Kiel/Meldorf

„Friesenhof“: wer hat versagt?

Die Missstände, die zur Schließung der beiden Jugendheime führten, waren schon seit Mai 2014 öffentlich bekannt

Kiel/Meldorf.  Wer in Dithmarschen mit Kinderheimen zu tun hat, der weiß es seit Langem: Der „Friesenhof“ – das ist das „Bootcamp“. Also eine Einrichtung, in der mit militärischem Drill gearbeitet wurde. Ein pädagogisches Konzept, von dem nicht alle überzeugt sind. Der Kreis Dithmarschen schickt schon seit 2013 keine Jugendlichen in die Einrichtung. Zwei der „Friesenhof“-Heime mit den verharmlosenden Namen „Nanna“ und „Campina“ hat das Kieler Sozialministerium am Mittwoch wegen pädagogischer Mängel geschlossen. „Wir haben erst im zweiten Halbjahr 2014 von den Problemen erfahren“, sagt Anette Langner, Staatssekretärin im Sozialministerium. Das mag stimmen. Richtig ist aber auch: Das Ministerium hätte es deutlich früher wissen können.

Denn schon im Mai 2014 hat die Meldorfer Amtsrichterin Christiane Orgies recht ausführlich über Missstände in einem Dithmarscher „Bootcamp“ berichtet – in der renommierten Fachzeitschrift „Das Jugendamt“. Sie richtet sich unter anderem an Mitarbeiter in Jugendämtern, Landesjugendämtern und anderen Fachbehörden und wird auch im Kieler Sozialministerium gelesen. Der „Friesenhof“ wird in dem Artikel zwar nicht namentlich genannt. Dennoch hätte man im Ministerium hellhörig werden können. Wurde man aber nicht. „Ich habe mich gewundert, dass keiner angerufen hat“, sagt Orgies bedauernd. Mit ihrem Artikel, an dem sie ein Jahr lang gearbeitet hat, habe sie „etwas in Bewegung setzen“ wollen. Im Mai 2014 ist das offenbar nicht gelungen. Aber vielleicht jetzt – ein gutes Jahr später.

Orgies ist seit 2002 Familienrichterin in Meldorf. Schon seit 2010 treibt sie das Schicksal der Mädchen um, die in einer Einrichtung wie dem „Friesenhof“ landen. Ihr Blick ist der Blick einer Praktikerin. Sie kennt die problematischen Seiten der „Bootcamp“-Pädagogik, aber sie weiß auch: „Es ist im Einzelfall durchaus möglich, dass ein solches Camp Kindern hilft.“

Wer mit ihr spricht, wer ihren hellsichtigen Aufsatz liest, der begreift: Jugendliche, die ja meist als Opfer einer Verwahrlosung ins Heim kommen, werden dort oft Opfer einer zweiten Verwahrlosung. Denn sobald sie in diesem Heim sind, erlischt das Interesse und die Fürsorge der einweisenden Behörden. Besonders dann, wenn sie aus einem anderen Bundesland kommen.

Im wirtschaftsschwachen Dithmarschen hat sich mittlerweile eine boomende Jugendheim-Branche entwickelt. Orgies schätzt den Jahresumsatz auf 25 Millionen Euro. 133.000 Einwohner hat der Kreis, dennoch gab es dort 2013 insgesamt 703 Heimplätze und 350 Plätze in Pflegefamilien. Gerade in den Heimen waren nach Recherchen der Richterin zu 85 Prozent auswärtige Kinder und Jugendliche untergebracht. Diese Jugendlichen haben vor Ort keine Möglichkeit, sich an eine unabhängige Beschwerdestelle zu wenden, wenn sie etwa misshandelt werden. Sie seien, so schreibt es Orgies, „schwarzen Schafen unter den Heimbetreibern hilflos ausgeliefert“.

Im „Friesenhof“ durchliefen die ausschließlich weiblichen Jugendlichen ein Stufensystem. Erste Station war das jetzt geschlossene Heim „Nanna“. Die Mädchen kamen, so schreibt Orgies, „in ein faktisch geschlossenes Heim – es liegt weit abgelegen auf dem Land, die Türen und die ebenerdigen Fenster sind verschlossen, die Mädchen dürfen das Haus nur in Begleitung verlassen, sie haben mindestens drei Monate eine Kontaktsperre zu Angehörigen, erhalten keinen freien Zugang zum Telefon, dürfen weder Handy noch PC benutzen und erhalten kein Taschengeld. Sie werden im Heim beschult.“ Und weiter heißt es in dem Artikel: „Nach Kenntnis der Autorin ist die Vorgehensweise dieses Heimes der Landesregierung bekannt.“

Dass unter solchen Lebensbedingungen Beschwerden über das Heimpersonal nahezu unmöglich sind, dürfte klar sein. Die Folge ist ebenfalls klar. Orgies, deren erste Textversion von der Zeitschrift „Das Jugendamt“ mit dem Urteil „zu emotional“ zurückgeschickt wurde, formuliert sehr vorsichtig und unterstellt der „Friesenhof“-Betreiberin Barbara Janssen zunächst „gute Absichten“ – um dann zu fragen: „Wer würde kontrollieren und gegen Unterdrückung, Entrechtung, Gewalt und Missbrauch schützen, wenn in einer gefängnisähnlichen Situation eben doch nicht alles in Ordnung wäre?“

Ein im Nachhinein prophetisch wirkender Satz. In der gefängnisähnlichen Situation des „Friesenhofs“ war offenbar nicht alles in Ordnung. Nach Beschwerden von ehemaligen Insassen und Betreuern wurde die Einrichtung Ende Januar 2015 vom Landesjugendamt unangemeldet kontrolliert. Danach wurden umgehend Auflagen verhängt – darunter auch diese: „Den Betreuten ist das ungestörte Telefonieren in Abwesenheit von Betreuungspersonal zu ermöglichen.“

Das Landesjugendamt ging damit gegen ein Problem vor, das ihr schon im Mai 2014 hätte bekannt sein können. Ein Blick in die Zeitschrift „Das Jugendamt“ hätte genügt.