Hinterm Horizont

Udo Lindenberg - Eine wunderbare Udopie

1973 besang er "Das Mädchen aus Ost-Berlin". Das Musical "Hinterm Horizont", das ab Donnerstag aufgeführt wird, erzählt die Liebesgeschichte.

Er ist Kult, musste Kult werden. Schließlich scheinen Aussehen, Bewegungen und Sprache bei ihm ritualisiert, so wie es sich für ein richtiges Kultobjekt gehört. Hut, Spiddelbeine in dürrer Hose, der Tanzstil, der aus abgeknickten Knien und rudernden Armen besteht, Sonnenbrille, schmaler Schlips. Und das ist nur die Optik. Dabei ist nichts so schnell identifizierbar wie sein gepresster Gesang. Nimmt man seine selbst erfundene Sprache hinzu, für die er immerhin mit dem Jacob-Grimm-Preis ausgezeichnet worden ist, sein düdideldüdeldö, sein "Hallöchen" oder "alles easy", vorgetragen mit der vorgestülpten Unterlippe, dann ist die lebendige Kunstfigur fertig: Udo Lindenberg. Der Mann, der aus Wörtern wie "Panik", "Rock 'n' Roll" und stinknormalen Alltagssehnsüchten Poesie macht. Bei ihm geht's um Ausbruch und Aufbruch, Frauen und Liebe, Rockwahnsinn und Drogen. Um Politik, Ost und West, den Traum davon, "sein Ding zu machen", und gesungen wird auf Deutsch. Manch einer hat ähnlich angefangen im Rockgeschäft, aber keiner hat's lange überlebt. Nur Udo L.

Seit 40 Jahren ist er ein Gesicht im deutschen Showgeschäft, hat schlimme Einbrüche hinter sich, aber auch einen kometenhaften Wiederaufstieg mit seinem 2008er-Album "Stark wie zwei". Und sonst? Udo Lindenberg ist ein Mann mit einem großen Herzen, Freunde und Familie sind ihm das Wichtigste. Einmal treu, immer treu. Lässt sich für Entscheidungen Zeit, aber hat immer einen Plan im Kopf. Er hing sehr an seinem acht Jahre älteren Bruder, der 2006 starb. Deshalb hat er auch Angst vor einem frühen Tod und kümmert sich um seine jüngeren Zwillingsschwestern.

Und nun gibt's ein Musical über einen Teil seines Lebens. Mit seinen Songs. Eine Liebes-, eine Trennungsgeschichte, eine West-Side-Story "aber statt Knarren gibt's Rock 'n' Roll. Gegen prügelnde Polizisten."

Denn "Hinterm Horizont" erzählt mehr als die Lovestory zwischen Udo L. und dem Mädchen aus Ost-Berlin, Jenny - die in Wirklichkeit anders hieß. "Das ist nicht nur meine Geschichte", sagt Lindenberg, "es ist die Geschichte von vielen Menschen, die das geteilte Deutschland erlebt haben.

'Hinterm Horizont' ist ein tolles Lied, auch wenn es von anderen gespielt wird, bleibt es ja mein Ding", sagt Udo Lindenberg und ist begeistert von Serkan Kaya, der ihn verkörpert. "Serkan ist kein Doppelgänger, er hat einen eigenen Stil, kann fantastisch singen. Er ist ein toller Stellvertreter." Und Serkan Kaya, der den Udo zwar verkörpern, aber nicht hinter ihm verschwinden soll, beschreibt das Musical als "Geschichtsunterricht mit geiler Mucke".

Wie reagiert der Mensch Lindenberg darauf, sich und einen Teil seines Lebens auf der Bühne zu sehen? "Erst mal war es ein bisschen komisch, fast ein Schock, aber dann fand ich es geradezu ergreifend", sagt er irgendwie ergriffen. "Ich bin total happy und finde es sehr ehrenvoll, dass diese Romeo-und-Julia-Geschichte meines Lebens jetzt die Vorlage für ein Musical geworden ist. Ich guck da drauf wie auf einen Film." Udo Lindenberg, der Bühnenprofi, ist beeindruckt von der Professionalität, mit der die zahlreichen Techniker und Künstler diese Show auf die Bühne bringen. "Jeden Tag sitze ich jetzt auf den Proben. Das ist ein tolles Leben mit der Big Family. Ein Abenteuer. Und was das Beste ist, das ist 'ne Show, bei der ich nicht selber auftreten muss."

