Hitzewelle im Norden

Städter strömen an die Küsten - erhöhte Waldbrandgefahr

Foto: Reto Klar

Bei Temperaturen über 30 Grad erwartet die Tourismusbranche an Nord- und Ostsee hunderttausende Urlauber. In den Wäldern herrscht akute Brandgefahr.

Hannover/Rostock/Greifswald. Die Hitzewelle hat den Norden Deutschlands fest im Griff. In Niedersachsen herrscht akute Waldbrandgefahr, Blaualgen sorgen für Badeverbote in einigen Seen. Dagegen freut sich die Tourismusbranche an Nord- und Ostsee an diesem Wochenende auf einen Rekordbesuch . Die Deutsche Post startet derweil in Niedersachsen und Bremen eine ungewöhnliche Gratisaktion, um ihren Mitarbeitern kühle Köpfe zu bewahren.

Seit Tagen leiden Menschen, Tiere und Pflanzen unter den tropischen Temperaturen in Niedersachsen und Bremen. In den Wäldern herrscht akute Brandgefahr und einige Badeseen sind gesperrt. Das höchste Feuerrisiko sieht der Deutsche Wetterdienst (DWD) zur Zeit im östlichen Niedersachsen an der Grenze zu Brandenburg. Für die Städte Celle, Bergen, Faßberg, Lüchow und Wittingen-Vorhop haben die Wetterexperten aus Frankfurt/Main bereits die höchste Warnstufe ausgerufen. Das Landwirtschaftministerium in Hannover erklärte am Freitag in Hannover, die Wälder würden derzeit „stärker beobachtet“. Bislang sei es aber noch nicht zu größeren Bränden gekommen. Waldbesucher werden gebeten, keine Zigarettenkippen, Glasscherben oder andere leicht entzündliche Stoffe im Wald zurückzulassen. Erfrischung finden die Menschen zumeist nur noch in Gewässern. Einige Badeseen hat das niedersächsische Gesundheitsministerium jedoch wegen Blaualgen gesperrt. Betroffen ist der Dümmer See an den Badestellen Lembruch und Hüde, der Banter See bei Wilhelmshaven an der Stelle Klein Wangerooge sowie der Helenensee bei Großenkneten.

Die Deutsche Post hat ein Einsehen mit ihren Mitarbeitern in der prallen Sonne und verteilt an ihre Briefträger in Niedersachsen und Bremen kostenlos Wasser. „In manchen Stützpunkten stellen die Leiter auch kalten ungesüßten Tee bereit“, erläuterte Unternehmenssprecher Jens-Uwe Hogardt. Viele Zusteller seien zu Fuß oder mit dem Rad bis zu 15 Kilometer unterwegs. Besonders betroffen von der Hitze sind die Tiere auf den oft ausgetrockneten Weiden. „Kühe fühlen sich im Schatten wohler als in der prallen Sonne“, sagte Landvolk-Sprecherin Gabi von der Brelie. Daher finde man bei heißem Wetter kaum Rindvieh auf den Wiesen. Die Tiere hielten sich lieber in den offenen modernen Stallanlagen auf, die oft auch zusätzlich belüftet seien. Im Zoo Hannover bekommen die Eisbären eimergroße Eisbomben. Unter anderem werden kleine Rindfleischstückchen in einen Zehn-Liter-Eimer gelegt, mit Wasser übergossen und dann tiefgefroren.

Angesichts der hochsommerlichen-Temperaturen müssen auch Mitarbeiter der Berentzen-Softdrinktochter Vivaris Überstunden einlegen. Das Unternehmen fahre bei Sprudel und Co. derzeit Sonderschichten und fülle sogar an den Wochenenden ab, sagte Berentzen-Sprecherin Michaela Hoffmann. Noch gebe es genügend Gefäße zum Abfüllen. Das könne sich aber ändern, wenn die Hitzeperiode noch lange andauert. Selbst wenn die Branche etwas anderes vermuten lässt: Auch die Mitarbeiter des Tiefkühlkostherstellers Frosta in Bremerhaven kommen zurzeit ordentlich ins Schwitzen. „Wir haben keine Klimaanlage“, sagte Vorstandsmitglied Hinnerk Ehlers. Von einem Ausflug in die Kühlregale rät er aber ab: minus 28 Grad seien definitiv zu kalt.

