Vogelfluglinie – die Route der Schleuser

Immer mehr Flüchtlinge versuchen, mit Bahn oder Auto Skandinavien zu erreichen. Bundespolizei fährt Streife. Sie ermittelt wegen Menschenhandels.

Lübeck. Ein Jahr lang war Omar unterwegs. Sein Weg führte aus seiner Heimat Eritrea über den Sudan und Libyen. Dort stieg er auf ein altersschwaches Boot, das voll war mit anderen Flüchtlingen. Der 23-Jährige überquerte das Mittelmeer und reiste durch halb Europa. Sein Ziel heißt Schweden, doch in Oldenburg/Holstein endet die lange Reise. Eine Streife der Bundespolizei hat Omar im ICE nach Kopenhagen entdeckt.

Im September zählte die Bundespolizei allein in den Zügen auf der Vogelfluglinie zwischen Hamburg und Puttgarden 400 Flüchtlinge. Im August waren es nur 160, im gesamten Jahr 2010 gerade mal 600. „Die Bahn ist der schnellste Weg nach Schweden“, sagt Gerhard Stelke, Sprecher der Bundespolizeiinspektion in Kiel. „Dort wollen alle hin.“

Auch die Autobahnen in Richtung Norden zählen zu den beliebten Routen. Am Wochenende hatte die Bundespolizei an der Autobahn 7 bei Flensburg die Schleusung von insgesamt 25 syrischen Flüchtlingen verhindert. Zwei Tage zuvor waren es fünf Syrer im Alter zwischen elf und 22 Jahren. Aus Syrien kommen häufig ganze Familien, die dem Krieg entronnen sind. Omar ist ein typischer Flüchtling aus Eritrea. Er ist jung, reist allein und hat nur einen Rucksack und ein billiges Handy bei sich.

Die beiden Polizisten Reiner Groll und Michael Hiebert vom Bundespolizeirevier Lübeck fahren regelmäßig in den Zügen nach Norden Streife. „German police, passports please“, sagen die Beamten, wenn sie ein Abteil betreten. Omar versteht kein Wort, aber er weiß, dass jetzt seine Reise vorläufig zu Ende ist. Ein paar Plätze weiter sitzt Abdelwahab. Er ist 16 Jahre alt, kommt ebenfalls aus Eritrea und will wie Omar nach Schweden reisen. Abdelwahab war drei Monate unterwegs und hat dieselbe Route wie Omar genommen. Einen Pass hat keiner der beiden dabei.

Groll und Hiebert fordern die Männer auf, in Oldenburg den Zug zu verlassen. Nebeneinander hocken die jungen Männer jetzt auf dem Bahnsteig. Vorher kannten sie sich nicht. Wie viele Flüchtlinge noch im Zug sitzen, können die Polizisten nur ahnen. Omar und Abdelwahab fahren begleitet von der Polizei zurück. Statt Puttgarden heißt ihre nächste Zwischenstation Bundespolizeirevier Lübeck.

Die Flüchtlinge werden nicht festgenommen, sagt Stelke mit Nachdruck. Die Bundespolizei spricht von einem Gewahrsam, um die Identität festzustellen. „Wir wollen den Gesichtern Namen geben“, sagt Stelke. Zur Prozedur gehört die „erkennungsdienstliche Behandlung“ inklusive Überprüfung der Fingerabdrücke und Fotoshooting.

