Spektakuläre Funde

Neue Heimat für die Weltsensation in Schöningen

1994 wurden im niedersächsischen Schöningen 300.000 Jahre alte Speere entdeckt. Nun können die spektakulären Funde besichtigt werden. Neuer Ministerpräsident Stephan Weil zeigte sich bei Eröffnung begeistert.

Schöningen. Sie sehen aus wie etwas dick geratene Bohnenstangen, aber das Land Niedersachsen lässt es sich 15 Millionen Euro kosten, sie in einem eigenen Museum am Fundort Schöningen ins rechte Licht zu setzen: Die Schöninger Speere sind 300.000 Jahre alt und gelten als archäologische Weltsensation. Es sind die ältesten Jagdwaffen der Menschheit.

Paläon heißt das Forschungs- und Erlebniszentrum in Schöningen bei Helmstedt, das der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil am Montag eröffnet hat. Als im Jahr 1994 genau hier im Braunkohletagebau die Speere gefunden wurden und anschließend datiert werden konnten, waren die Archäologen aus dem Häuschen. Im feuchten Boden waren die Waffen weitestgehend erhalten geblieben. Und in der Nähe fanden sich massenhaft Knochenreste von Wildpferden. Zusammen mit weiteren Funden konnten sich die Archäologen genauer als je zuvor ein Bild machen wie die Urmenschen lebten – damals zwischen zwei Eiszeiten.

Das Bild des homo heidelbergensis musste regelrecht revolutioniert werden: Er besaß unerwartete Fähigkeiten wie planendes Handeln, Kommunikationsvermögen, technologische Fähigkeiten und ausgefeilte Jagdstrategien. Der Urmensch hatte mit dem homo sapiens also sehr viel mehr gemein als bis dahin angenommen.

Zunächst lagen die Speere im Keller im Landesamt für Denkmalpflege in Hannover, er wurde zur Pilgerstätte für Archäologen der ganzen Welt. Dann gelang es dem Paläon-Förderverein, die schwarz-gelbe Landesregierung für das Projekt eines eigenen Museums vor Ort zu begeistern. Dazu dürfte beigetragen haben, dass 2009 der Bund dem Land im Rahmen des Konjunkturpakets II kräftig finanziell unter die Arme griff bei dem Projekt. SPD und Grüne im Landtag haben in Oppositionszeiten immer gerne an der Entscheidung herumgemäkelt.

In vier Jahren endet der Abbau der Braunkohle in Schöningen

Der neue Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) aber zeigte sich bei der Eröffnung am Montag begeistert: „Mit dem Fund der Schöninger Speere wurde eine Weltsensation entdeckt.“ Er nennt das Projekt jetzt einen wichtigen Baustein für den Strukturwandel in der Region: „Das lohnt sich allemal“, sagt er in Bezug auf den millionenschweren Bau.

Aluminium und Glas, man könnte glauben, ein Raumschiff sei gelandet zwischen Äckern und in direkter Nachbarschaft zum überdimensionalen Loch des Tagebaus. Das Paläon ändert sein Aussehen mit jeder Veränderung des Lichts. Aber in vier Jahren endet der Abbau der Braunkohle, und Schöningen wird dies zu spüren bekommen durch den Abbau von Arbeitsplätzen und niedrigere Steuereinnahmen.

Folgerichtig nennt Bürgermeister Henry Bäsecke das Paläon einen „Leuchtturm“, schließlich setze seine Stadt auf sanften Tourismus. Die Confiserie am Ort hat bereits Schokoladenspeere im Angebot, jetzt geht es darum, möglichst viele Besucher des Projekts auch in die älteste Stadt des Braunschweiger Landes zu locken. Das Konzept des Paläon geht davon aus, dass mittelfristig mindestens 70.000 Besucher im Jahr kommen, damit das Unternehmen schwarze Zahlen schreibt.

Was das Land zum Gelingen beitragen kann, hat es bereits getan

Dies sei, hat schon vor Jahren die damalige Kultusministerin Johanna Wanka (CDU) festgestellt, „nicht unrealistisch“. Sie verwies gerne auf den Erfolg des Neandertalmuseums im nordrhein-westfälischen Mettmann oder die Arche Nebra im benachbarten Sachsen-Anhalt.

Und was das Land beitragen kann zum erwünschten Erfolg des Projekts, hat es getan: Schon vor der Eröffnung wurde das Paläon vom Kultusministerium als „außerschulischer Lernort“ anerkannt.

Kommen werden aber auch weiter die Wissenschaftler, denn angelegt ist das Projekt als Lernort für Laien wie Fachleute. Paläontologie ist die Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Erdzeitalter, und da nehmen die Schöninger Speere eben einen besonderen Platz ein. „Entdecke den Urmensch in dir!“ lautet das Motto der Mischung aus Museum und Forschungsstätte in dem Gebäude mit 2300 Quadratmeter Nutzfläche.

Auf dem 24 Hektar großen Außengelände grasen Przewalski-Pferde, die zur letzten noch existierenden Wildpferdeart gehören. Und es gibt weiter archäologische Grabungen, die Funde werden in den gläsernen Laboren unter den Augen der Besucher aufbereitet.

Im Mittelpunkt des Gebäudes stehen natürlich die ausgestellten Speere, aber wer eintritt, steht erst einmal vor einer 30 Meter breiten Panoramawand mit Bilderszenen. Wenn auf einem Monitor Bilder von Büffeln zu sehen sind, können Besucher per Touchscreen Details nachfragen über Größe und Gefährlichkeit. Neben den Gemeinsamkeiten der Besucher mit dem Urmenschen werden aber auch die Unterschiede herausgearbeitet: Ein Großstädter begegnet heute im Durchschnitt rund 1000 Menschen täglich, damals waren es bestenfalls 25.

Das Paläon ist ab 25. Juni dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Erwachsene zahlen 9,50 Euro Eintritt, Kinder ab 6 Jahren, Jugendliche, Azubis und Studenten 6 Euro.