Sylter Seehundjäger

Warum werden die Sylter Kegelrobben getötet?

Die Sylter Seehundjäger sind selbst ins Visier geraten: Tierschützer werfen ihnen vor, zu viele der Robben zu töten, die am Strand gefunden werden. Der Protest läuft hauptsächlich im Internet.

Thomas Diedrichsen, 45, versteht zurzeit die Welt nicht mehr. Seit vielen Jahren ist er im Nebenberuf einer der drei amtlich bestellten Seehundjäger auf Sylt. Seine Aufgabe: Diedrichsen und seine Kollegen sollen kranke, leidende Tiere durch einen gezielten Schuss von ihren Qualen erlösen. Und von denen liegen reichlich auf den herrlichen Sandstränden von Deutschlands beliebtester Nordseeinsel herum. Etwa 500 bis 550 Kegelrobben und Schweinswale, vor allem aber Seehunde werden pro Jahr von den Kurverwaltungen, der Polizei, aber auch Strandspaziergängern gemeldet. Nach einer genauen Begutachtung bleibt den drei Jägern jedoch häufig nichts anderes übrig, als den Tieren mit einer Neun-Millimeter-Pistole in den Hinterkopf zu schießen. Ein schneller, ein sauberer, ein tierschutzgerechter Tod.

Zwei Internet-Petitionen wollen das Töten der Robben beenden

Doch eine wachsende Zahl von Tierschützern und Tierschutzorganisationen sehen in den Seehundjägern von Sylt eher Henker, die aus Lust, aus Laune und aus Geldgier heraus Robben töten, gesunde wie kranke Tiere, die man prima hätte behandeln können. Gerade schwappt einmal wieder eine Protestwelle durchs Internet, sind gleich zwei Petitionen online, die jeder unterzeichnen kann, der gegen den „staatlich angeordneten Robbenmord“ seine Stimme erheben will.

45 Euro Aufwandsentschädigung erhalten die Seehundjäger pro totem Tier, von denen sie rund die Hälfte eh als Kadaver vom Strand aufsammeln müssen. Reich kann man von dieser Arbeit also schon mal nicht werden. Doch auch sonst hält Ruth Weirup, Leiterin des Umweltamtes der Gemeinde Sylt, die Diskussion, die aktuell geführt wird, für „ganz und gar unsachlich“, da die Sylter Seehundjäger eine ganz vorzügliche Arbeit leisten würden, streng im Sinne des Natur- und Artenschutzes. „Wir stehen alle hinter diesen Männern: das Umweltministerium in Kiel, der Nationalpark Wattenmeer, sogar der BUND und der Nabu.“

Ruth Weirup weiß natürlich, wer hinter dem neuerlichen öffentlichen Aufschrei gegen das Töten der Seehunde steckt. Es ist die Tierärztin Janine Bahr, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem niederländischen Robbenexperten André van Gemmert, auf der Nachbarinsel Föhr eine private Robbenstation betreibt und den Sylter Robbenjägern schlichtweg die Kompetenz abspricht, beurteilen zu können, wann ein Gnadenschuss wirklich vonnöten ist und wann nicht. „Eine eingehende medizinische Untersuchung ist dringend notwendig. Und selbst Tiere, die zunächst einen schlechten gesundheitlichen Eindruck machen, erholen sich nach Erstversorgung und Behandlung sehr schnell. Eine Kurzbewertung am Strand durch einen Jäger ist da absolut unzureichend“, schreibt Janine Bahr auf ihrer Website, auf die sie verwiesen hat, da „sie im Augenblick zu nichts mehr kommt und nichts richtig vorangeht“.

Die streitbare Tierärztin und Tierschutzaktivistin fordert, dass zukünftig jedes Tier zunächst durch einen Veterinär untersucht werden müsse, bevor es zum Abschuss freigegeben werden kann. Die häufigste Erkrankung der Tiere, Lungenwürmer, aber auch Entkräftung oder Dehydration seien gut behandelbar. In Stationen in den Niederlanden, Belgien und Großbritannien würden diese Tiere selbstverständlich aufgenommen und bis zur Auswilderung gesund gepflegt. „Wie wir jetzt erfuhren, wird das bisherige Verhalten der aktuellen Robbentötungen auch schon seit längerer Zeit auf Sylt heftig diskutiert und von vielen Bürgern angeprangert“, heißt es ebenfalls aus der privaten Robbenstation, wo man sich um diese „vom Aussterben bedrohte Tierart ernsthaft Sorgen macht“. Und „dass darüber kaum Meldungen nach außen gedrungen seien“. Was allerdings ein wenig nach Verschwörungstheorie klingt.