Freude kommt dagegen bei den Freibad-Betreibern und der Tourismusbranche auf. „Wir erwarten wirklich sehr viele Besucher - gerade bei dem tollen Wetter“, sagte Katja Benke vom Marketing der Nordsee GmbH in Schortens (Kreis Friesland). Wegen der Sommerferien sei sowieso schon viel los, vor allem auf den Ostfriesischen Inseln. Spontan-Urlauber hätten jedoch noch Chancen, eine Unterkunft zu finden. „Allerdings sollte man nicht blind losfahren, sondern vorher nachfragen“, empfahl die Tourismus-Expertin.

Auch in Mecklenburg-Vorpommerns erwartet der Tourismusverband an diesem heißen Wochenende an den Küsten eine Welle von Hitze-Flüchtlingen, vor allem aus den Großstädten Berlin und Hamburg . „Das wird eines der intensivsten Wochenenden für uns“, sagte der Sprecher des Tourismusverbandes, Tobias Woitendorf, am Freitag. Über 300.000 Gäste werden im Nordosten erwartet, die Strände waren am vergangenen Wochenende mit rund 250.000 schon voll. „Der Sommer ist einfach nur traumhaft“, schwärmte der Kurdirektor von Binz auf Rügen, Horst Graf, daher mit Blick auf die Buchungszahlen. Derzeit seien im größten Ostseebad 12.500 von 13.500 Betten belegt.

„Mit Berlin, Hamburg und Brandenburg haben alle Haupteinzuggebiete Mecklenburg-Vorpommerns Ferien“, sagte Woitendorf. Außerdem erwartet er, dass viele Großstädter, statt auf dem Balkon zu brutzeln, gen Norden fahren. „Es gibt derzeit keine bessere Alternative als die Metropolflucht an die Küste“, sagt Woitendorf. „Ich glaube auch, dass die Enttäuschung über das Ausscheiden Deutschlands bei der WM mit Reiselust kompensiert wird und viele wegfahren statt das letzte Spiel am Samstag anzuschauen.“

Im Nordosten erwartet die Flüchtlinge allerdings auch kaum Abkühlung. Der Wetterdienst Meteomedia auf der Insel Hiddensee rechnet mit einer Temperatur von 30 Grad an der Küste und sage und schreibe 37 Grad im Landesinneren. Dabei soll es den Angaben vom Freitag zufolge fast windstill sein, Gewitter werden nicht erwartet.

Die Autobahnpolizei rechnet vor allem am Sonnabend mit einer Reisewelle. Besonders auf der Strecke Berlin-Rostock könne es Staus geben. Bereits am Freitagnachmittag kamen Fahrzeuge in Richtung Rügen nur schleppend voran. Einzelne Baustellen, etwa der Abriss einer Brücke bei Kavelstorf auf der A19 nahe dem Kreuz Rostock, sorgten zudem für leichten Rückstau.

Spontanurlauber könnten trotz der Reisewelle noch einzelne Quartiere in Mecklenburg-Vorpommern finden, sagte Woitendorf. Allerdings müssten sie sich auf eine längere Suche einstellen. Daher rät der Tourismusexperte: „Fahren Sie bei der Hitze nicht ins Blaue, sondern überlegen Sie sich genau, wo sie hin wollen.“ Kurzurlauber sollen sich ein Zimmer im Landesinneren suchen, die Küste ist dann nur ein paar Autominuten entfernt. Besonders schwierig dürfte hingegen am Wochenende die Zimmersuche in Warnemünde werden. Zum zweiten Mal in dieser Saison laufen vier Kreuzfahrtschiffe mit tausenden Gästen gleichzeitig in den Hafen ein.