängt hatte. Adressiert war das Schreiben an den Fraktionsvorsitzenden Daniel Günther. Am 11. März antwortete Günther: „Der Fall zeigt, dass die Heimaufsicht ihrer Pflicht nachgekommen ist und die eingegangenen Hinweise sehr ernst genommen hat. Genau das ist ihre Aufgabe.“ Günther leitete den Brief „an unseren zuständigen Fraktionsarbeitskreis“ weiter – damit „unsere Fachpolitiker informiert sind“. In dem Schreiben wird detailliert über die Auflagen des Jugendamtes berichtet. Aus Sicht des Verfassers behinderten diese Auflagen die Arbeit des „Bootcamps“. Dennoch wurde im Friesenhof weitergemacht.

Erst am 3. Juni entzog das LJA den Heimen Nanna und Campina die Betriebserlaubnis – nach einer umfangreichen Berichterstattung auch im Abendblatt, die am 30. Mai einsetzte. Wenn die CDU ihr Wissen im Februar öffentlich gemacht hätte, wäre vielleicht alles viel schneller gegangen.