Architektur

Auf- und Abstieg perfekt inszeniert: Stufen zum Wohnglück

Die Treppe berührt an keiner Stelle eine Wand des Hauses; sie scheint zu schweben

Die Treppe berührt an keiner Stelle eine Wand des Hauses; sie scheint zu schweben

Foto: Jochen Stueber Hamburg / HA

Auch in ältere Häuser lassen sich moderne Treppen integrieren. Das zeigt ein prämiertes Beispiel, bei dem Stahl vieles möglich machte.

Hamburg.  Treppen – in diversen Filmszenen werden sie gern genutzt, um jemanden oder etwas bewusst in Szene zu setzen. Man denke nur an Sylvester Stallone als Rocky Balboa, wie er die Stufen zum Museum in Philadelphia frühmorgens hoch und runter rennt, um sich auf seinen alles entscheidenden Boxkampf gegen den Schwergewichtsboxweltmeister Apollo Creed vorzubereiten. Oder sind Sie schon einmal auf einem Kreuzfahrtschiff eine mit Swarovski­Steinen veredelte Glastreppe heruntergewandelt? Dann ahnen Sie, wie es sich anfühlen muss, ein Star zu sein.

Im normalen Hausbau indes haben Treppen in den meisten Fällen eher eine rein dienende Funktion. Aufstieg und Abstieg – das war’s. In vielen Häusern wird ihnen zudem nicht viel Raum eingeräumt. Meist läuft es auf ein paar Stufen aus Holz, eine Brüstung mit Stahl- oder Holzstreben hinaus, um die Geschosse im Gebäude miteinander zu verbinden. Das alles möglichst DIN-gerecht. Das muss reichen!

Das Konstrukt berührt an keiner Stelle die Wand

Manchmal kann eine Treppe in Häusern aber auch selbst zum Star werden. Insbesondere, wenn diese wie eine Skulptur im Raum gestaltet ist. Das zeigt ein älteres, eher unauffälliges Stadthaus aus Hamburg, für das der Hamburger Architekt Peer Schwenke im Zuge einer umfassenden Sanierung auch eine neue Treppe entworfen hat. Clou dieses Entwurfs: Die Treppe wurde aus Stahl gefertigt und ist freihängend konstruiert. Das heißt, sie berührt an keiner Stelle die Wand des Hauses.

Eine Konstruktion, die nicht nur jeden Besucher des Hauses beeindruckt, sondern auch eine Jury von Fachleuten. Sie zeichnete das Haus in der Kategorie „Moderne“ zur Treppe des Jahres 2016 aus. Schwenke selbst zeigt sich beim Ortstermin immer noch fasziniert, wie es nur zwei Fachkräften der Firma Metallart gelang – von ihr wurde die Treppe in Salach (Baden-Württemberg) gefertigt –, die gut vier Tonnen schwere Stahlkonstruktion, zerlegt in acht Teile, mithilfe eines Flaschenzugs im Haus freihängend miteinander zu verschweißen.

„Das war Handarbeit in Perfektion. Jedes Teil wurde zuvor über das Fenster des Wohnzimmers, welches wir extra hierfür ausgebaut haben, mit einem Kran hineinbugsiert“, schwärmt er. Doch so schwebend und leicht die gesamte Konstruktion wirkt – Stahlstützen mussten in sämtliche Geschossdecken nachträglich eingebracht werden, um die alte Holzbalkenkonstruktion des Hauses zu stabilisieren.

Hausbewohner fanden zeitweilig bei den Eltern Unterschlupf

Viel Staub und Lärm also über Wochen. Für die Bewohner des Hauses, eine vierköpfige junge Familie, hatte dies den zeitweiligen Auszug aus dem Haus zur Folge. „Wir haben zum Glück in dieser Zeit bei meinen Eltern in der Nähe wohnen können“, erzählt Hausherrin Anna W. Wie sich zeigt, ebenfalls ein tragfähiges Modell, denn beim Besuch stellt sich heraus: Seit einigen Monaten wohnen ihre Eltern mit Hund in der obersten Etage des Stadthauses. „Grund sind Verzögerungen beim Bau des Hauses, in dem wir eine Wohnung beziehen wollen“, erzählt Anna W’s Vater. Für ihn und seine Frau ein Traum, so fügt er hinzu, „bald so nah an der Alster leben zu können“. Anna W. indes stören ihre zeitweiligen Mitbewohner nicht: „Das Zusammenleben funktioniert prima hier im Haus. Ich weiß schon jetzt, dass meine Familie und ich die drei vermissen werden.“

Alte Holztreppe im Haus entstammte den 50er-Jahren

Zurück zur Treppe. Wie kam es überhaupt zu der Idee, sie aus Stahl zu fertigen und das auch noch für ein Gebäude aus dem Jahr 1888? „Als wir das Haus kauften, war es in drei Wohnungen unterteilt. Eine davon haben wir damals selbst zur Miete bewohnt“, erzählt die junge Frau. Klar sei von vornherein gewesen, das Haus wieder zu einem Einfamilienhaus zurückbauen zu wollen. „Unsere Recherchen zeigten dann aber: Es gab nicht wirklich erhaltenswerte Elemente. Wir mussten uns also auch nicht zwingend an dem orientieren, was wir vorgefunden hatten.“ Die Holztreppe, irgendwann in den 50er-Jahren eingebaut, konnte somit problemlos entfernt werden.

Trotzdem war klar, dass die neue Konstruktion ebenso wie die alte Treppe „ein zentrales Element“ im Haus spielen sollte, betont Schwenke. Als die Bauherren ihn ermunterten, ruhig ein wenig experimentierfreudig vorzugehen, sei er schnell auf die Idee gekommen, ein Brüstungsband zu entwerfen, „das sich wie eine Spirale nach oben bewegt“, erzählt der Planer. Der Lichteinfall vom Oberlicht bis hinunter in das Erdgeschoss habe ihn darin bestärkt, eine frei schwebende Treppe für das Haus zu entwerfen mit einem LED-Lichterband unterhalb des Handverlaufs – aber nur Stahl machte eine solche Konstruktion möglich.

Besucher denken sofort an das Guggenheim-Museum

Der Architekt verhehlt nicht, dass die folgenden Planungen für ihn Neuland bedeuteten. „Ich musste erst mal herausfinden, wer so etwas bauen kann – so bin ich auf die Firma Metallart gestoßen.“ Eine gute Wahl, denn die Konstruktion erhielt nicht nur die eingangs erwähnte Auszeichnung durch eine fachkundige Jury, sie erweist sich auch bei jedem Besuch, den die Familie W. in ihrem Haus begrüßt, als wahre Bereicherung. „Es ist die Treppe, die allen sofort ins Auge springt und die bei unseren Freunden und Gästen nachhaltigen Eindruck hinterlässt“, so die junge Hamburgerin.

Manche würden dabei sogar ans Guggenheim-Museum in New York denken. Sie jedenfalls hätte niemals gedacht, dass die Treppe so eine Wirkung entfalten würde, gesteht Anna W. „Im Nachhinein ist ihr Bau vergleichbar mit der Investition in ein Kunstwerk.“ Sie habe zwar sehr viel mehr gekostet als eine konventionelle Treppe. „Andererseits hat sich dadurch aber auch der Wert unseres Hauses erhöht.“