Kann Udo L., der Mann, der seine eigene Kunstfigur verkörpert, eigentlich noch "normal" sprechen, also ohne zu nuscheln? "Klar kann er das", behauptet Regisseur Uli Waller, der damit über echtes Insiderwissen verfügt.

Den Hut - irgendwas zwischen Cowboy und Detektiv - hat Udo Lindenberg 1980 in New York gefunden, ähnliche kauft er seitdem in Hamburg nach, in einem Geschäft nahe dem Rathaus. Ob die Haare daran echt sind? Bestimmt. Aber sind sie auch von ihm? Einer ähnlichen Tarnungsabsicht dient die Sonnenbrille, die Udo Lindenberg in grauer Vorzeit aufsetzte. Und die er dann wohl niemals mehr abnahm. Sein Markenzeichen dient dazu, dass man sich mit Udo Lindenberg beschäftigt.

Dass er Erich Honecker mal eine Lederjacke geschickt hat, mit dem Gruß "Hallöchen Honey, mal so von Rockfreak zu Rockfreak", ist eine weitere Geschichte. Und dass Honecker dann die Ankunft der Lederjacke artig quittierte: "Die mir zugedachte Jacke werde ich dem Zentralrat der FDJ übergeben" - wohl weil beide, FDJ wie Lederjacke, nach Honeckers Meinung mit Jugend zu tun hatten. Immerhin glaubte Lindenberg lange vor der Wiedervereinigung an ein vereintes Deutschland.

Udo Lindenberg ist von der Arbeit des Regisseurs sehr beeindruckt. "Uli Waller arbeitet nicht mit den üblichen Musical-Attributen, er macht etwas sehr Spezielles. Eine Fusion von Theater à la Zadek, Musical und Rock 'n' Roll."

Würde die Inszenierung in Hamburg gezeigt, kämen wegen der Größe nur das Operettenhaus, das Schauspielhaus oder das "König der Löwen"-Zelt infrage. "Ich sitze auf den Proben wie auf einem Kommandostand von einem Ufo", sagt der Regisseur. "Etwa 40 Leute sind um mich herum, die mit Kopfhörern am Computer sitzen, telefonieren und alles gleich technisch regeln. Auf der Bühne fahren Wagen wie von selbst. Das muss programmiert werden. Und dauert. Den Schauspielern schreibe ich nach jeder Probe einen Brief über das, was auf der Probe gut und weniger gut lief. Es sind so viele Leute dabei, das würde als Besprechung zu lange dauern und Probenzeit wegnehmen."

Waller und Lindenberg haben sich vor zehn Jahren im Flugzeug kennengelernt. "Ich dachte immer, dass man mit Udo Lindenbergs Liedern mehr machen kann als nur ein Konzert", sagt Waller. Als er und Lindenberg dann über einen Plot für ein Musical sprachen, war die Geschichte schnell gefunden: Es geht um ein Lindenberg unbekanntes Kind, das er mit dem Mädchen aus Ost-Berlin gezeugt hat und von dem er erst heute, also 23 Jahre später, erfahren hat. "Wie bei vielen Geschichten Lindenbergs spielt es zwischen Dichtung und Wahrheit", sagt Waller.

Ob es dieses Kind wirklich gibt? Wer weiß es. Udo Lindenberg hat dessen Besuch jedenfalls schon mal für den Abend der Premiere in Berlin angekündigt. "Wir sind alle sehr neugierig", sagt Waller, "ob das Kind wirklich kommt. Udo war ja schon immer ein genialer Mythomane, der sich und seine Biografie oft neu erfunden hat." Was sagt Udo Lindenberg dazu? "Das Mädchen aus Ost-Berlin war immer schon schüchtern. Also, die sucht nicht die Öffentlichkeit. Sie kommt sicher zur Premiere. Vielleicht verkleidet, damit man sie in Ruhe lässt. Mit 'ner Burka."

Ulrich Waller hat anfangs gemeinsam mit Frank Göhre einen Text fürs Musical geschrieben. "Udo hat den Text nicht gelesen, ich hab ihn ihm vorgelesen", sagt Waller. "Aber Udo weiß genau, was er will." Zahllose Exposés später hat man die Geschichte dann dem Autor Thomas Brussig übergeben. Brussig, ein Lindenberg-Verehrer aus der DDR, gehörte zu denjenigen, die 1983 nicht ins Konzert reingekommen sind, "kennt das authentische DDR-Feeling", wie Lindenberg sagt.

