Harburg

Fünf Reihenhäuser: Wohnen auf dem Parkdeck statt parken

EIn Neuwiedenthal entstehen durch Umnutzung einer Parkdachfläche aus den 60er-Jahren fünf Reihenhäuser, auf der früher Autos abgestellt wurden, Reihenhäuser für einkommensschwache Familien.

Es ist ein Projekt, dass bislang einzigartig ist – in Hamburg und bundesweit. In Neuwiedenthal entstehen auf einem Parkdeck aus den 60er-Jahren fünf Reihenhäuser im ersten Förderweg. Wenn alles wie geplant läuft, und davon lässt sich angesichts der Witterungsverhältnisse ausgehen, dann können die 96 bis 106 Quadratmeter großen Einheiten bereits Ende Januar bezogen werden. Die Kaltmiete wird sechs Euro pro Quadratmeter betragen. Damit lässt sich schon jetzt prognostizieren: Sie werden heiß begehrt sein. Vor allem bei Familien, die es auf dem frei finanzierten Wohnungsmarkt schwer haben.

„Alle Einheiten sind eigentlich schon vergeben“, wiegelt Ulrich Walter, Geschäftsführer der Wichern Bau- und Betreuungsgesellschaft mbH, auf Nachfrage ab. Eine eindeutige Vermietungsentscheidung sei aber noch nicht gefallen. Insofern können sich Interessenten noch an das Unternehmen wenden (www.wichernbau.de). Der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft mit dem Slogan „der Mensch im Mittelpunkt“ gehört das Parkdeck, unter Walters Leitung wird es gerade aufgestockt.

Nur das untere Parkdeck wurde noch genutzt

Wenn Walter über die Entstehungsgeschichte des Projekts berichtet, dann spürt man seine Freude und ein wenig auch sein Erstaunen darüber, wie gut und problemlos alles bislang gelaufen ist. „Wir hatten uns zuvor jahrelang mit der Frage befasst: Wie gehen wir mit diesem Betonklotz, diesem hässlichen Monstrum aus den 60er-Jahren, um, das kaum noch einer nutzt?“ Unbestritten habe eine Sanierung des Objekts angestanden. Gleichzeitig sei aber auch klar gewesen: Parkraum ist an dieser Stelle nicht mehr wirklich notwendig. „Nur das untere, geschützte Parkdeck wurde noch von den Anwohnern genutzt“, sagt Walter. Also stand die Frage an: Was tun? „Da habe ich einfach mal die Idee in den Raum geworfen, das Parkdeck zu bebauen“, sagt Walter. Damals habe er mit Kopfschütteln gerechnet, vor allem seitens der Behörden.

Doch die Idee kam an. In einer Stadt, in der alle Bezirke dazu verpflichtet sind, ihren Anteil an der Errichtung von preiswerten Wohnraum zu erbringen, entfaltete die Planung dort sofort ihren Charme. „Schnell hieß es, denkt doch statt einer Teil- eine komplette Bebauung des Parkdecks an“, erinnert sich Walter. Also wurde überlegt, wie sich dies umsetzen ließe. Die Lösung war schnell gefunden: Man entschied sich, die Häuser in Holzrahmenbau zu erstellen. Damit wurde die Konstruktion leichter. Das Parkdeck selbst erhielt einen Stahlgitterrost, der jetzt als Fundament für die fünf Einheiten dient.

Lieber weiter aufstocken...

„Natürlich mussten wir noch einige Hürden überwinden, zahlreiche Befreiungen bei der Behörde beantragen, bis alles genehmigt war“, sagt Walter. Aber im Grundsatz sei alles problemlos über die Bühne gegangen. Sein Fazit lautet daher: „Statt einer kostspieligen Reparatur des Parkdecks in sechsstelliger Höhe wurde eine sinnvolle zukunftsorientierte Investition getätigt. Und für die Stadt ist es ein kreatives Bauvorhaben im Bereich der Nachverdichtung.“

Eine Idee, die möglicherweise auch in anderen Bezirken Hamburgs ihren Charme entwickeln könnte? André Scharmanski von der Quantum Immobilien Kapitalverwaltungsgesellschaft ist skeptisch. „Chancen ergeben sich eher in der Aufstockung dieser Bauten als in ihrer generellen Umnutzung“, sagt der promovierte Anlageexperte. Ein von Quantum aufgelegter Parkhaus-Fonds für institutionelle Anleger zeige, dass diese eher daran interessiert seien, die Nutzung der Häuser unverändert zu lassen und Renditen ohne Gefahr von Konflikten einzufahren.

