Haseldorfer Marsch

Seehunde und Schweinswale ziehen die Elbe hinauf

20 Tiere haben sich vor Haseldorfer Marsch angesiedelt. Im Naturschutzgebiet finden seltene Arten eine Heimat. Auch Brutvögel wie Braunkehlchen, Schilfrohrsänger und Bartmeise bietet das Schutzgebiet Lebensraum.

Haselau. Selbst die Einheimischen reagieren zum Teil erstaunt, wenn sie hören, dass sie quasi vor der Haustür Seehunde beobachten können, erzählt Hans Ewers, Nabu Schutzgebietsbetreuer der Haseldorfer Marsch. Mit Fernglas blickt er Richtung Pagensand. Vor der Insel ruhen drei Seehunde auf den Sandbänken, die die Ebbe freilegen. „Manchmal sind es bis zu zwölf“, sagt der Naturschützer. Bei seiner letzten Exkursion hatte er allerdings weniger Glück. 32 Menschen hatten sich Ewers angeschlossen, um Seehunde zu kieken, doch keines der Tiere ließ sich blicken. „Das war ganz schön peinlich“, sagt Ewers. Die Natur gibt eben keine Garantie. Ein wenig Glück gehört auch dazu.

Wer im Naturschutzgebiet Haseldorfer Binnenelbe mit Elbvorland, der sich über 15 Kilometer am Ufer der Elbe zwischen Wedel und Pinnausperrwerk erstreckt, unterwegs ist, sollte Augen und Ohren offenhalten. Denn neben Seehunden sind auch seltene und gefährdete Vogelarten wie Uferschnepfe, Blaukehlchen, Wachtelkönig, Tüpfelsumpfhuhn, Rohrdommel, Eisvogel, Wanderfalke und Neuntöter zu sehen oder zumindest zu hören. Eine Rohrweihe segelt dicht über dem Boden. „Ein Männchen“, sagt Ewers zufrieden. „Zu erkennen an den weißen Flügeln mit den braunen Flügelspitzen.“ War da etwa eine seltene Bekassine zu hören? Der Schnepfenvogel wird auch Himmelsziege genannt, weil sein Ruf wie ein Meckern klingt. Einmal im Jahr macht Ewers sich mit anderen Vogelfreunden auf die Suche nach dem Blaukehlchen. „Da geht mir keiner nach Hause, ohne diesen schönen Singvogel mit dem weißen Stern auf blauer Brust gesehen hat“, sagt Ewers.

Auch Brutvögel wie Braunkehlchen, Schilfrohrsänger, Bartmeise, Beutelmeise, Kiebitz, Rotschenkel und Sandregenpfeifer bietet das seit 1984 ausgewiesene Schutzgebiet Lebensraum. Zehntausende von Rast- und Zugvögeln lassen sich im Herbst und Frühjahr nieder. Auch zwei Seeadlerpaare haben sich angesiedelt. „Das Paar in den Eschallen hat die Brut leider abgebrochen“, sagt Ewers. Vermutlich wurden sie durch Menschen gestört. Doch die Seeadler in Haseldorf brüten zwei Eier aus, „zum ersten Mal seit Jahren erfolgreich“. Besorgniserregend sei der starke Rückgang der Watvögel in der Marsch. Für viele Naturfreunde dürfte der Anblick eines Seehundes Höhepunkt eines Ausfluges sein. In der Elbmündung sind die Tiden der Nordsee deutlich zu spüren. Große Flächen Süßwasserwatten, Priele, Inseln und feuchte Uferbereiche prägen die Landschaft. Ein Teil des Schutzgebietes ist durch den Deich von den Tiden abgetrennt. Auf dieser Erhöhung hat Ewers sein Spektiv aufgestellt, um die Seehunde zu beobachten. Hier vor der Gemeinde Haselau mündet die Pinnau in die Pagensander Nebenelbe.

Neben Seehunden sind übrigens auch Schweinswale regelmäßig in der Unterelbe zu Besuch. „Sie kommen im März, weil sie den Stintschwärmen folgen, die zum Ablaichen in die Flussläufe ziehen“, sagt Ewers. In diesem Jahr sind die ersten zwei Schweinswale in der Elbe erst am 16. April beim Finkenwerder Rüschpark gesichtet und der Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) gemeldet worden. Die berichten von einem fast invasionsartigen Auftauchen von Schweinswalen von Wedel bis in den Hamburger Hafen im Vorjahr. Eine kleine Sensation. Ab Mitte März konnten 2013 von den Strandcafés unterhalb der Elbchaussee und in den Hafenbecken die Kleinen Tümmler beobachtet werden, im Köhlbrand bis zu zehn Tiere gleichzeitig und das täglich.

Während die Schweinswale nur kurz auf Stippvisite vorbeischauen, bleiben die Seehunde. Denn während sie sich vor ein paar Jahren nur sporadisch in der Elbe blicken ließen, ist heute eine Population von 20 Tieren Dauergast, so der Experte. Leider haben die Naturschützer der Integrierten Station Unterelbe, einer Außenstelle des Landesamtes für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein, 2013 drei tote Schweinswale gefunden. Die Verletzungen ließen darauf schließen, dass sie von Schiffsschrauben verletzt wurden, erzählt Ewers. Die Seehunde sind weniger gefährdet, obwohl sie erstaunlich wenig Scheu zeigen und Ewers schon am Boot neugierig begleitet haben.

Noch bis in die 1970er-Jahre hinein wurden Seehunde gnadenlos verfolgt

Bei den Fischern war und ist der Seehund nicht gerade beliebt. Während die Jungtiere auch Krebse und Muscheln fressen, kommt bei den Erwachsenen neben einigen Garnelen fast ausschließlich Fisch auf den Speiseplan, immerhin drei bis fünf Kilogramm am Tag. Noch bis in die 70er-Jahre hinein wurden Seehunde als Nahrungskonkurrenten gnadenlos verfolgt, sodass die Seehundbestände fast ausgerottet wurden. Wasserverschmutzung und Überfischung haben die Bestände weiter dezimiert. Eine Bedrohung sieht der Nabu auch in der Elbvertiefung, gegen die der Umweltverband gemeinsam mit BUND und WWF vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig klagt. Im Sommer beginnt die Hauptverhandlung. „Mit der Elbvertiefung würden die Laichgründe vieler Fischarten verloren gehen, die ihre Eier im Flachwasser ablegen“, sagt Ewers. Für das ökologische Gleichgewicht wäre das eine Katastrophe. Und ohne Fisch werden weder Seehunde noch Schweinswale bleiben.

Hans Ewers lädt am Sonntag, 1. Juni, zum nächsten Seehundkiek-Termin ein. Treffpunkt ist 13.30 Uhr am Kreuzdeich. Die GRD bittet, Schweinswalsichtungen online unter www.schweinswale.de oder telefonisch unter 0176/22208271 oder 089/74160410 zu melden. Wichtig sind genaue Angaben zu Datum, Uhrzeit, Ort und Anzahl der gesichteten Tiere.