Hannover

Niedersächsischer Landtag ist noch maroder als gedacht

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Ludger Fertmann
Ein Longfront-Bagger
mit spezieller Schneidevorrichtung arbeitet an der Innenfassade des ehemaligen Plenarsaals in Hannover

Ein Longfront-Bagger mit spezieller Schneidevorrichtung arbeitet an der Innenfassade des ehemaligen Plenarsaals in Hannover

Foto: picture alliance

Außenwände des Plenarsaals sind rostig und müssen saniert werden. Unklar, ob die geplante Bausumme von 52,8 Millionen Euro ausreicht.

Hannover.  Die unendliche Geschichte um die Grundsanierung des niedersächsischen Landtags wird fortgeschrieben: Weil die Außenwände des in den 1960er-Jahren errichteten Plenarsaals in Hannover Roststellen im Stahlbeton aufweisen, müssen sie mit einer weiteren Schicht Beton ummantelt werden. Das kostet Zeit und Geld: 715.000 Euro veranschlagen die Gutachter für diese Lösung. Ob unter diesen Umständen die eigentlich verbindlich in eigener Sache vom Landtag beschlossene Bausumme von höchstens 52,8 Millionen Euro eingehalten werden kann, steht in den Sternen.

Aber allein die FDP war bereit, jetzt die große Lösung zu wählen und auch die Außenmauern noch abzureißen, statt neue teure Überraschungen abzuwarten. Diese Außenmauern wiederum sind ohnehin das Einzige, was vom Bau des Architekten Dieter Oesterlen noch stehen geblieben ist. Das Gebäude ist vollständig entkernt und hat kein Dach mehr.

Aber nach der Fertigstellung, so hat es der Landtag nun mal beschlossen, soll zwar innen alles neu und besser sein, aber die Außenfassade wird wieder genauso aussehen wie vor dem Baubeginn – sieht man davon ab, dass das Gebäude 2,5 Zentimeter mehr Umfang haben wird. Diese sogenannte Variante B bevorzugen CDU und Grüne, die SPD hat noch Prüfungsbedarf. Die alles entscheidende Frage: Ist der vorgesehene Weg mit den Vorschriften des Denkmalschutzes zu vereinbaren? Als vor fünf Jahren noch über einen kompletten Neubau beraten wurde, mussten die Parlamentarier Prügel einstecken, weil sie in eigener Sache den Denkmalschutz aushebeln wollten, während viele private Hausbesitzer sich mit teuren Auflagen des Staates herumärgern. Der Heimatbund war eine der Speerspitzen der Bewegung.

Rechtssicherheit ist jetzt das Stichwort der Stunde, und Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) betont außerdem noch das Urheberrecht des Architekten Dieter Oesterlen. Der ist zwar schon lange tot, aber seine Witwe pochte auf ihr Recht.

Bei allem aktuellen Ärger: Ein Zurück gibt es angesichts der allein stehen gebliebenen Außenwände nicht mehr; eben diesen Moment haben die meisten Politiker herbeigesehnt. Zwar tagt das Parlament im Leineschloss in Hannover nur an etwa drei Tagen im Monat, aber es stank. Die Abwasserrohre im Fundament waren undicht, ständig versagte die Technik, Tageslicht gab es auch nicht, und ganze Fensterfronten mussten mit Gewebe gesichert werden.

Weswegen es dem damaligen Landtagspräsidenten Hermann Dinkla (CDU) im Jahr 2010 sogar gelang, eine fraktionsübergreifende Große Koalition für einen Architektenwettbewerb und einen komplett neuen Plenarsaal zu schmieden. Als aber dann das Staatliche Baumanagement die Kosten für den Siegerentwurf nachrechnete und statt auf 45 Millionen Euro auf mindestens 70 Millionen kam, war es vorbei mit Dinklas Versuch, sich als Bauherr ein Denkmal zu setzen.

Sein Nachfolger Busemann versammelte dann im Jahr 2013 eine neue Mehrheit hinter sich für die Totalsanierung nach dem Motto Neubau im Altbau – Risiken inklusive.

Die hat es übrigens auch schon beim richtigen Neubau gegeben: Beim Planungsstart im Jahr 1956 sollte der Plenarsaal zehn Millionen Mark kosten. Als Bundespräsident Heinrich Lübke dann am 11. September 1962 die feierliche Eröffnung vornahm, standen 20 Millionen Mark in den Büchern. Mit seinen klaren Linien war der Anbau ans Leineschloss erklärtermaßen ein Kon­trastprogramm zur schnörkeligen Herrschaftsarchitektur der Welfen. Der Neubau war zudem ein Symbol für das Zusammenwachsen der Regionen wie Oldenburg, Braunschweig, Nordniedersachsen zu einem einigen und starken Bundesland Niedersachsen.

Spätestens im Herbst 2017 sollen die Abgeordneten wieder aus dem provisorischen Plenarsaal in einem Nebengebäude ins Leineschloss zurückkehren. Landtagspräsident Busemann ist die Vorstellung ein Gräuel, dass die Landtagswahl rund um die Jahreswende 2017/2018 auf einer Riesenbaustelle stattfindet. Und natürlich gilt für den Neubau im Altbau, dass er ein Vorbild an Wärmedämmung zu sein hat, barrierefrei und dass alle beauftragten Firmen sich an alle tarifvertraglichen Pflichten halten. Auch an Räumlichkeiten für die Kinderbetreuung haben die Planer gedacht.

Finanzminister Peter-Jürgen Schneider ist nicht nur oberster Dienstherr des Staatlichen Baumanagements Niedersachsen. Er wiegelt ab, was die Kosten angeht: „Jeder, der ein altes Haus saniert, weiß, dass hinter der nächsten Wand eine unangenehme Überraschung lauern kann“. Er hofft, dass sich die Zusatzkosten in den verbleibenden zweieinhalb Jahren bis zur Fertigstellung noch relativ gut kompensieren lassen .

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