Ökologie

Zu einem gesunden Raumklima kommen – wie geht das?

Nicht nur die Umgebung spielt eine Rolle, auch die Innenräume sollten gesund wirken.

Nicht nur die Umgebung spielt eine Rolle, auch die Innenräume sollten gesund wirken.

Foto: Baufritz / HA

Häuser mit Innenräumen ganz ohne Schadstoffe sind die Ausnahme. Wir sagen, wo Sie sich über die gesunden Räume informieren können.

Hamburg.  Es ist immer gut, die Dinge zu hinterfragen. So bedeutet ökologisch Bauen nicht zwingend gesund, wie Rainer Jarck, Geschäftsführer von greendayHome im Gespräch betont. „Kork beispielsweise ist ein Naturmaterial. Damit es aber als Boden- oder Wandbelag verwendet werden kann, werden Zusätze beigemischt, die ebenso wie andere Schadstoffe unbemerkt ausdünsten und somit langfristig das Raumklima belasten können.“ Auch könne es zu Reaktionen der Zusatzstoffe mit Klebstoffen kommen, die notwendig sind, um das Material zu verlegen. Und da wir gerade bei Bodenbelägen sind: Weichmacher werden in großen Mengen in PVC–Designbelägen eingesetzt. Bei Billig-Laminat muss der Einsatz von Formaldehyd und VOC befürchtet werden. „Alle diese Schadstoffe können die Gesundheit beeinträchtigen“, sagt der Geschäftsführer.

Doch Panikmache liegt nicht in Jarcks Interesse. Vielmehr will der 47-Jährige die Menschen für das Thema „Gesund wohnen“ sensibilisieren. „Es ist wie beim Kauf von Fleisch: Entweder man achtet auf Qualität und isst dafür weniger. Oder man kauft billig und darf sich dann nicht wundern, wenn Lebensmittel belastet sind.“ Um zu zeigen, wo beim Bauen und Sanieren Gefahren durch Schadstoffe lauern, hat seine Firma in der Villa Pomona Quartier bezogen. Hier hat das Kompetenzzentrum für gesundes Wohnen und Bauen seinen Sitz. Interessierte erfahren an dieser Adresse, wo Schadstoffe in Baumaterialien lauern. Vor allem, wie man sie gar nicht erst in Innenräume lässt.

Schadstofffreiheit ist nicht garantiert

Aktuell plant Jarck gemeinsam mit der Firma GFG Architektenhäuser das erste „gesundPlusHaus“ in Norddeutschland. „GreendayHome übernimmt dabei eine Art Oberbauleitung“, sagt Jarck. Das umfasse die Auswahl der Materialien ebenso wie die Schulung der Handwerker. Seine Beobachtung: Auch diese sind mittlerweile sensibilisiert für das Thema. „Sie haben ebenso wie Bauherren und Sanierer ein großes Interesse daran, mit Baustoffen zu arbeiten, die ihre Gesundheit nicht gefährden“, sagt Jarck.

Denn, wer in einen Neubau zieht, bekommt nicht automatisch ein gesundes Raumklima geliefert. Im Gegenteil: In Gebäuden, deren Hülle immer dichter wird, ist es per se schlecht um den Luftaustausch bestellt – es sei denn, man lüftet konsequent oder baut eine Lüftungsanlage ein. „Der Gesetzgeber gibt im privaten Wohnungsbau keine gesetzlichen Richtwerte vor“, sagt Jarck. Auch Peter Bachmann, Geschäftsführer vom Sentinel Haus Institut in Freiburg, bestätigt: „Es gibt allenfalls einen ,Leitfaden für die Innenraumhygiene in Schulgebäuden’ des Umweltbundesamtes in München.“ Er sei als „Empfehlung“ für alle Innenräume anzusehen, so der Experte. Zwar weiß Bachmann, dass es derzeit Überlegungen gibt, über die Musterbauordnung nachzubessern. „Im Moment darf sich aber keiner automatisch darauf verlassen, eine gesunde Innenraumqualität zu erhalten, wenn er einen Neubau, ein saniertes Haus oder eine Wohnung bezieht.“ Selbst Handwerker könnten ohne entsprechende Fortbildung diese Garantie nicht geben. Dabei sollte man wissen: In einem Einfamilienhaus werden bis zu 500 Baustoffe verbaut. Mehr als 100.000 Bauprodukte stehen dabei zur Wahl. „Das sind Millionen von möglichen Materialkombinationen, bei denen keiner wirklich weiß, zu welchen chemischen Wechselwirkungen es kommen kann“, sagt Bachmann.

