Verdichtung

Wie Bürger ihr Quartier mitgestalten können

Die Gläserne Werkstatt in Bergedorf bot eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen

Die Gläserne Werkstatt in Bergedorf bot eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen

Foto: BUWOG Group / HA

In Hamburg muss mehr Wohnraum geschaffen werden. Für Projekte im Einklang mit der Nachbarschaft gibt es gute und schlechte Beispiele.

Hamburg.  „Eine Meinung, die man nicht sagt, hat keine Chance, umgesetzt zu werden“, sagte Arne Dornquast, Bezirksamtsleiter in Bergedorf, als er vor Kurzem die „Gläserne Werkstatt“ auf dem Areal der ehemaligen Stuhlrohrhallen eröffnete. Tatsächlich nutzten mehr als 150 Bürger die Chance, ihre Vorstellungen, aber auch Befürchtungen hinsichtlich des neuen Stadtteils zum Ausdruck zu bringen. Mit Schaumstoffwürfeln, Karten und Klebepunkten machten sie auf Lageplänen sichtbar, wie sie sich die Bebauung des gut 55.000 Quadratmeter großen Geländes in Wasserlage wünschen. Eins wurde dabei deutlich: Besonders die Bebauungsdichte bewegte viele.

Die BUWOG Group – sie entwickelt den neuen Stadtteil – freut sich über die große Resonanz, die die Dialogwerkstatt bei den Bürgern fand. „Wir planen hier ein Stadtquartier, das langfristig attraktiv sein soll. Da ist es wichtig, die Bürger des Bezirks von Anfang an miteinzubeziehen“, sagt Marketingleiterin Ingrid Fitzek. Bis Mitte Dezember sollen nun die beteiligten acht Planerteams die vielen Anregungen einarbeiten und Entwürfe vorlegen. Im Januar 2017 wird dann eine Fachjury den Gewinnerentwurf wählen, damit die Bauarbeiten für den Stadtteil 2018/2019 beginnen können.

Stadtwerkstatt offenbarte den Ärger vieler Menschen

Ortswechsel: Donnerstag Abend vor einer Woche in der Fischauktionshalle. Vertreter Hamburgs haben zur Stadtwerkstatt beziehungsweise zum Bürgerdialog geladen. Auch hier ist die Resonanz groß. Nahezu jeder Sitzplatz ist belegt, die Behörde spricht von mehr als 700 Bürgern, die gekommen seien. Dies verwundert nicht, immerhin soll zum Thema „Eine Stadt für alle“ diskutiert werden. Nach den Reden von Senatorin Dorothee Stapelfeldt, zuständig fürs Wohnen, und des Oberbaudirektors Jörn Walter wird klar: Viele Bürger fühlen sich bei den Planungen übergangen, fürchten vor allem um das Grün in ihrem direkten Umfeld, wenn der Senat, wie angekündigt, 10.000 Wohnungen pro Jahr bauen lassen will. Vor allem Anwohner und Kleingärtner im Bezirk Eimsbüttel beklagen, dass sie von den Planungen eines Investors, auf einem mehr als 19.000 Quadratmeter großem Areal an der Julius-Vosseler-Straße/Ecke Lenzweg 220 neue Wohnungen bauen zu wollen, erst durch ein Bauschild erfahren haben.

Walter und Stapelfeld sprechen von Kommunikation, die „verbesserungsfähig“ sei, und bieten den Beteiligten Gespräche mit ihnen noch an diesem Abend an. Der zeigt: Den Bürgern kommt es auf eine frühzeitige und vollständige Information über Planungen an. Auch für den Architekturhistoriker Gert Kähler ist der Zeitpunkt der Bürgerbeteiligung von entscheidender Bedeutung. Der Professor, der in Braunschweig, Berlin und Aachen lehrte, hat vor wenigen Tagen sein Buch „Geheimprojekt HafenCity“ in Hamburg vorgestellt. Darin dokumentiert er spannend und akribisch, wie Hamburgs erster Bürgermeister Henning Voscherau über Jahre hinweg seine Pläne für Hamburgs neuen Stadtteil geheim hielt – aus Sorge, die Idee würde zerrieben und das Projekt bei Bekanntwerden um ein Vielfaches zu teuer.

Bürgerbeteiligung abgestimmt auf das Projekt

Der Zweck heiligt also die Mittel? Auch Kähler stellt diese Frage und kommt zu dem Schluss, dass das Projekt HafenCity Schätzungen zufolge bei Bekanntwerden gut das Zwanzigfache gekostet hätte. „Damit wäre es vermutlich tot gewesen – so tot wie der Bau der Elbphilharmonie, wenn man deren Kosten gekannt hätte.“

Johannes Gerdelmann, Leiter des Dezernats für Wirtschaft, Bauen und Umwelt in Altona und damit zuständig für Planungen des neuen Stadtteils Mitte Altona, hat Verständnis für Voscheraus damaliges Vorgehen. „Sobald der Markt von solchen Plänen erfährt, steigen die Bodenpreise; das macht vieles zunichte.“ Nach seiner Erfahrung gibt es keinen Königsweg. Es komme auf die Strategie an – abgestimmt auf das jeweilige Projekt und die jeweiligen Akteure. „Erfahrungsgemäß wirken die Menschen ernsthaft und konstruktiv mit, wenn man sie offen und frühzeitig über ihre Mitwirkungs- und Entscheidungskompetenzen aufklärt.“

Mehr Ressourcen in Bezirksämtern

Es wirkt wie ein Vorgriff auf die Gläserne Werkstatt in Bergedorf, wenn Gert Kähler bei der Frage nach Bürgereinbindung auf einen Artikel verweist. Geschrieben hat er ihn in Zusammenhang mit dem umstrittenen Projekt Stuttgart 21. Darin schlägt er vor: „(...) den betreffenden Kreis von Betroffenen öffentlich zur Teilnahme auffordern. Die Ideen sammeln, in kleinen Gruppen einzelne Themen mit den Fachleuten diskutieren und zu konkreten Vorschlägen gelangen. Diese im Plenum vorstellen und gegenseitig anpassen. Und dann im Plenum eine Gesamtstrategie entwickeln.“ Sicher sei das Gelingen aber auch dann nicht. Denn: „Wenn ein Projekt scheitert, kann es auch am Projekt liegen!“

Die Behörde für Stadtentwicklung verweist indes auf die bereits erfolgte Aufstockung der Ressourcen in den Bezirksämtern, um sich mehr dem Thema Planungsleistung, Bürgerbeteiligung und Öffentlichkeitsarbeit widmen zu können. Außerdem habe die Stadtwerkstatt in diesem Jahr ein digitales Beteiligungstool eingeführt, mit dem Bürgerbeteiligung zu Plänen und Projekten auch über das Internet möglich sei. Erstmals sei dieses testweise als Online-Befragungstool im Vorfeld der Stadtwerkstatt genutzt worden.