Auch für Thomas Diedrichsen. „Das ist doch Quatsch, dass die Robben aussterben. Im Gegenteil: Die Robbenpopulation nimmt weltweit zu. Die einzige Robbe, deren Bestand gefährdet ist, ist die Mönchsrobbe, und die lebt im Mittelmeerraum.“ Überhaupt wundert er sich, wie viele Menschen sich plötzlich zu Seehundexperten aufschwingen. „Es kann nämlich durchaus sein, dass ein Seehund sich mal zum Ausruhen auf den Sand packt. Aber wenn sich dann jemand nähert, flüchtet die ruck, zuck ins Wasser. Wenn die Robbe liegen bleibt, dann kann man davon ausgehen, dass sie krank ist. Aber für Urlauber ist das häufig schwer zu verstehen, denn die Gesichter des zweitgrößten Raubtiers in unserem Land sind ja nun mal einfach niedlich.“ Diedrichsen und seine beiden Jagdkollegen sind daher häufig gezwungen, Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie zeigen dann den erschrockenen Strandspaziergängern, dass den Tieren Blut aus der Nase läuft, dass sie Blut spucken, wenn sie sich bewegen oder dass sie, wie er es unverblümt ausdrückt, „hinten total verschissen sind“, wenn sie sich nicht mehr bewegen können. Und selbstverständlich zieht er die Neun-Millimeter nur im Notfall in der Öffentlichkeit. Zumeist warten die Jäger mit dem Fangschuss, bis der Strand wieder leer ist. „Wenn Frau Bahr meint, dass es Sinn macht, kranke Tiere mit Medikamenten gesund zu pflegen, ist das ein Eingriff in die Natur, der mit den Grundsätzen des Nationalparks Wattenmeer nicht vereinbar ist“, sagt er.

Häufig haben die Tiere nicht heilbare Schädigungen durch Lungenwürmer

Tatsächlich haben routinemäßige Untersuchungen der toten Seehunde, etwa durch die Tierärztliche Hochschule Hannover, sogar gezeigt, dass die Seehunde und Robben häufig nicht heilbare Schädigungen infolge von Lungenwurmbefall haben. Das bestätigt auch der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz. Ruth Weirup macht das erneute Aufflammen der Diskussion regelrecht fuchtig: „Janine Bahr lässt sich mit Heulern auf dem Arm fotografieren. Damit verführt sie Leute zum Nachahmen von verbotenen Handlungen – und sie riskiert, dass diese Leute gebissen werden oder sich vielleicht sogar mit einer Krankheit infizieren!“ Schließlich handele es sich um Raubtiere – um geschützte Raubtiere.

Noch schwieriger ist die Gratwanderung zwischen leben lassen und Gnadenschuss, wenn es sich beim lebendigen Strandgut um niedliche Heuler handelt, die zumeist nach einem ordentlichen Sturm der Stärke acht bis neun aufgelesen werden. Heuler werden höchstens vier bis fünf Wochen gesäugt, danach müssen sie ohne ihre Mutter in der rauen Nordsee zurechtkommen. „Finden wir ein solches Tier einen Tag, nachdem der Wind abgeflaut ist, auf dem Strand, können wir davon ausgehen, dass es von seiner Mutter getrennt wurde.“ Diese Heuler können zumeist zur Seehundstation gebracht werden, wo man sie so lange füttert, bis sie mit einem Gewicht von mindestens 27 Kilogramm wieder ausgewildert werden können. Zehn- bis zwölfmal sei dies pro Jahr der Fall, durchschnittlich, meint Diedrichsen. „Aber wenn ein Heuler erst eine Woche nach dem Sturm angespült wird, ist das Tier meistens zu krank oder zu schwach.“

In einer Welt von Skandalen wollen Menschen nicht länger Spielbälle sein

Doch in Zeiten von Facebook, Twitter und Co. akzeptieren Tierschützer dieses übliche Prozedere nicht länger. Sie versuchen, Widerstand gegen das Robbentöten zu mobilisieren – vermutlich gegen jede Vernunft. „Tierschutz, der ja an und für sich sehr wichtig ist, kann zu einer Frage der Verblendung werden. Wir können zurzeit beobachten, dass dies zunimmt und gerade durch die sozialen Netzwerke befeuert wird, die Affekte schüren können und sich dann in intersoziale Gerichtshöfe verwandeln, die aufgerufen werden“, sagt der Psychologe Stephan Grünewald, Leiter des Rheingold-Instituts in Köln und Autor des Bestsellers „Die erschöpfte Gesellschaft“ (Frankfurt 2013). „Dahinter steckt die Fantasie: ‚Wir können gemeinsam zum machtvollen David werden, der die bösen und scheinbar übermächtigen Goliaths abstraft.‘“

Grünewald sieht den Grund hierfür in der gegenwärtigen Welt der Skandale und Finanzkrisen begründet: „Da taucht ständig die Frage auf, was falsch ist und was richtig. Menschen erleben sich zunehmend als Spielbälle und haben den Wunsch, dieser Ohnmacht zu entkommen und wieder ihre Handlungsfähigkeit zu beweisen. Doch um Goethe zu zitieren: ‚Aus Wohltat wird Plage‘, wenn man dabei nur noch blind einem abstrakten Prinzip folgt.“

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck hat dagegen null Verständnis für die militanten Tierschützer: „Wir haben die Pflicht, den Seehunden gute Lebensbedingungen zu schaffen. Aber genauso haben wir die Pflicht, todkranken Tieren unnötige Leiden zu ersparen. Keinem der Seehundjäger fällt es leicht, Seehunde zu töten. Aber auch dies gehört zu ihrer Verantwortung", sagt er. Auf den Vorwurf, den Jagdaufsehern fehle die entsprechende Sachkenntnis, fügt er hinzu: „Die Seehundjäger werden von Tierärzten, Wissenschaftlern und anderen Fachleuten regelmäßig geschult. Die Tierärzte bescheinigen ihnen eine hohe Kompetenz.“