Angesichts der Tatsache, dass wir etwa 90 Prozent des Tages in Innenräumen verbringen und jeder Erwachsene täglich bis zu 12.000 Liter Luft ein- und ausatmet, sollten spätestens jetzt die Alarmglocken schrillen. Denn Schadstoffe in Baumaterialien treten meist unbemerkt aus, über Jahre hinweg – bis es zu ersten Befindlichkeitsstörungen und Krankheitsbildern kommt. Das Umweltinstitut München hat eine Schadstoffliste in Innenräumen auf seiner Homepage www.umweltinstitut.org hinterlegt. Dort ist von allergischen Reaktionen, Kopfschmerzen, dauernder Übelkeit bis hin zu depressiven Verstimmungen und Krebs die Rede.

Bauverzeichnis ist kostenlos einsehbar

Das Sentinel Haus Institut hat daher für jedermann einsehbar und kostenlos die erste Datenbank für emissionsgeprüfte Baustoffe unter www. sentinel-bauverzeichnis.eu hinterlegt. Alle dort gelisteten Baustoffe wurden von den Experten des Instituts geprüft. Außerdem werden dort gemeinsam in Kooperation mit dem TÜV Rheinland Empfehlungen auch für Sanierer abgegeben, welche Materialien idealerweise miteinander zum Einsatz kommen sollten. „Unsere Bauteil-Zertifizierungen sind beispielsweise für den kompletten Dach- oder Bodenaufbau, aber auch für den Fall einer Wohnungsrenovierung abrufbar“, sagt Bachmann.

Die Expertise ist vorhanden: Seit 2007 hat das Institut nach seinen Angaben eine vierstellige Zahl von Wohneinheiten im Auftrag von Baufirmen zertifiziert. Dabei wird rechtlich belastbar die Qualität der Innenraumluft zugesichert und vom TÜV Rheinland überprüft. Auch Jarck setzt bei der Beratung von Kunden auf die Erfahrungen des Instituts. „Zum Abschluss lassen wir das Raumklima vom TÜV Rheinland auf Schadstoffe hin überprüfen“, sagt der 47-Jährige. „Erst wenn hierbei die Vorgaben des Umweltbundesamtes unterschritten werden, hat der Kunde es mit einem gesundPlusHaus zu tun.“

Bauherrin Ina Rademacher ist bereit, für diese Leistung zu zahlen. Die Kosten werden sich auf etwa zehn Prozent der Bausumme belaufen. „Dafür kann sie sicher sein, dass ihr Bruder und dessen Lebenspartnerin in einem Haus mit gesundem Raumklima künftig wohnen“, freut sich Sabine Rademacher, Mutter der Bauherrin, die bei der Hausbegehung in Ahrensburg stellvertretend vor Ort ist. Denn so sei es für das 210 Quadratmeter große Haus geplant.

Lüftungsanlage erkennt Gefahr durch Keime

Im Haus wurden unter anderem Ausbauplatten von Fermacell an den Decken und zusätzlich im Dachbereich eingesetzt. „Sie sind mit Keratin beschichtet“, sagt Jarck. Dieser Wirkstoff befinde sich auch in Schafwolle und helfe nachträglich Gifte, die über Möbel und Ausstattungen in das Haus gelangten, abzubauen. Zusätzlich kommt eine Be- und Entlüftungsanlage zum Einsatz, die „erkennt“, ob die Raumluft belastet ist: „Die Reinigung funktioniert mithilfe von in der Anlage produzierten Ionen, die mit Viren, Keimen, Bakterien und Geruchsmolekülen reagieren (Oxydation) und diese dadurch unschädlich machen“, erläutert Jarck.

Außerdem wurden die Wände mit Silikatfarbe gestrichen: Da diese einen hohen PH-Wert hat und kaum organische Lösungsmittel enthält, ist sie schimmelabweisend. Und am Boden liegt Designware in Holzoptik. Vorzug: Statt Chemie kommt ein natürlicher Weichmacher, die Citrussäure, zum Einsatz. „Zudem können bei Beschädigungen einzelne Streifen einfach ausgetauscht werden“, sagt Jarck.