Dreggers im Kreis Segeberg

Das Dorf, das keine Wahlen braucht

Mehr direkte Demokratie durch Volksabstimmungen? In Dreggers, im Kreis Segeberg, ist das längst Routine. Hier bestimmen die Einwohner selbst – per Handzeichen.

Die erste Amtshandlung in der neuen Legislaturperiode hat familiären Charakter: Karin David öffnet im Sitzungsraum der Bühnsdorfer Feuerwehr die Plastikdosen und verteilt Kekse auf den Tischen. „Selbst gebacken“, sagt die 58-jährige Bürgermeisterin. „Mach ich immer so, das ist gut für die Atmosphäre hier.“ Auf dem langen Politikertisch und auf dem kleineren Tisch für die Medienvertreter türmen sich Mandelhörnchen und Plätzchen auf den Tellern, daneben liegen Pralinen und stehen Getränkeflaschen. Nach und nach treffen die Teilnehmer der Sitzung ein. Frauen und Männer aus Dreggers kommen im Feuerwehrhaus der Nachbargemeinde zur ersten Sitzung der Gemeindeversammlung nach der Kommunalwahl zusammen, um sich auf die neue Legislaturperiode einzustimmen.

In ihrem Heimatort, im zwei Kilometer entfernten Dreggers, gibt es nicht einmal einen solchen Versammlungsraum: Das Dorf im Kreis Segeberg besteht nur aus einer Handvoll Häusern, in denen 53 Menschen wohnen. Darunter zwölf Kinder. Ein Briefkasten, eine Bushaltestelle, zwei Landesstraßen und fünf Sackgassen – Dreggers ist eines der kleinsten Dörfer in ganz Schleswig-Holstein.

In Gemeinden, die weniger als 70 Einwohner haben, herrscht in Schleswig-Holstein der Zustand der Urdemokratie. Hier bestimmen alle wahlberechtigten Einwohner selbst, was in ihrem Dorf geschieht und wer Bürgermeister wird. Eine Gemeindevertretung gibt es nicht.

Deshalb besteht hier die Kommunalwahl nur aus der Wahl zum Kreistag: 60 Prozent der Wahlberechtigten kamen am 26. Mai in den zum Wahllokal umfunktionierten Flur im Altenteilerhaus von Bürgermeisterin Karin David und ihrem Mann, dem Altbauern Ewald David, 73, in der Dorfstraße 6b. Auch bei der Bundestagswahl am 22. September wird im Flur der Bürgermeisterin das Wahllokal eingerichtet.

Einmal im Jahr feiern muss sein: Das fördert die Dorfgemeinschaft

Während der ersten Gemeindeversammlung sitzen 13 Frauen und Männer am Konferenztisch. 15 Punkte stehen auf der Tagesordnung – der wichtigste: Bürgermeisterwahl. Karin David, seit zehn Jahren im Amt, kandidiert wieder und erhält natürlich das Vertrauen der Anwesenden. Wiederwahl einstimmig, bei zwei Enthaltungen von Karin und Ewald David. Anschließend geht es um die Besetzung der verschiedenen Ausschüsse – das ist kein Problem: Jeder der anwesenden Bürger von Dreggers erhält mindestens einen Ausschusssitz.

Auch wichtig an diesem Abend: die Besetzung des Arbeitskreises Dorffest. Denn diese Feier ist ein jährlich wiederkehrendes zentrales Ereignis im dörflichen Leben. An diesem Mittwoch treffen sich die alten und jungen Drögerer auf einem Feldweg am Ende der Dorfstraße, wo zwischen Äckern und Weiden zwei Bänke fest installiert sind, um gemeinsam zu feiern. Bei schlechtem Wetter wird das Dorffest verschoben. Da ist man in Dreggers sehr flexibel. Aber feiern muss sein: Das fördert die Dorfgemeinschaft. Campingstühle und -tische bringt jeder selbst mit.

