Atelierladen

Ein Ort zum Stöbern für Kunst und Design auf St. Pauli

Ines Häßler, Jessica Sprenger, Katja Schian und Tina Heinbockel (v.l.) verkaufen und fertigen ihre Kunst in dem kleinen Atelierladen

Foto: Marcelo Hernandez

Ines Häßler, Jessica Sprenger, Katja Schian und Tina Heinbockel (v.l.) verkaufen und fertigen ihre Kunst in dem kleinen Atelierladen Foto: Marcelo Hernandez

Vier Frauen zeigen im Vergizzmeinnicht, wie sich Totenköpfe auf Omas altem Porzellan machen und was sich noch sonst verzieren lässt.

Hamburg.  Für die einen ist es Ramsch, für andere ein Schatz: Ines Häßler haucht altem Porzellan, das sie auf Flohmärkten oder bei Haushaltsauflösungen findet, unter dem Label „Frau Ines“ neues Leben ein.

„Kuchen-, Dessert- und Speiseteller, aber auch Tassen, Karaffen und Becher – sie alle bieten eine schöne Leinwand für meine Motive, die eine Hommage an den mexikanischen Feiertag Diá de los Muertos sind. Obwohl dieser Tag den Toten gewidmet ist, steht er für leidenschaftliche Lebenslust“, sagt die Kommunikationsdesignerin und Illustratorin.

Die Faszination für die mexikanische Tradition entbrannte bei der 32-Jährigen bereits während ihrer Diplomarbeit. Ihre in Schwarz-Weiß gehaltenen, detailverliebten und sympathisch-ironischen Designs zeigen Meerestiere, Totenköpfe, Skelette, Seemänner und andere Gestalten.

Diese zeichnet Ines Häßler per Hand. Anschließend werden die Motive mithilfe einer Transferfolie auf die Keramik gebracht und bei 160 Grad im Ofen eingebrannt und fixiert.

Eine Werkstatt für alle

„Viele Kunden nutzen meine Unikate als Wandteller, aber sie eignen sich auch für den täglichen Gebrauch, etwa um Oliven oder Kekse reichen zu können“, sagt die Künstlerin, die auch Sonderanfertigungen übernimmt.

Wer also altes Porzellan hat und dieses gern mit seinem Lieblingsmotiv verjüngen will, sollte sich an Frau Ines wenden

Sie ist aber nur eine von vier jungen Frauen, die im Vergizzmeinnicht auf St. Pauli anzutreffen sind. In dem kleinen Laden mit Werkstatt wird gemeinsam gearbeitet, sich ausgetauscht und Kunstwerke sowie Wohnaccessoires verkauft.

„Allein im eigenen Atelier oder zu Hause zu werken, ist für viele Kreative keine Lösung. Deshalb habe ich mich vor sieben Jahren mit Katja Schian nach einer Werkstatt umgeschaut, in der wir zusammen mit Gleichgesinnten werkeln können. Dass wir dann diesen Raum an der Simon-von-Utrecht-Straße gefunden haben, war ein großes Glück“, sagt Tina Heinbockel.

Stofftiere als Kuschelkissen

Die studierte Kommunikationsdesignerin verziert Holzbretter, Kochlöffel, Holzboxen und Schlüsselanhänger mit dem Brennpeter, vor allem aber ist die 38-Jährige „Mutter“ der Uffel.

Gemeint sind damit ihre aus Baumwollstoffen gefertigten Kuschelkissen in Form von Stofftieren. Keines gleicht dem anderen. „Allerdings bekommen die neuen Besitzer alle das gleiche Begleitbüchlein, das das erste Kennenlernen erleichtern und die lebenslange Freundschaft pflegen soll“, erzählt Tina Heinbockel.

Das Vergizzmeinnicht ist längst nicht mehr nur Verkaufsraum und Atelier, sondern auch ein Ort, an dem andere Künstler und Designer ihre Arbeiten für drei Monate ausstellen können.

„Uns ist daran gelegen, Menschen zusammenzubringen, die die Leidenschaft für einzigartige, kreative und mit Liebe gemachte Produkte mit uns teilen“, sagt Ines Häßler.

Ausstellung bis August

Noch bis August sind die Arbeiten der Designerin Nataša Vučković aus Ratzeburg im Vergizzmeinnicht zu sehen und zu kaufen.

Unter dem Label Navucko designt sie außer hochwertiger Papeterie stylishe Stifte, Kalender und personalisierbare Notizbücher, die sich allesamt durch ein grafisches, reduziertes Design auszeichnen.

Die Grafikerin Jessica „Jesse“ Sprenger gehört ebenfalls zum festen Team von Vergizzmeinnicht. Ihre Kreationen bietet die 35-Jährige unter ihrem Label schebbs an.

„Das Wort kommt aus dem Schwäbischen. Es bedeutet so viel wie schräg beziehungsweise schief.“ Und genau das sei ihr Label auch, „ein bisschen schräg, aber besonders“, erläutert die Wahlhamburgerin, die ursprünglich aus dem Schwarzwald kommt.

Neben Buttons, Postkarten, Kunstdrucken und originellen Bastelbögen gehören Shirts, edle Stoffservietten, Geschirrhandtücher und Stofftaschen zu ihrer Produktpalette. Auch Tiere spielen in ihren Illustrationen eine große Rolle, schließlich engagiert sich die Künstlerin intensiv für den Tierschutz.

Schmuck nutzen für Lieblingsbotschaft

Die Vierte im Bunde ist schließlich Katja Schian. Ihr Schmuck ist durch geometrische Formen und maritime Motive geprägt, „weil diese nie langweilig werden“, so die Goldschmiedin. Außerdem stellt die 37-Jährige Wortketten her, mit denen man seine Lieblingsbotschaft in die Welt hinaustragen kann.

Katja Schian nimmt auch Auftragsarbeiten entgegen. So fertigt sie beispielsweise Trauringe nach persönlichen Kundenwünschen an.

Das Vergizzmeinnicht ist eines von vielen spannenden Geschäften auf St. Pauli. Einen Eindruck von der Kreativität im Stadtteil kann man sich am 7. September bei der 11. Kreativnacht machen. Dann laden Künstler und Kreative aus den Bereichen Kunst, Design, Fotografie, Illustration, Handwerk und Mode wieder in ihre Ateliers, Werkstätten, Wohnungen und Hinterhöfe ein. Dazu gibt es Live-Musik und Performances. Zuvor wird aber noch im Vergizzmeinnicht groß gefeiert. Zur Jubiläumsfeier am 28. Juli ab 17 Uhr sind alle Interessierten herzlich eingeladen.

Hohe Gewerbemieten waren 1990 Ursache für die Gründung des Vereins Ateliers für die Kunst (AfdK), denn ein Großteil der Hamburger Künstler saß damals buchstäblich auf der Straße. Inzwischen hat der
Verein gemeinsam mit der Kulturbehörde vier Künstlerhäuser und zwei Ateliergemeinschaften geschaffen. Doch die Verträge für einige dieser Häuser laufen aus, und Sponsoren werden auch dringend gesucht, wie der AfdK mitteilt. Auf seiner Webseite www.afdk.de informiert er über freie Flächen beziehungsweise ermöglicht, dort Flächen – auch kurzfristig leer stehende – für Künstler anzubieten.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.