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Neuer Wohnraum durch Aufstockung jetzt auch mit Holz

Am Reembroden

Am Reembroden

Foto: Deutsche Invest Immobilien GmbH / HA

Aufstockungen sollen in Hamburg dank der Hamburgische Bauordnung leichter werden. Der Brandschutz leidet laut Experten nicht darunter.

Hamburg.  Hamburg will hoch hinaus. Das gilt für Neubauten ebenso wie für Aufstockungen bestehender Gebäude, denn auf diese Art lässt sich neuer Wohnraum besonders platzsparend erschließen. Das Baumaterial der Wahl dazu ist Holz, wie zwei Projekte in Iserbrook und Hummelsbüttel zeigen.

Zukünftig werden es Projekte dieser Art in der Elbmetropole leichter haben, denn dank der Novellierung der Hamburgische Bauordnung HBauO lässt diese nun auch den Massivholzbau in den Gebäudeklassen 4 und 5 zu. Dies stellt eine erhebliche Erleichterung zur Anwendung des Holzbaus bei Gebäuden mit bis zu sieben Geschossen und bei entsprechenden Aufstockungen dar.

Massivholzbau bietet besseren Brandschutz

Doch bei der vertikalen Expansion wird ein Aspekt immer wichtiger: der Brandschutz. Der schreckliche Brand im Londoner Grenfell Tower mit mindestens 80 Toten hat dies bewiesen. Wie sich herausstellte, hatten sich die Flammen rasend schnell ausbreiten können, weil die Fassade mit Platten aus Aluminium und dem Kunststoff Polyethylen verkleidet worden war.

„Der Brandschutz im Holzbau hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt“, beruhigt jedoch Brandschutzexpertin Christiane Hahn von Hahn Consult, Ingenieurgesellschaft für Tragwerksplanung und Baulichen Brandschutz. Die Hamburger Diplom-Ingenieurin hat an der Überarbeitung der Bauordnung mitgewirkt. „Man baut heute anders. Viele Konstruktionen werden in Massivholzbauweise und nicht mehr als Holzständerbau ausgeführt, da gibt es keine Hohlräume, über die sich Feuer ausbreiten könnte.“

Strengere Auflagen als in Großbritannien

Brandschutz werde in Deutschland schon lange großgeschrieben, besonders, wenn es in die Höhe gehe. „Unsere Vorschriften sind strenger als die in England“, sagt Hahn mit Blick auf die Brandkatastrophe von London. „Bei uns müssen es bei Hochhäusern nicht brennbare Bauteile und nicht brennbare Dämmungen sein. Werden im Wärmedämmverbundsystem brennbare Dämmungen verwendet, müssen Brandriegel aus nicht entflammbaren Streifen eingebaut werden, damit es nicht über eine ganze Fassade brennen kann.“

Nicht unproblematisch: Trotz umfangreicher Regelungen muss die Ausführung des Brandschutzes nicht durch einen Sachverständigen überprüft werden. Brandschützerin Hahn wünscht sich hier strengere Vorgaben: „Bei Sonderbauten zu denen auch Hochhäuser zählen, sollte die Objektüberwachung und die Abnahme durch Sachverständige in der Bauordnung vorgeschrieben werden, denn manchmal wird noch schlecht gebaut.“

Bei Verdacht auf Brandrisiko Sachverständigen hinzuziehen

Auch bei Ein- und Mehrfamilienhäusern seien sicher Fehler gemacht worden, gerade wenn es um das nachträgliche Dämmen gehe. „Man hatte die Erfahrung mit bis zu zehn Zentimetern Polystyrol. Dann kam die EnEV, die dickere Dämmschichten vorgab. Doch 30 Zentimeter Polystyrol bedeuten wesentlich mehr brennbare Masse“, so Hahn. Bestehe der Verdacht auf ein erhöhtes Brandrisiko, sei eine Prüfung durch einen öffentlich bestellten Sachverständigen sinnvoll. Werde aber ordentlich und den Vorschriften entsprechend gebaut, sei das Risiko klein.

„Nachzuverdichten und Wohnraum zu schaffen, ist das riesengroße Thema in allen größeren Städten Deutschlands“, sagt Gerado Porcelli, Projektleiter der d.i.i. Deutschen Invest Immobilien GmbH. Das Unternehmen ist derzeit mit den anfangs angesprochenen Projekten am Wientapperweg im Stadtteil Iserbrook und am Reembroden in Hummelsbüttel aktiv. Bei letzterem Projekt entstanden durch Aufstockung von drei Mehrfamilienhäusern zwölf zusätzliche Wohnungen, in Iserbrook werden hingegen zwei fünfgeschossige Gebäude mit einer Flachdachkonstruktion aus dem Jahr 1964 aktuell so aufgestockt, dass jeweils acht Neubauwohnungen in jedem Gebäude entstehen.

Trockene Bauweise bringt Vorteile

Dass die zusätzlichen Etagen als Holzbau ausgeführt werden, war für die Planer naheliegend. „Holz hat den Vorteil, dass es ein leichtes Baumaterial ist. Da man beim Nachverdichten auf dem vorhandenen Gebäude gründet, darf nicht zuviel Last entstehen“, sagt Ingo Kempa, Geschäftsführer des Planungsbüros Keenco3. „Holz ist dafür prädestiniert, denn es bringt pro Kubikmeter nur 450 Kilo auf die Waage, klassisches Mauerwerk dagegen 1600 und Stahlbeton sogar 2100.“ Der im Vergleich zu Mauerwerk schmalere Wandaufbau sorgt für zusätzliche Quadratmeter.

Ein weiterer Vorteil: die trockene Bauweise. „Die Elemente werden im Werk vorgefertigt und dann auf der Baustelle nur noch montiert. Ich bringe also keine Feuchtigkeit in den Baukörper. Es gibt keine Probleme mit Schimmelbildung“, so Ingo Kempa weiter. Doch trotz der zahlreichen Vorteile mussten die Investoren der d.i.i. in Bezug auf die Baugenehmigung sprichwörtlich dicke Bretter bohren.

Brandschutz in Hamburg ein besonderes Thema

„Auf direktem Wege hätte man diese Kon­struktion nicht genehmigen lassen können. Es waren zahlreiche Ausnahmegenehmigungen nötig“, erinnert sich Gerado Porcelli, „um nachzuweisen, dass eine Aufstockung in Holzausführung den Anforderungen der Hamburgischen Bauordnung HBauO ebenso gerecht wird, wie etwas massiv Gebautes.“

Besonders aufwendig war der Abweichungsantrag zum Brandschutz, denn Holz und Feuer haben seit dem Großen Brand im Mai 1842 in Hamburg ihre ganz eigene Geschichte. Mehr als ein Viertel des damaligen Stadtgebietes wurde damals zerstört; 51 Menschen kamen ums Leben.

Zukunftsthema Nachverdichtung

Für d.i.i.-Projektleiter Porcelli steht nach den positiven Erfahrungen mit Holzaufstockungen wie in Hamburg an diesen beiden Standorten indes fest: „Wenn die Gegebenheiten und Bestandsobjekte stimmen, werden weitere Projekte folgen. Nachverdichtung in Hamburg ist für uns ein Zukunftsthema. Manchmal geht man dabei auch unkonventionelle Wege – allerdings nicht beim Brandschutz!“

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