Stadtbau

An der Palmaille in Hamburg wird jetzt wieder gewohnt

Der Neubau ist eine moderne Interpretation des Einfensterhauses an der Palmaille.

Der Neubau ist eine moderne Interpretation des Einfensterhauses an der Palmaille.

Foto: Klaus Bodig / Klaus Bodig /HA

Architekt Walter Gebhardt schuf einen Neubau, der die Idee des Straßenzugs in Erinnerung ruft. Vorbild ist ein Haus aus dem Jahr 1803.

Hamburg.  Keine Chance mehr! Binnen weniger Stunden waren alle Plätze vergeben, die die Besichtigung des Wohnhauses an der Palmaille 98 am 5. Juli vorsehen. So groß ist das Interesse, diesen Neubau näher kennenzulernen. Und zwar nicht nur von außen, sondern auch von innen. Architekt Walter Gebhardt persönlich wird vor Ort sein, um seinen Entwurf zu erläutern. Noch ist offen, ob sogar die Bauherrin teilnehmen wird.

Architekturinteressierte werden an diesem Tag ein Haus zu sehen bekommen, das nicht grundlos von den Veranstaltern der Reihe „Weiterbauen“ – der Freien Akademie der Künste, dem Denkmalschutz, dem BDA Hamburg und der Hamburgischen Architektenkammer – in das diesjährige Programm aufgenommen wurde. Denn so sehr das Wohnhaus auf den ersten Blick neben den direkten Nachbarn fremdartig, ja sogar ein wenig monolithisch wirkt – tatsächlich ist es als Reminiszenz zum sogenannten „Einfensterhaus“ von Christian F. Hansen entworfen worden.

Familien im großbürgerlichen Stil lebten hier früher

Und das steht ein paar Häuser weiter an der Palmaille 116 und prägt dort, ebenso wie viele andere Bauten des dänischen Architekten, die er zwischen 1786 und 1826 entwarf, das Gesicht der ehemaligen Prachtstraße. Denn früher lebten hier hinter meist klassizistisch gestalteten Fassaden Familien im großbürgerlichen Stil. Das ist Vergangenheit. Zahlreiche Firmen haben sich stattdessen an der vierspurigen Hauptstraße angesiedelt, auch weil sie die Hamburger Innenstadt mit Altona und den Elbvororten so schön und schnell verbindet.

Ein lauter Standort also. Umso mehr empfindet es Walter Gebhardt als „große Chance“ für die Adresse Palmaille, dass mit dem Neubau dort wieder innerstädtisches, urbanes Wohnen möglich wird. Denn genau das ist es, was sich die Bauherrin wünscht, die früher in einem großen Haus in den Elbvororten lebte und nun über das neue Domizil mehr am kulturellen Leben teilhaben möchte. „Damit wird die ursprüngliche Idee dieses Standorts wieder aufgenommen“, freut sich der 55-Jährige. „Wenn man bedenkt, dass es sogar mal Pläne gab, alle Häuser an dieser Straße abzureißen und sie zu einem Autobahnzubringer zu machen ...“ Pläne, die zum Glück nie wahr gemacht wurden. Man ist sich im Bezirk wieder des kulturellen Erbes bewusst – und will es erhalten.

Für die Bauherrin und den Architekten brachte dies Auflagen mit sich. „Abgesehen davon, dass wir es mit einer ensemblegeschützten Straße zu tun haben mit lauter Einzeldenkmalen in der Nachbarschaft, mussten wir beim Bau die Gestaltungssatzung beachten, die unter anderem den Einsatz heller Materialien vorsieht und die Soziale Erhaltungsverordnung, die beim Bau von mehr als zwei Wohnungen auch die Vorhaltung einer Sozialwohnung vorgibt“, erläutert Gebhardt.

