Hausrat

Erbstücke von ungeahntem Wert

Winfried Bobsien handelt seit 35 Jahren in Hamburg mit Kunst und Antiquitäten

Winfried Bobsien handelt seit 35 Jahren in Hamburg mit Kunst und Antiquitäten

Foto: Michael Rauhe

Der Besuch eines Antiquitätenhändlers kann sich lohnen: So entpuppten sich „hässliche Vasen“, die jahrelang auf dem Dachboden standen, als sehr wertvoll. Längst wittern Anleger hier eine Option, ihr Geld mit Chance auf Wertzuwachs zu investieren.

Zum ersten, zum zweiten ... Das Los geht an den Herrn hinten links! Ob Omas Schrank, Opas Sekretär oder der Leuchter vom Dachboden – die Erben haben oft keine Verwendung für Antiquitäten oder alten Hausrat. Dabei wird vieles davon heutzutage gar nicht mehr angefertigt und ist keineswegs so wertlos, wie mancher denkt. Doch das können nur Experten herausfinden.

Eine echte Meißner Mädchenfigur von 1780, eine Kostbarkeit! Wirklich? Der Mann, der das schöne Stück der ersten deutschen Porzellanmanufaktur in der Hand hält, zuckt zusammen, als Winfried Bobsien eine Stecknadel aus seinem Portemonnaie zieht und damit vorsichtig über den schneeweißen, zarten Hals der Figur fährt. Da hakt die Nadel ganz leicht – eine geklebte Stelle ist gefunden, der Wert des Sammlerstücks damit um viele Tausend Euro gesunken. „Inzwischen kann man Porzellan so gut kleben, dass man die Stellen mit dem bloßen Auge nicht mehr erkennt“, sagt Bobsien. „Große Auktionshäuser arbeiten deshalb mit UV-Licht – ich prüfe mit der Nadel!“

Winfried Bobsien ist seit 35 Jahren Kunst- und Antiquitätenhändler, er kennt die Branche wie kein Zweiter. Ob Gemälde oder Möbel, Porzellan, Silber, Glas oder Leuchter – ihm macht so schnell keiner etwas vor. Selbst auf Fotos kann er meist erkennen, ob es sich um eine Fälschung oder ein teures Original handelt.

Inzwischen ist er selbst ein Original, der letzte von ehemals unzähligen Hamburger Antiquitätenhändlern, die sich am Gänsemarkt niedergelassen hatten. In seinem Geschäft, das sich inzwischen in der Steinstraße befindet, verkauft er Dinge mit Seele und oft jahrhundertealter Geschichte.

Jahrelang drehte sich die Preisspirale für Barock-, Biedermeier- und Jugendstilmöbel beständig nach oben, doch seit einem Bruch vor fünf bis zehn Jahren zeigt die jüngere Generation wenig Interesse an Möbeln, einst gefertigt mit vollendeter Handwerkskunst.

„Sie kaufen lieber ein modernes, industriell gefertigtes Möbelstück für sehr viel Geld, das bereits in der kommenden Generation seinen Wert verloren haben wird, statt einer Anfertigung, die so kunstvoll ausgeführt wurde, dass kein Tischler weit und breit dazu heute noch imstande ist. Diese Schätze wechseln derzeit für einen Bruchteil ihres eigentlichen Wertes den Besitzer“, bedauert Bobsien. Den jungen Deutschen fehle im Gegensatz zu anderen Nationalitäten das Gefühl für die Schönheit dieser Möbel, die schon so viele Generationen erfreut haben. „Jeden Tag kommt ein älteres Ehepaar zu mir in den Laden und schildert mir dieses Drama: ,Unsere Kinder wollen unsere Möbel nicht, was sollen wir damit machen?‘“ Winfried Bobsien schickt sie meist weiter zu Auktionshäusern.