Was für Gäste während der Gemeindeversammlung sofort erkennbar ist, festigt sich beim Dorfbesuch am nächsten Tag. In Dreggers kennt jeder jeden. Alle sind per Du, Dünkel und Barrieren sind nicht erkennbar. Die Gemeinschaft hält das Dorf am Leben. „Hier schaut man einfach mal bei den Nachbarn herein oder guckt schnell mal durchs Fenster und bekommt sofort mit, was los ist“, sagt Karin David, Mutter von vier erwachsenen Kindern, zweifache Großmutter. Und Nachbarn – das sind hier alle in dem kleinen Straßendorf zwischen Bad Segeberg und Bad Oldesloe.

Harbert Fresemann, 83, Bewohner Dreggers in der dritten Generation, weiß das zu schätzen: Weil seine Frau erkrankt ist, kommen andere Dorfbewohner noch häufiger als sonst auf ein Schwätzchen vorbei. „Meine Frau und ich haben im letzten November unsere diamantene Hochzeit gefeiert“, sagt der Altenteiler-Landwirt, der den Hof natürlich längst an seinen Sohn Volker, 60, übergeben hat. Und wie das bei großen Ehejubiläen und runden Geburtstagen so ist, sind alle Dorfbewohner dabei. Sofern sie es denn wollen. Das gemeinsame Binden des Türkranzes ist schon mal eine schöne Einstimmung auf das Fest.

Aber nicht alle wollen wirklich dabei sein. Es gibt durchaus Menschen in Dreggers, die sich von der Dorfgemeinschaft fernhalten. Das wird von den Alteingesessenen respektiert, aber eigentlich nicht so recht verstanden. „Hier wird jeder herzlich aufgenommen“, sagt Alt-Landwirt Gerhard Fresemann, 82, Cousin von Harbert Fresemann und ebenfalls hier geboren. Er schränkt aber vorsichtig ein: „Der erste Schritt, der muss von den Neuen kommen.“

„So gut können Sie es in der Großstadt gar nicht haben“

Die Gefahr, dass Dreggers von Neubürgern überflutet wird, ist allerdings eher gering: Bauland gibt es jetzt und in absehbarer Zeit nicht. Wer nach Dreggers zieht, übernimmt in der Regel ein älteres Haus. Und wer in Dreggers wohnt, verlässt den Ort so schnell nicht wieder.

Ulrike Lütjens, 36, hat es vor sieben Jahren in das beschauliche Dorf verschlagen. Sie stammt aus Ulm, hat in Kiel gewohnt, wo sie in einer Wohngemeinschaft ihren jetzigen Mann, den Archäologen Dr. Ingo Lütjens, 44, kennengelernt hat und mit ihm nach Dreggers gezogen ist. Denn Ingo ist hier aufgewachsen und wollte unbedingt in sein Elternhaus zurück. Dreggers – ein Kulturschock für die Großstädterin?

Ulrike Lütjens lacht und zeigt auf ihre drei Kinder. Awarun, 6, Bjarne, 4, und Sönne, 2, spielen im großen, hangartig angelegten Garten, auf der Weide nebenan grasen Kühe, die einem Landwirt aus dem Nachbardorf gehören, die Katze döst in einem leer stehenden Bassin. Dorfidylle pur. „So gut können Sie es in der Großstadt gar nicht haben.“ Im August erwartet die Familie das vierte Kind.

Wenn Awarun nach den Sommerferien eingeschult wird, besucht sie die Grundschule im drei Kilometer entfernten Dorf Altengörs; denn die Schule in Dreggers gibt es längst nicht mehr. Etwa 1890 wurde sie aufgelöst, aber das Gebäude steht heute noch und ist bewohnt. Einen Kindergarten gibt es nicht – abgesehen vom Garten der Familie Lütjens.

Ulrike und Ingo Lütjens bringen sich in das Dorfleben ein, gehören dazu, reden und bestimmen in der Gemeindeversammlung mit. Ingo, der tagsüber in der Außenstelle Neumünster des Archäologischen Landesamtes arbeitet, ist als zweiter stellvertretender Bürgermeister und Vorsitzender des Finanzausschusses ein wichtiger Mann in Dreggers.

