Segelschulschiff

„Gorch Fock“: Eltern der toten Kadettin vom Urteil geschockt

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Hayke Lanwert

Die Entschädigungsklage ist abgewiesen. Der Job von Jenny Böken war lebensgefährlich, aber es bestand keine besondere Lebensgefahr. Über die wirklichen Todesumstände der Kadettin wird weiter gerätselt.

Aachen. Uwe Böken ist sichtlich geschockt. Mit Mühe erhebt er sich von seinem Stuhl im Gerichtssaal, sucht nach Worten: „Ich bin enttäuscht. Total enttäuscht!“, sagt er dann. Seine Stimme klingt belegt, mit der rechten Hand wischt er sich über die tränennassen Augen. So groß war seine Hoffnung an diesem Morgen. Darauf, dass das Verwaltungsgericht Aachen ihm und seiner Frau Marlis eine Entschädigung zusprechen könnte. Vor allem aber, dass der Fall der „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken neuen Schub erhält und endlich ermittelt wird.

Jenny Böken, seine Tochter, wurde nur 18 Jahre. Im September 2008 ging die Kadettin auf der „Gorch Fock“, dem Segelschulschiff der Marine, über Bord. Sie hatte nachts als Ausguck des Schiffs Wache gestanden. Erst nach tagelanger Suche wurde ihre Leiche gefunden. Die Staatsanwaltschaft Kiel stellte lediglich Vorermittlungen an, kam bald zu dem Schluss, es sei ein tragischer Unglücksfall gewesen.

Die tatsächlichen Todesumstände jedoch sind bis heute nicht geklärt. Warum etwa stellte die Gerichtsmedizin kein Wasser in den Lungen der Toten fest? Warum trug Jenny Böken ihre schweren Stiefel nicht mehr?

An diesem Morgen vor dem Verwaltungsgericht Aachen geht es nur vordergründig um 40.000 Euro Entschädigung für Jennys Eltern. Nach dem Soldatenversorgungsgesetz steht sie den Eltern eines Soldaten zu, wenn der bei der Dienstausübung unter besonderer Lebensgefahr stirbt. Wie aber waren die Umstände von Jenny Bökens Tod? Windstärke 7 herrschte in dieser Nacht, 15 Kilometer entfernt von der Insel Norderney, als Jenny ihre Wache antrat. „Das ist kein laues Lüftchen“, befindet auch der Vorsitzende Richter Markus Lehmler.

Wie heftig Wetter und Seegang in dieser Nacht tatsächlich waren, darüber gibt es höchst unterschiedliche Aussagen und Meinungen. Während die Bundeswehr von eineinhalb bis zwei Meter hohen Wellen ausgeht, zitiert Bökens Rechtsanwalt Rainer Dietz Zeugen, die zweieinhalb bis drei Meter hohen Seegang beschreiben und schwierige Wind- und Wasserverhältnisse.

Und hätte Jenny Böken in solch einer Nacht nicht zum eigenen Schutz eine Schwimmweste tragen müssen, ihr Kommandant bei 15 Grad Wassertemperatur genau das anordnen müssen? All das sind Fragen, die an diesem Morgen erörtert werden. Anfang August war das Gericht eigens zu einem Ortstermin nach Warnemünde gereist, um sich die „Gorch Fock“ einmal aus der Nähe anzuschauen.

Das Segelschiff und den Ausguck, in dem Jenny Wache hielt. Die Höhe der Reling. Jenes Stahlseil, das nach dem Tod Jennys installiert wurde, um die an manchen Stellen nur 35 Zentimeter hohe Reling zu sichern. Und den Gurt, den inzwischen jede Wache im Ausguck tragen muss, egal, ob ruhige See oder Unwetter.

Um solche Details geht es. Und um die Frage, ob die Ansprüche der Familie ohnehin verjährt sind, wie die Vertreter der Bundeswehr anbringen. Bei Uwe und Marlis Böken wie auch ihrem Anwalt Rainer Dietz glimmt jedenfalls Hoffnung auf. Endlich einmal ein Gericht, das sich des Falls richtig annimmt. „Endlich eine unabhängige Instanz außerhalb Norddeutschlands“, befindet der aus Geilenkirchen stammende Lehrer Uwe Böken am Rande des Prozesses.

Umso ernüchternder fällt der Urteilsspruch von Richter Lehmler dann aus. „Die Klage wird abgewiesen“, verkündet er und erklärt, dass Jennys Job in dieser Nacht zwar lebensgefährlich gewesen sei, aber eben keine „besondere Lebensgefahr“ bestanden hätte. Schließlich sei die „Gorch Fock“ erfolgreich seit 50 Jahren unterwegs, habe es in dieser Zeit 14.000 Kadetten gegeben und lediglich sechs Tote, sechs Unglücksfälle.

Für einen Sprengmeister, der eine Bombe entschärfe, bestehe besondere Lebensgefahr, auch für einen Feuerwehrmann, der in ein brennendes Haus laufe, um Menschen zu retten. Nicht aber für Jenny Böken in ihrem Ausguck.

Noch sind im Fall Jenny Böken zwei Beschwerden vor dem Bundesverfassungsgericht anhängig. Die Eltern wollen erreichen, dass endlich eine Staatsanwaltschaft ermittelt. Marlis und Uwe Böken, sie haben sich von diesem Tag, von diesem Urteil „Rückenwind versprochen“. Doch der kommt nicht auf.

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