Göttingen

Mit Manipulationen Spenderorgane erschlichen

Der angeklagte Arzt
Aiman O. (2. v. r.)
mit seinen Verteidigern
Ulf Aumann,
Jürgen Hoppe und
Steffen Stern (v. l.)
im Landgericht

Der angeklagte Arzt Aiman O. (2. v. r.) mit seinen Verteidigern Ulf Aumann, Jürgen Hoppe und Steffen Stern (v. l.) im Landgericht

Foto: dpa

Die Staatsanwaltschaft fordert im Prozess um den Chef der Göttinger Transplantationsmedizin Berufsverbot und eine hohe Haftstrafe.

Göttingen. 20 Monate hat das Schwurgericht am Landgericht Göttingen unzählige Zeugen und Sachverständige angehört, sich durch Krankenakten gewühlt. Mindestens die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass der Chef der Transplantationsmedizin am Uniklinikum in mindestens elf Fällen mit glatten Lügen und manipulierten Akten Organe für seine Patienten erschlichen hat. Sie forderte am Montag in ihrem Plädoyer eine achtjährige Haftstrafe und lebenslanges Berufsverbot für den Chirurg Amein O.

Aus der Sicht von Staatsanwältin Hildegard Wolff geht es um elffachen versuchten Totschlag, weil die Wartelisten lang sind und täglich Patienten mangels Spenderorganen sterben. Konkrete Einzelfälle allerdings kann die Staatsanwaltschaft nicht beweisen, und so bleibt abzuwarten, ob die Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Ralf Günther bereit ist, juristisches Neuland zu betreten mit einer Verurteilung. Immerhin: Das örtliche Amtsgericht hat Anfang 2013 einen Haftbefehl gegen den Arzt erlassen wegen Fluchtgefahr; Land- und Oberlandesgericht haben ihn bestätigt. Im Verlauf des Prozesses aber hat die Strafkammer den Haftbefehl gegen Kaution außer Vollzug gesetzt. Der palästinensische Mediziner hat einen deutschen und einen israelischen Pass.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat der Arzt gegen die Richtlinien der Bundesärztekammer zur Vergabe von Organen immer wieder verstoßen. So gab es eine neue Leber auch für Patienten, die die vorgeschriebene Alkoholabstinenz nicht nachgewiesen hatten. Und um von der zentralen Vergabestelle Eurotransplant Organe zu bekommen, behauptete der Mediziner laut Anklage wiederholt, seine Patienten seien bereits abhängig von regelmäßiger Dialyse. Der Arzt habe gewusst, dass es nicht annähernd genug Spenderorgane gab und deshalb den Tod anderer Patienten billigend in Kauf genommen.

Der Angeklagte hat sich selbst im Prozess als besonders kompetent und einsatzfreudig dargestellt. Er nannte die Richtlinien der Bundesärztekammer „Scheiße“ und sagte: „Ich erwarte mehr Patientennähe.“ Der Medizinrechtler Steffen Stern, der den Chirurgen im Göttinger Schwurgerichtsprozess verteidigt, hat Verstöße seines Mandanten gegen geltendes Recht mindestens indirekt eingeräumt mit der Formulierung, im Kampf um Menschenleben könne ein Arzt nicht nur auf Richtlinien starren: „Ein Arzt ist verpflichtet, seinen sterbenskranken Patienten zu helfen; nichts anderes ist hier geschehen.“

Die Staatsanwaltschaft dagegen pocht auf eine langjährige Haftstrafe auch noch wegen dreier weiterer angeklagter Fälle von Körperverletzung mit Todesfolge. Der Chirurg habe, so Staatsanwältin Wolff in ihrem Plädoyer, in diesen drei Fällen Organe transplantiert, obwohl dies überhaupt nicht angemessen gewesen sei. Alle drei Patienten starben; die Staatsanwaltschaft sieht das Fehlverhalten durch die Aussagen medizinischer Sachverständiger als bewiesen an.

Als die Manipulationsvorwürfe im Jahr 2012 bekannt wurden, brach die Spendenbereitschaft in Deutschland regelrecht ein. Manipulationsvorwürfe gab es dann auch gegen Kliniken in Leipzig, Regensburg und München. Inzwischen gibt es neue schärfere Richtlinien, mehr Kontrollen und eine Diskussion, die Zahl der Transplantationszentren deutlich zu verringern. Experten beklagen auch, immer weniger Ärzte an Kliniken engagierten sich für Organspenden.

Die Nebenkläger sollen an diesem Dienstag plädieren, am Mittwoch dann die Verteidigung. Die Urteilsverkündung in diesem Prozess ist für den 6. Mai eingeplant.