Bekannt ist er außerdem: Viele Zeitungen haben über ihn berichtet, weil er die archäologischen Grabungen entlang der A-20-Trasse zwischen der schleswig-holsteinischen Landesgrenze und Bad Segeberg geleitet hat. Und selbstverständlich wird Ehefrau Ulrike längst auch von den alten Dorfbewohnern geduzt. Ihr leicht schwäbisch eingefärbter Dialekt hat die durchweg plattdeutsch sprechenden Altbewohner nicht abgeschreckt. Die Neubürgerintegration hat hier also hervorragend geklappt.

Die Cousins Harbert und Gerhard Fresemann kennen die jüngere Geschichte des 1439 erstmals urkundlich erwähnten Dorfes. Als sie Kinder waren, hielten ihre Eltern Pferde, 1938 tuckerte der erste Trecker durch den Ort, der dann allerdings 1945 enteignet wurde. Erst von 1951 an setzte sich bei den hiesigen Bauern die Motorisierung allmählich wieder durch: 25 PS hatten die ersten Traktoren nach dem Krieg, heute donnern moderne Zugmaschinen mit 250 PS durchs Dorf. Die Gastwirtschaft und der letzte Tante-Emma-Laden wurden schon vor Jahrzehnten aufgegeben, die Häuser stehen noch und sind bewohnt. Die Flüchtlingstrecks aus dem Osten sind auf den Landstraßen weitgehend an Dreggers vorbeigezogen. Hier wurde nur Rast gemacht, geblieben ist kein Flüchtling.

Äußerlich hat sich sonst wenig verändert in Dreggers, aber in den Ställen ist ein neues Zeitalter angebrochen: Moderne Schweinemastbetriebe sind es heute. Heiko, der 50-jährige Sohn von Gerhard Fresemann, hat zum Beispiel 1300 Jungschweine in seinem durchautomatisierten Stall. Dazu bewirtschaftet er 110 Hektar Land, auf dem Weizen, Raps, Wintergerste und Mais – teilweise als Schweinefutter genutzt – angebaut wird.

Eine eigene Familie hat Heiko Fresemann nicht, aber mit dem Neffen Björn, 25, einem staatlich geprüften Agrarbetriebswirt, steht ihm bereits die nächste Generation zur Seite. Björn, der den Hof eines Tages übernehmen soll, bringt sich ebenfalls voll in das Dorfleben ein: Er wurde während der Gemeindeversammlung zum jüngsten Mitglied des Dorffestarbeitskreises gewählt.

Zwei bis drei Versammlungen im Jahr sind nötig, um Dreggers zu regieren

Altbürgermeister Gerhard Fresemann und Cousin Harbert – der Name wurde ihm gegeben, weil seine Vorfahren einst aus Ostfriesland nach Schleswig-Holstein kamen – erinnern sich gern an ihre Jugendzeit und geraten ins Schwärmen, wenn sie an die spontanen und geselligen Dorfabende ohne Fernseher und Computer früherer Zeiten denken. Aber Bürgermeisterin Karin David, die vor 35 Jahren zu ihrem Ewald nach Dreggers gezogen ist, winkt ab. „Schöner als heute kann es auch damals nicht gewesen sein.“ Denn spontane Zusammenkünfte auf einer der großen Terrassen gibt es heute immer noch. „Bei uns in Dreggers stehen alle Türen offen.“

Die Tür des Bühnsdorfer Feuerwehrhauses wird für die nächste Gemeindeversammlung allerdings erst wieder im Herbst offen stehen. Denn nur zwei bis drei Versammlungen pro Jahr sind nötig, um Dreggers zu verwalten. „Großartige Dinge stehen bei uns selten auf der Tagesordnung“, sagt Karin David. Ein wichtiger und zukunftsweisender Beschluss wurde im Mai während der letzten Sitzung in der alten Legislaturperiode gefasst: Der Gründung des Feuerwehrzweckverbandes Bühnsdorf/Bahrenhof/Dreggers wurde zugestimmt. Und zwar einstimmig.

Das finden alle in Dreggers völlig in Ordnung, zumal es bereits mehrere ortsübergreifende Vereine gibt. Aber einen örtlichen Zusammenschluss aller drei Dörfer will hier niemand. Das übersteigt die Vorstellungskraft: „Dann würde wir unsere Seele verkaufen“, sagt Karin David und ist sich ganz sicher, dass alle anderen in Dreggers genauso denken.