„Diese ergeben sich aber leicht, wenn man eine Mischnutzung plant“, sagt Scharmanski. Das zeige eine geplante Aufstockung einer Parkgarage mit Eigentumswohnungen in Köln. Hier habe der Investor große Probleme, das Projekt umzusetzen. Auch sei es nicht so, dass Flächen zum Abstellen von Autos in Städten weniger gefragt seien als früher. „Wir beobachten keine Abnahme des Parkdrucks“, sagt der Leiter der Researchabteilung der Hamburger Kapitalanlagegesellschaft.

Das Auto gehört der Vergangenheit an

„Im Gegenteil: Es sind neue Nutzergruppen auf den Markt gekommen wie Firmen, die Carsharing anbieten.“ Auch sei der Trend zurück in die Innenstädte ebenso zu beobachten wie Fahren bis ins hohe Alter hinein. Doch auch Scharmanski weiß, dass das Leitbild der autogerechten Stadt der Vergangenheit angehört. Ein Grund, weshalb er als Experte in dem jetzt vorgelegten Buch „Mehr als nur parken. Parkhäuser weiterdenken“ (Jovis-Verlag, 34,80 Euro) einen Ausblick gibt, ab wann Parkhäuser der 1960er- und der 1970er-Jahre sich einem Wandel stellen müssen.

Für Stadtplaner und Architekten ist dies in vielen Städten keine Frage mehr. Insbesondere dort, wo die Auslastung der Gebäude kaum mehr als 50 bis 60 Prozent beträgt, müssten sich Kommunen und Eigentümer die Frage beantworten: Wie umgehen mit diesem sperrigen Erbe? „Es wird eine wichtige Aufgabe in der Zukunft sein“, sagt Rolf Toyka, Leiter der Akademie der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen.

Diese hatte gemeinsam mit dem Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main zu einer Tagung eingeladen. Bewertet und diskutiert wurden dort die Entwürfe und Visionen von fünf Teams namhafter Architekten. Im Rahmen einer Werkstattwoche hatten diese Lösungsvorschläge gemacht, wie ein in den 60er-Jahren errichtetes Parkhaus in der Nähe der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil umgebaut werden könnte. Die Vorschläge reichen von Luxuswohnungen mit großen Balkonen und Blick auf den Taunus über einen edlen Autosalon und Freizeiteinrichtungen bis hin zu einem Gewächshaus und preiswertem Wohnen in vorfabrizierten Elementen.

Im Buch „Mehr als nur parken“ wird alles vorgestellt

Angesichts der Pläne ziehen die Auslober des Wettbewerbs – die Gastgeber der Tagung und die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte – das Fazit: Es gibt ein hohes Potenzial für Umnutzung, Umbau und Weiterentwicklung innerstädtischer Parkhäuser.

Damit sich davon Investoren und Interessierte überzeugen können, werden alle Entwürfe einschließlich informativer Analysen und Ausführungen zum Thema in dem besagten Buch „Mehr als nur parken“ vorgestellt.

Unabhängig davon gibt es bereits erfolgreiche Beispiele der Umwandlung: So wurde ein sechsstöckiges Parkhaus in Münster umgebaut. In dem Gebäude in der Stubengasse befinden sich jetzt ein Möbelhaus, ein Rad-Parkhaus sowie Büros und vor allem in den oberen Etagen zahlreiche Wohnungen. Unabhängig davon verwandelt sich so manches obere Parkdeck bereits im Sommer in einen Beachclub – auch in Hamburg nahe den Landungsbrücken.

Das Buch „Mehr als nur parken“ kostet 34,80 Euro, hat 160 Seiten mit circa 300 Abbildungen