Handwerk

Keine Möbel von der Stange – jedes Stück ein Unikat

Gabor Rietdorf hat den Esstisch in seinem Haus aus dem Stamm einer Ulme gefertigt.

Gabor Rietdorf hat den Esstisch in seinem Haus aus dem Stamm einer Ulme gefertigt.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Wenn Tischler ans Werk gehen, entstehen Möbel aus Holz weit entfernt vom Standard. Das hat seinen Preis, ist aber nicht unbezahlbar.

Hamburg.  Fragt man Charlotte Groenewold nach einer Anekdote, dann erzählt sie von Kunden, die wenig Vorstellung davon haben, was eine Tischlerei so macht oder machen kann.

„Viele denken, Tischplatten kommen irgendwie am Stück zu uns. Dabei fertigen wir sie an, aus Hölzern, die wir einkaufen und bearbeiten“, sagt die Tischlermeisterin.

Sie zeige dann ihr Holzlager, aus dem der Kunde auswählen könne. Und genau dies sei es, was viele ihrer Auftraggeber schätzten: das Mitredenkönnen bei Größe und Ausgestaltung des Möbels.

Viele Kunden haben falsche Vorstellungen

Insofern ist jedes Stück, das sie in ihrem „Holzatelier“ anfertigt, ein Unikat. „Man könnte auch sagen, ich baue die Antiquitäten von morgen“, erklärt Charlotte Groenewold, die erst nach einem Philosophiestudium zur Tischlerei gefunden hat.

Trotzdem hätten manche Kunden eine etwas falsche Vorstellung, wenn es um die Wertigkeit ihrer Arbeit und Möbel gehe.

„Schön fand ich einmal den Kommentar eines Kunden, der meinte, der Preis sei ihm zu hoch. Sein Argument: Das ist doch aber selber gemacht“, erzählt sie. Ihre Antwort lautete damals und heute: „Ja, das ist es. Und genau diese Arbeit hat ihren Wert!“

Möbel im Showroom als Anregung

Ihre Tische entwirft die Tischlermeisterin gemeinsam mit ihren Kunden. Oft sucht sie diese auch zu Hause auf, um ihren Einrichtungsstil kennenzulernen und Vorschläge zu machen. Die Möbel, die sie auf ihrer Ausstellungsfläche im Schanzenviertel in der Eifflerstraße präsentiert, dienen vielen dabei als Anregung.

Zum Verkauf stehen sie aber nicht, um keine Lücke in die Ausstellung zu reißen. „Ein ‚Nachbau‘ fällt zwar immer etwas anders aus als das Ausstellungsstück“, sagt Charlotte Groenewold. Dafür sei er aber perfekt auf die Wünsche des Kunden angepasst, sowohl was den Unterbau als auch die Maße und den Farbton angehe.

Bevorzugt wird Material mit Lebensspuren

Jede Bohle, jedes Brett sei darüber hinaus anders, zumal die Tischlerin Altholz schätzt. „Das ist nicht nur eine Frage der Nachhaltigkeit, sondern auch ein ästhetisches Moment. Auf dem Altholz hat das Leben bereits seine Spuren hinterlassen.“

Sie freut sich darüber, dass sich gelegentlich sogar jüngere Menschen für ein Möbel begeisterten, das genau deswegen auch einzigartig sei.

Faible sind Naturholztische aus einem Stück

Den künstlerisch-kreativen Umgang mit dem Material Holz schätzt auch Tischdesigner Gabor Rietdorf, Inhaber der „Holzwerkstatt Hamburg“ in der HafenCity. Dort befindet sich am Überseeboulevard sein großer Showroom.

Zu den Hinguckern im Repertoire des gelernten Holzbildhauers und studierten Holzwirts gehören knorrige Naturholztische aus einem Stück. Die Tischplatten sind dabei aus längs geschnittenen alten Baumstämmen gefertigt, sodass die Formen des Stammes und seine Ursprünglichkeit erhalten bleiben.