Wohnen und Arbeiten unter einem Dach

Für die Bauherrin verständlicherweise nicht unproblematisch. Ihr Architekt fand eine Lösung: Den Flächen im Erdgeschoss schrieb er eine „dienende Funktion“ zu; sogar einen sogenannten Zerwirkraum ließ sich die Bauherrin, die dort Wild zerlegt, einrichten. Die Fläche darüber wird von einem Freiberufler genutzt. Darüber wohnt die Bauherrin auf zwei Geschossen mit Räumen, die im Ess- und Wohnbereich bis zu fünf Meter Deckenhöhe haben. Gebhardt spricht in diesem Zusammenhang vom „gestapelten Wohnen“, meint damit die Kombination von Wohnen und Arbeiten mit dem Clou, dass sich auf dem Dach und der Etage darunter jeweils eine Terrasse befindet. „Von dort hat man Rundumblick auf die Stadt und die Elbe.“

Gut zweieinhalb Jahre zog sich der Bau hin. „Das ist lange, manches hat ganz schön an den Nerven gezehrt“, räumt der Architekt ein. Schuld daran sei auch die derzeitige Hochphase auf dem Baumarkt, die mit sich bringe, dass viele Gewerke ausgelastet seien. „Dann sind sie halt nicht zur Stelle, wenn man sie braucht.“ Auch habe es viele Arbeiten gegeben, die große Sorgfalt und Handwerkskunst erforderten.

Manche Lamellen an der Decke sind in sich gedreht

Noch ganz begeistert von den Arbeiten eines Tischlermeisters ist der Architekt, wenn er auf die Entstehung der Holzdecke über der Küche und dem Esstisch eingeht. „Sie wurde von einem Orgelbauer gefertigt und besteht aus Nussbaumlamellen. Um die Geometrie des Hauses zu berücksichtigen, hat er manche Lamellen in sich gedreht, damit die Optik stimmt“, freut sich Gebhardt. Er selbst und die Bauherrin hätten nie gewagt, ihm diese Aufgabe zu stellen. „Für ihn war es aber Ehrensache“, sagt er. Viel Zeit und Geduld – Lehrgeld – habe es indes gekostet, den Terrazzo für die Treppen und die Böden im Haus herzustellen. „Er ist bis auf das Büro überall zu finden“, sagt Gebhardt. Ihn sauber und gerade in der vertikalen Höhe zu schleifen, habe besonders viel Zeit und Mühe in Anspruch genommen.

Viel Überzeugungsarbeit musste der Architekt auch aufwenden, damit er vom vorgegebenen Baufenster abweichen durfte. „Ich wollte tiefer bauen, damit man statt der blanken Brandschutzwand des Nachbarhauses die schöne Fensterfassade des Neubaus im Innenhof sieht.“ Das Argument überzeugte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte der Bau auch noch etwas höher ausfallen können – in Reminiszenz zu den neoklassizistischen Häusern in der Nachbarschaft. „Die Denkmalpfleger und der Oberbaudirektor hätten mitgespielt.“ Der Bezirk leider nicht.

Gebhardt insgesamt zufrieden mit Ergebnis

„Das ist halt das Problem, wenn man von Plänen abweichen darf: Von da an dürfen alle mitsprechen.“ So hätten er und die Bauherrin gern die gestapelte Betonfassade zur Straße hin schlichter gestaltet. „Die Fassade sollte aber detailreicher ausfallen, wir sind diesem Wunsch über Fugen und mit der Dreiteilung des Fensters nachgekommen.“

Insgesamt ist Gebhardt ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Ein guter Ersatz für das Bürohaus aus den 60er-Jahren, das vordem dort stand und dafür abgerissen wurde, meint nicht nur er. Für ihn, so der Architekt, sei die Palmaille ein gutes Beispiel dafür, wie man mit Bestand umgehen sollte. „Man erbt eine gewisse Patina, die hilft, sich an einem Thema zu orientieren.“ Dadurch nehme man sich ein Stück zurück. „Und die Stadt wächst so letztlich organischer!“

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