Dass Lindenberg bei dem legendär gewordenen Abend spielen durfte, verdankt er seinem Agenten Fritz Rau. Lindenberg, der sich kurz zuvor mit seinem respektlosen "Sonderzug nach Pankow" ein Einreiseverbot in die DDR eingehandelt hatte, hatte denselben Agenten wie Harry Belafonte. Und den wollte die DDR bei ihrem Konzertabend gegen die amerikanischen Pershing-Raketen unbedingt dabei haben. Fritz Rau sagte dann. "Den bekommt ihr nur, wenn ihr auch Udo Lindenberg auftreten lasst." Einzige Bedingung der DDR: Udo durfte den "Sonderzug" nicht singen.

"Das Mädchen aus Ost-Berlin", ein Song, der bereits 1973 entstanden war, hatte ihm viele Fans in der DDR eingebracht. Nach dem Konzert 1983 war Lindenberg Kult. Die Geschichte im Musical beginnt damit, dass eine Journalistin herausfinden soll, ob es dieses Mädchen wirklich gibt. Sie findet es. Im Stück hat diese Jessy einen 23-jährigen Sohn, der nach einer Liebesnacht in Moskau entstanden ist, wo sich Udo und das Mädchen noch einmal getroffen hatten. Sie kommt später nicht dazu, ihm von dem Kind zu erzählen. Er denkt, sie sei von der Stasi auf ihn angesetzt worden, und bricht den Kontakt ab. Als der erwachsene Sohn erfährt, wer sein Vater ist, fährt er nach Hamburg, ins Hotel Atlantic, wo Vater und Sohn am Schluss eine musikalische Familienzusammenführung erleben. Alle Lieder im Musical, darunter "Was hat die Zeit mit uns gemacht", "Ich bin Rocker" oder "Boogie-Woogie-Mädchen", sind echte Lindenberg-Hits. "Natürlich soll das Stück kein Udo-Lindenberg-Parodie-Abend oder eine Doppelgänger-Show werden. Aber gelegentlich karikieren wir ihn fast", sagt Regisseur Uli Waller. "Und ich habe das Gefühl, dann amüsiert sich Udo am meisten."

Die Figur, die wir heute als Udo Lindenberg kennen, die hat der Künstler zu der Zeit, in der das Stück spielt, gerade erfunden. Fertig war sie noch nicht. Privat ist Udo Lindenberg nicht nur sehr besorgt um alle seine Mitarbeiter, Freunde und um seine Familie - darüber hinaus auch ein sorgsamer Geschäftsmann. Seit er als junger Mann im Hotel Breitenbacher Hof in Düsseldorf eine Kellner-Lehre gemacht hat, achtet er darauf, dass es dem Service-Personal gut geht. Entsprechend gut wird er auch vom Personal behandelt.

Serkan Kaya, ein in Leverkusen geborener Deutsch-Türke, der nicht nur eine Musical-Ausbildung hat, sondern auch Rock-Musiker ist, scheint ein perfekter Lindenberg-Darsteller, denn er ist eben kein singender, nuschelnder Hutträger, sondern man kann seinem Udo auch in die Seele blicken. "300 Schauspieler haben wir wochenlang gecastet", sagt Waller. Aber dazu gehören natürlich auch die anderen Rollen, darunter Udos Leibwächter Eddy Kante, der auf der Bühne ebenfalls wie ein Zwilling seines Vorbildes aussieht. "Wir haben für fast alle Rollen Schauspieler, die gut singen können, keine Musical-Darsteller. Die Mehrzahl von ihnen stammt aus dem Osten Deutschlands. Die erzählen hier ihre eigene Lebensgeschichte." Jeder Schauspieler hat 32 Vorstellungen pro Monat. "Das ist eine harte Sache", sagt Waller.

Udo Lindenberg, der Hunderte Songs geschrieben hat und seit Jahrzehnten Musik macht, ist bei jungen Leuten genauso beliebt wie bei der Generation, die ihn begleitet hat. "Udo eiert nicht rum", erklärt Ulrich Waller Lindenbergs Kultstatus. "Er redet Klartext, benennt Dinge beim Namen. Er ist neugierig und hat unglaubliche Fähigkeiten zu erkennen, was im Schwange ist, was die Menschen bewegt und interessiert. Er kann Menschen berühren. Ohne pathetisch zu sein. Man glaubt ihm, dass er von Sachen redet, von denen er Ahnung hat." So einer ist er auch auf der Bühne. In echt wie im Musical.

Vielleicht schreibt Udo L. eines seiner nächsten Lieder über die Zeit und die Erfahrungen mit dem Musical. "Vielleicht, ne", sagt er, "wär doch geil."