Spitzenforschung

Ein Supercomputer namens Gottfried

Politiker und Wissenschaftler weihen Norddeutschlands neuen Riesenrechner ein. Er soll die Spitzenforschung in sieben Bundesländern vorantreiben.

Hannover. Die Zukunft brummt im Hinterhaus: Ein gutes halbes Dutzend Länderminister und Staatsräte und eine Schar von Professoren standen am Donnerstag ehrfürchtig vor Norddeutschlands neuem Supercomputer. Der füllt ein ehemaliges Lagerhaus auf dem Universitätsgelände in Hannover aus, macht Krach wie eine E-Lok, verbraucht im Jahr Strom für zwei Millionen Euro und hört auf den Namen Gottfried nach dem hannoverschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz.

Der Superrechner hat einen Bruder namens Konrad, benannt nach dem Computerpionier Konrad Zuse. Der steht künftig in Berlin mit den gleichen technischen Daten und ist verbunden mit Gottfried über eine Zehn-Gigabit Datenleitung. 30 Millionen Euro investieren zu gleichen Teilen der Bund einerseits und die Länder Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin in das Projekt.

Wenn Ende des Jahres die Gleichschaltung der Brüder abgeschlossen ist, wird das System HLRN-III etwa zehnmal schneller rechnen als das Vorgängermodell. Der Norddeutsche Verbund für Hoch- und Höchstleistungsrechner (HLRN) hat sich sogar die Mühe gemacht, die Leistungsfähigkeit der Anlage auch Laien zu verdeutlichen: „Wenn jeder der rund sieben Milliarden Menschen auf der Welt mit einem Taschenrechner ohne jede Unterbrechung in jeder Sekunde eine Rechnung absolviert, müsste die gesamte Menschheit Tag und Nacht 40 Jahre lang arbeiten, um das zu erledigen, was der HLRN-III in einer Stunde bewältigt.“ Auf der Datenleitung zwischen Berlin und Hannover können Gottfried und Konrad pro Sekunde den Dateninhalt von fast einer Million Buchseiten austauschen, und der Festplattenspeicher nimmt es mit acht Billionen Büchern zu 500 Seiten auf. 2,6 PetaFlops beträgt die Spitzenleistung, das sind 2,6 Billiarden Rechenoperationen in der Sekunde. In Zahlen ausgedrückt: „2.600.000.000.000.000 bzw. 2,6 mal 10 hoch 15.

Ob nun die Industrie bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge und der Optimierung von Windenergieanlagen oder die Universitäten bei der Klima- und Meeresforschung – sie alle arbeiten inzwischen mit schier unvorstellbar großen Datenmengen. Bei Gottfried und Konrad stehen bereits 125 Großprojekte auf der Anmeldeliste. Horst-Michael Pelikahn, Staatsrat in der Hamburger Behörde für Wissenschaft und Forschung, war in Hannover am Donnerstag beim Startschuss dabei und weiß, dass auch Wissenschaftler aus der Hansestadt bereits gemeldet haben. Der Technischen Universität Hamburg-Harburg geht es um die Optimierung von Schiffsantrieben und Kavitationssimulation unter Berücksichtigung der Wasserqualität. Das Kavitationsphänomen, so erläutert er, ist von großer technischer Bedeutung für Schiffsantriebe wegen Bauteilermüdung und Lärm. Die Hamburger Sternwarte freut sich bereits auf die Simulation von Stern- und Planetenatmosphären, und auf seinem Spickzettel des Staatsrates stehen dann auch noch „Modelle für Feinsedimentdynamik in Hafenbecken“. Supercomputer, so die niedersächsische Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic, „sind inzwischen unabdingbare Voraussetzung für exzellente Forschungsleistungen“.

Geld gekostet haben nicht nur die endlosen Schrankwände des Rechners, sondern auch die unterbrechungsfreie Stromversorgung, die Kühltürme auf dem Nachbargebäude und die Kältepumpen. Die Abrechnungsmodalitäten für die Nutzung liegen fest und beruhen auf der neuen Formel zur Umrechnung von Rechenzeit auf die Norddeutsche Parallelrechner-Leistungseinheit. Aber in Hannover wurde am Donnerstag nicht nur gefeiert, sondern auch gearbeitet. Weswegen auf die Festvorträge vom Vormittag wissenschaftliche Vorträge folgten. Professor Mojib Latif vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in der Uni Kiel erläuterte, warum er zu Fragen der Erderwärmung auf Klimasimulationsmodelle des Superrechners setzt, und Professor Joachim Sauer von der Uni Greifswald, Gatte von Bundeskanzlerin Angela Merkel, erläuterte, warum ohne die neuen Höchstleistungsrechner die Lösung chemischer Probleme etwa in der Katalyseforschung schwer wäre.

Den Politikern redete in Hannover der Darmstädter Professor Christian Bischof ins Gewissen, jetzt nicht am falschen Ende zu sparen. Der Superrechner brauche genügend Fachleute, die sich auf den optimalen Einsatz verstehen: „Ohne diese Experten wird viel Geld verschwendet, man muss auf dem Klavier auch spielen können.“ Im Übrigen gehe die Entwicklung weiter: „In fünf Jahren sind wir froh, wenn wir Konrad los werden, unsere Liebe zu diesen Großrechnern ist relativ kurzlebig.“