Wen das System nicht kennt, muss das deutsche Rechtssystem kaum fürchten. Zwar erstattet die Bundespolizei Anzeigen wegen unerlaubten Aufenthalts und unerlaubter Einreise, doch eine Strafverfolgung bleibt in der Regel aus. Die Gerichte stellen die Verfahren in Massen ein. Auch vor der Abschiebung muss kaum jemand Angst haben. „Es wird keiner nach Hause geschickt“, sagt Stelke. Die aufgegriffenen Flüchtlinge erhalten eine Fahrkarte nach Neumünster zum zentralen Aufnahmelager des Landes Schleswig-Holstein. Dort sollen sie sich melden. Ob die Menschen aus Eritrea, Syrien oder dem Irak tatsächlich dorthin fahren, bleibt zumeist unklar, denn das Ziel heißt bereits beim Aufbruch in der Heimat Schweden. Der Aufenthalt bei den Skandinaviern ist wegen ihrer liberalen Einwanderungspolitik attraktiv. Asylbewerber in Schweden dürfen nach einem halben Jahr arbeiten, die Einbürgerung dauert in der Regel nur fünf Jahre.

Omar und Abdelwahab sitzen bei einer Flasche Mineralwasser im Lübecker Bundespolizeirevier. Sie sprechen nur Tigrinya. Ohne Dolmetscherin Mona Mohamed wäre eine Befragung nicht möglich. Mona Mohamed gehört zu den wenigen Dolmetschern in Norddeutschland, die mit Menschen aus Eritrea sprechen können. Bei der Bundespolizei ist sie fast täglich zu Gast. „Das Leben ist schlecht in meiner Heimat“, sagt Omar. „Wir haben kaum Geld und Essen.“ Die Hoffnung der gesamten Familie lastet auf dem schlaksigen jungen Mann, der in Schweden nur eines will: arbeiten. 1500 Dollar hat die gesamte Familie gespart und damit die Reise ins fremde Europa finanziert. Reisebüros nennen sich die Organisatoren, die Bundespolizei spricht von Schleusern. Den gleichen Preis hat die Familie des 16-jährigen Abdelwahab bezahlt. Seine Schwester hat es bereits nach Schweden geschafft.

„Nicht die Flüchtlinge sind die Straftäter, sondern die Schleuser“, sagt Gerhard Stelke. Die Bundespolizei sei von dem Ansturm aus Eritrea überrascht worden. Für die Ermittler ist klar: Viele Menschen kommen aus dem bettelarmen Land, weil dort clevere Afrikaner ein Geschäftsmodell für Armutsflüchtlinge entwickelt haben. Bis zu 5000 Dollar kann die Reise kosten. Wer etwas mehr zahlt, erhält beispielsweise gefälschte Papiere. Die Angebote stehen online. Die Familien von Omar und Abdelwahab mussten das preisgünstige Pauschalangebot wählen. Für die Reise von Deutschland nach Schweden statteten die Schleuser sie nur mit einem Satz neuer Wäsche, dem Handy inklusive Ladegerät und dem Rucksack aus. Darin fanden die beiden eine saubere Unterhose und ein neues T-Shirt.

Stelke und seine Kollegen gehen davon aus, dass auch die Reisen aus Syrien fast ausschließlich von Schleusern organisiert werden. In Deutschland ermittelt die Bundespolizei wegen Menschenhandels, auch Interpol wurde eingeschaltet. Für Stelke ist klar: „Die Schleuser machen Geld mit dem Leid der Menschen.“

Vor zwei Wochen haben Stelkes Kollegen im ICE nach Kopenhagen 48 Syrer entdeckt. Mehrere Kinder und Erwachsene waren von den Reisestrapazen entkräftet und erschöpft. Die Bundespolizei stellte in einer Halle Feldbetten auf. Das Rote Kreuz übernahm Betreuung und Verpflegung.

Omar erhält zum Abschied eine Fahrkarte nach Neumünster. Der minderjährige Abdelwahab wird in einem Jugendheim betreut. Wenn sie sich entschließen, in Deutschland kein Asyl zu beantragen, stehen die Chancen gut, dass sich ihr Traum erfüllen wird: Sie setzen sich erneut in einen Zug, der sie nach Schweden fährt. Mit dem zweiten oder dritten Versuch sinkt die Wahrscheinlichkeit, von der Bundespolizei entdeckt zu werden.