Dabei rät er gerade jetzt zum Kauf von Antiquitäten, denn wie auch bei Aktien verlaufe die Nachfrage in Wellen. Einige seiner Kunden, vornehmlich Sammler aus ganz Europa mit großem Wissensstand, hätten das erkannt und nun teilweise schon den achten Barockschrank erworben. Doch nicht alles, was vor Jahrzehnten als vermeintlich sichere Investition angeschafft wurde, ist im Wert gestiegen: Alte Teppiche, Uhren, Briefmarken und Teeservices erreichen heute oft nur noch einen geringen Teil ihres Kaufpreises. Bei Büchern stehen Erstausgaben, am besten noch versehen mit Zeichnungen, sowie alte Bibeln und Stundenbücher hoch im Kurs. Nur Gold hat sich ebenso wie Jugendstil- oder Muranoglas als gleichbleibend begehrt erwiesen. Was findet aus den Häusern der Eltern und Großeltern überhaupt noch Gefallen bei den Kindern? „Moderne Malerei und Grafik erleben einen Boom“, sagt Bobsien. „Der Markt wird geradezu überschwemmt von moderner Kunst, und alle kaufen sie.“ Auch Annette Kröger, die zusammen mit ihrem Mann das Auktionshaus am Rotherbaum betreibt, bestätigt das große Interesse an Bildern. Bei den sechs Auktionen jährlich kommen Grafiken, Stiche, Radierungen und Gemälde zwischen 20 und knapp 50.000 Euro unter den Hammer.

„Pro Auktion versteigern wir 1000 bis 1500 Objekte“, sagt Marco Kröger, der gerade vom Versteigerungspult kommt. „Vormittags kommt Kleinkunst wie Porzellan und Glas dran, was sehr gut läuft, mittags Gemälde und nachmittags Möbel“, sagt der gelernte Jurist mit 13 Jahren Auktionshaus-Erfahrung. „Wir bekommen unsere Ware ausschließlich von privaten Anbietern, den sogenannten Kommissionären. Meist stammt sie aus Nachlässen. Die Objekte werden fotografiert, im Katalog veröffentlicht sowie online präsentiert. Dann können sie bei der Auktion vor Ort oder telefonisch ersteigert werden.“ Bei der besuchten Auktion an einem Sonnabend im Juni besteht das Publikum um die Mittagszeit (Gemäldezeit!) überwiegend aus älteren Männern, die trotz der brütenden Hitze konzentriert bei der Sache sind.

Dieter Busch hat gerade ein Bild des in Düsseldorf geborenen Künstlers Diether Kressel ersteigert – und strahlt. Nur für dieses Los mit der Nummer 817, der Radierung „Mechanischer Vogel“ ist er gekommen, hat geboten und das Blatt für 65 Euro plus Aufgeld bekommen. 120 bis 140 Bilder seines Lieblingskünstlers lagern schon bei ihm im Schrank; er sammelt Kressel seit seiner Studentenzeit.

Immer wieder kommt es bei Erben, die mit dem Inventar ihrer Eltern oder Großeltern nichts anzufangen wissen, zu Überraschungen – wie bei der Dame, die bei Marco Kröger die „fürchterlich hässlichen Vasen“ loswerden wollte, die seit 30 Jahren auf ihrem Dachboden standen. Die Dinger entpuppten sich als seltene französische Domvasen und gingen für 6000 Euro das Stück weg. Chinesische Schälchen, die aussahen wie Müslischalen, wurden für 500 Euro jeweils angeboten und kamen schließlich für fast 20.000 Euro unter den Hammer. „Viele Leute ahnen gar nicht, welches Potenzial da auf ihrem Dachboden oder in Kellern schlummert“, sagt Marco Kröger.

Für Kenner und Sammler dagegen ist der monetäre Wert meist nebensächlich. Sie erwerben die Objekte, um sie täglich ansehen zu können und sich an ihrer Schönheit und wunderbaren Machart zu erfreuen. In einem Chatroom bemerkte ein User unlängst treffend im Rahmen einer Diskussion zu der Frage, inwieweit sich die Anlage in Schmuck und alte Möbel lohnt: „Antiquitäten liebt man, hat man und spricht nicht über deren materiellen, sondern ausschließlich über deren ideellen Wert.“

Wer den kundigen Rat von Winfried Bobsien, Steinstraße 13, ist sucht, erreicht ihn unter Telefon 33 70 12. Empfohlener Ansprechpartner bei Porzellan ist Schloss Ahlden, Telefon 05164/80100, bei Büchern die Firma
Hauswedell & Nolte, Telefon 040/41 32 100.