Ärztekammer: Wir sind beim Organhandel angekommen

Experten verlangen nach Betrug in Göttingen mehr Kontrollen

Göttingen. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, hat den Organspendeskandal in Göttingen als "Super-GAU" für das notwendige Vertrauen in der Bevölkerung bezeichnet. "Wir sind beim Organhandel angekommen", sagte Windhorst. Er forderte eine vorbehaltlose und transparente Aufklärung sowie eine konsequente Bestrafung der Verantwortlichen bis hin zum Verlust der ärztlichen Zulassung.

Im Normalfall schließe das funktionierende System der Organspende mit der Überwachung durch Eurotransplant kriminelle Machenschaften aus, sagte der Ärztekammer-Präsident. Aber die derzeitige Mangelverwaltung bei Spenderorganen öffne krimineller Energie nun Tür und Tor und nutze die Angst der kranken Menschen vor dem Tod auf der Warteliste aus. Er hoffe, dass das Vertrauen der Bevölkerung "in das gute System der Organspende nicht zu sehr erschüttert" sei.

Das von Eurotransplant in den Niederlanden überwachte System der Organspende sei absolut gerecht und an der Warteliste orientiert, wenn es "nicht wie geschehen durch erhebliche kriminelle Energie ausgehebelt" werde. Offenbar wurden am Uniklinikum in Göttingen in den vergangenen zwei Jahren in großem Stil Krankenakten gefälscht, damit bestimmte Patienten auf der Warteliste für eine Lebertransplantation nach oben rücken. Der verdächtige frühere Oberarzt hat sich bislang nicht vor den Ermittlungsbehörden dazu geäußert.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) appellierte, aus den Vorwürfen keine voreiligen Schlüsse zu ziehen: "Die Organspende rettet Leben." Zugleich forderte er "bessere Verfahrensregeln" bei Organtransplantationen. Der Chef der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, Hans Lilie, schlug eine zusätzliche Kontrolle der Patientendaten nach dem Vieraugenprinzip vor.

"Bei dem Skandal in Göttingen wurden offenbar Laborwerte verfälscht. Daher verfolge ich die Idee, dass ein Laborarzt die Daten, die Eurotransplant geschickt werden, noch einmal prüfen sollte", sagte Lilie der Tageszeitung "Die Welt". Der zusätzlich hinzugezogene Arzt sei ein Zeuge für die Richtigkeit der Daten, sagte Lilie. Er käme "selbstverständlich nicht aus dem Umfeld des zuständigen Transplantationsmediziners, sondern wäre unabhängig und hätte daher auch kein Interesse an einer Verfälschung". Medizinprofessor Eckhard Nagel sprach sich ebenfalls für die Einführung des Vieraugenprinzips aus. "Es würde die Sicherheit vor Ort und die Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung von Betrügereien erhöhen, wenn zwei Ärzte die Befunde unterschreiben müssten."