„Unser Eichenholz-Altholz stammt zum Beispiel aus historischen Fachwerkbalken, die in alten Bauernhäusern aus Österreich verbaut wurden“, erzählt er. Das Holz könne in solchen Fällen bis zu 300 Jahre alt sein.

Persönliches Gespräch ist unverzichtbar

Ein aus diesem Material gefertigter Tisch sei vielleicht nicht für jeden Raum geeignet, im richtigen Ambiente erziele er jedoch „eine unnachahmliche Wirkung“, schwärmt der Designer.

Ein kreativer Prozess, der ohne ein persönliches Gespräch nur schwer zu einem befriedigenden Ergebnis führe.

Wer glaubt, dabei habe er es nur mit einer gut betuchten Kundschaft zu tun, der irrt. „Es ist vielmehr die klassische Familie, die sich einen schönen Esstisch kaufen möchte, der vielleicht nicht im Standard-Möbelhaus zu finden ist.“

Oftmals stimme bei einem solchen Tisch dann nicht die Kombination von Gestell, Größe und Holzart. „Das alles kann man bei uns sehr gut aufeinander abstimmen lassen.

Das Ergebnis ist dann ein unverwechselbares Unikat.“

Tische sind für ihn auch ein Kunstobjekt

Für einen solchen „klassischen Familientisch“ mit etwa zwei bis drei Meter Länge bezahlten Kunden im Durchschnitt nicht mehr als 3000 bis 4000 Euro.

Wichtig ist dem Tischdesigner, dass seine Tische nicht nur eine Funktion erfüllten, sondern auch Kunstobjekte seien.

Aber in erster Linie sei ein Tisch ein Tisch und solle genutzt und nicht nur bewundernd angeschaut werden, sagt Rietdorf.

Mit Zement und Farbe bekleckste Bohlen

Ortswechsel. Wir besuchen Alexander Dimitrios Marifoglou in seiner Werkstatt in der Bogenstraße in Eimsbüttel. Aufgewertet werden dort vor allem Gerüstbohlen, die mit Farbe, Teer oder Zement bekleckert in die Werkstatt kommen.

Nachdem Nägel und Farbe entfernt sind, werden die Bohlen geschliffen und bearbeitet – auf Kundenwunsch mal mehr, mal weniger.

„Einige wollen eine glatte Oberfläche, andere haben es lieber etwas rustikaler“, so der studierte Wirtschaftspsychologe.

Modulare Bauweise erleichtert vieles

Bevor er seinen Job in der freien Wirtschaft aufgab, um sich ausschließlich seinem eigenen Unternehmen „10 Knoten“ zu widmen, hat er den „Tischmarkt“ genau analysiert und ein modulares Angebotskonzept erarbeitet.

„Man findet auf dem Markt billige und teure Tische“, so der junge Unternehmer. „Ich habe mich also auf das mittlere Preissegment konzentriert.“ Seine Tische kosten zwischen 380 und 770 Euro.

Marifoglou verarbeitet für seine Holztische – er arbeitet auch mit griechischem Marmor und Beton – ausschließlich Gerüstbohlen. „Solange es die noch gibt, denn die Gerüstbauer steigen auf Metallgerüste um.“

Namen für Möbel zur Orientierung der Kunden

Seine beiden modularen Tischtypen Emil und Oskar fertigt er auf Bestellung in verschiedenen Maßen. Bei seiner modularen Bauweise würden Namen wie Emil und Oskar dem Kunden die Orientierung erleichtern, so der Wirtschaftspsychologe.

Gut 50 Prozent seiner Kunden suchen Marifoglou in seiner Werkstatt auf, um sich die Tischplatten anzuschauen und beraten zu lassen.

Ansonsten setzt er aber auf Online-Handel: „Die Kunden füllen ein Kontaktformular aus und bekommen den Tisch geliefert, wenn er fertiggestellt ist.“ Auch Fragen beantwortet er lieber per Mail. Bei Telefonaten könne es zu leicht zu Missverständnissen kommen.
(Mitarbeit: Anette Bethune)

www.holzatelier.dewww.holzwerk-hamburg.dewww.10knoten.de