Wohnen ohne Schadstoffe

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Anette Bethune

Gutes Raumklima können Bauherren und Sanierer vertraglich vereinbaren. Wie man Innenraumluft prüfen lassen kann und am besten vorsorgt

Allergien haben in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Laut aktuellem „Weißbuch Allergie in Deutschland“ leidet ungefähr jeder vierte Deutsche – also etwa 20 Millionen Menschen – an einer Allergie. Zwar sind die Auslöser dafür nicht immer eindeutig bestimmbar, Mediziner und Baubiologen gehen aber davon aus, dass Schadstoffe in der Umwelt zu den Ursachen zählen. Viele davon werden in Innenräumen vermutet.

Gesundes Raumklima gewinnt vor diesem Hintergrund an Bedeutung. Zumal die Öffentlichkeit aufgeschreckt ist von Berichten über Formaldehyd, giftige Holzschutzmittel sowie Lösemittel in Bodenbelägen und Pilzsporen. Sie alle stehen im Verdacht, Allergien oder Krebs auszulösen. Das geruchsarme Bindemittel Formaldehyd beispielsweise ist in vielen alten Pressspanplatten, Sperrholz, Fertigparkett und Möbeln enthalten, aggressive Holzschutzmittel insbesondere in Häusern mit hohem Holzanteil, erbaut in den 1960er- bis 1980er-Jahren. Bei ihnen besteht die Gefahr, dass sie die inzwischen verbotenen Wirkstoffe DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan), Lindan und PCP (Pentachlorphenol) enthalten.

Nach Angaben von Wilfried Schwampe, Laborleiter bei der TÜV Nord Umweltschutz GmbH & Co. KG, kann man mittlerweile „ganze Räume mit Literatur zum Sick-Building-Syndrom füllen“. Der Begriff heißt übersetzt „Krankes-Haus-Syndrom“. Er fällt immer dann, wenn Bewohner eines Gebäudes Krankheitssymptome zeigen, die offenbar mit dem Aufenthalt in einem Gebäude verbunden sind – dafür aber keine spezifischen Ursachen identifiziert werden können. Durch welche Symptome sich Substanzen bei Menschen bemerkbar machen können, hat das Umweltinstitut München auf seiner Webseite übersichtlich hinterlegt (www.umweltinstitut.org).

Mit einem Passivsammler kann die Luft im Raum überprüft werden

Wer sicher gehen will, sollte sich an Baubiologen wenden. Sie untersuchen das Raumklima auf chemische Schadstoffe („Wohngifte“), mikrobielle Belastungen („Schimmelpilze“) und auf Elektrosmog. Der TÜV Nord greift bei solchen Anfragen zunächst auf den sogenannten Passivsammler zurück. „Das ist ein Röhrchen, das wir versenden, 14 Tage in einem Raum aufgehängt wird und dann von uns auf Schadstoffe untersucht wird“, sagt Schwampe. Maßgabe dafür seien die vom Umweltbundesamt festgelegten Richtwerte für die Innenraumluft (www.umweltbundesamt.de). Der Test kostet um die 360 Euro, aufgespürt werden damit jedoch keine Schimmelsporen.

Wer vorausschauend handeln möchte, achtet bereits beim Kauf von Möbeln und Baumaterialien auf entsprechende Prüfsiegel. „Der Blaue Engel gehört beispielsweise dazu“, sagt Schwampe. Er weist Verbraucher auf umweltfreundliche Produkte hin.

Noch einen Schritt weiter geht das Sentinel Haus Institut in Freiburg. Die Initiative hat bereits vor vielen Jahren mit Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ein Verfahren entwickelt, mit dem Bauträger eine festgelegte Qualität der Innenraumluft ihren Kunden vertraglich zusichern können. „Je nach Gestaltung kann dies auch in schriftlicher Form als Beschaffenheitsvereinbarung nach BGB fixiert werden, sodass Baufamilien einen Rechtsanspruch darauf haben“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Peter Bachmann.

Betrachtet werde dabei immer das Haus als Ganzes. „Es wird nicht nur ein Baustoff bewertet, sondern der Aufbau des Trockenbau- und Anstrichsystems, des Fußbodens, der Fliesen und Dichtungsmittel – also die Handwerkerleistung inklusive aller ,kleinen‘ Bau- und Hilfsstoffe wie Silikone, Klebstoffe und andere Dinge“, erläutert Bachmann. Zuvor würden alle am Bau Beteiligten geschult, wie sie beim Arbeiten am besten vorgehen. „Sie erfahren beispielsweise, dass es wichtig ist, Baustoffe für den Innenraum zunächst draußen zu lagern und zu entlüften. Und dass im Haus grundsätzlich nicht geraucht und gekehrt, sondern nur gesaugt werden darf, um die Innenräume so wenig wie möglich zu belasten“, sagt Bachmann. Fliesenleger würden dazu angehalten, Arbeiten mit der Flexmaschine nur außerhalb des Rohbaus vorzunehmen.

Dass diese Vorgaben eingehalten werden, dafür muss der Bauleiter vor Ort sorgen. „Vier Wochen nach Fertigstellung des Gebäudes wird dann von einem Sachverständigen überprüft, ob das Haus auch wirklich schadstoffarm ist. Die Betonung liegt auf ,arm‘“, sagt Bachmann. Ein Bauen völlig frei von Schadstoffen könne nicht garantiert werden, da es zu viele Allergien auslösende Faktoren gebe. Ist die Raumluft nachweislich gut, wird dies durch einen Gesundheitspass zertifiziert.

In Himmelpforten (bei Stade, Niedersachsen) hat sich die Firma Mittelstädt Baugeschäft GmbH dazu entschlossen, ein Musterhaus in Zusammenarbeit mit dem Sentinel Haus Institut zu bauen. Es kann ab dem 22. September vor Ort besichtigt werden. Dazu Mike Mittelstädt, einer der beiden Geschäftsführer: „Wir merken an den Anfragen unserer Kunden, dass schadstoffarmes Bauen immer mehr zum Thema wird.“ Viele hätten Allergien und wollten sichergehen, dass dies bei der Errichtung des Hauses berücksichtigt werde. „Unser Musterhaus soll zeigen, dass dieses Kriterium erbracht werden kann, ohne dass der Bau zu teuer wird.“ Dass im eigenen Hauspark errichtete Gebäude biete 134 m2 Wohnfläche und koste circa 200.000 Euro, ergänzt der Bauträger, der künftig das Kriterium „schadstoffarm“ neben dem der „Energieeffizienz“ zu einem Alleinstellungsmerkmal für seine Häuser machen wird. „Es liegt auf der Hand: Je dichter die Gebäude werden, umso weniger belastet sollten sie sein.“

Peter Bachmann freut sich über die Zusammenarbeit, gehört Mittelstädt doch mit 80 bis 100 Häusern im Jahr zu einem der größeren mittelständischen Unternehmen in Norddeutschland. Dass die Bausumme sich nur unwesentlich um etwa zwei Prozent erhöht, erklärt er damit, dass bei ohnehin qualitätsvollen Bauten frühzeitig entsprechende Materialien und Arbeitsabläufe eingeplant werden.

Eine alte Reetdachkate erhielt im Zuge der Sanierung luftreinigende Platten

Dass Wohngesundheit auch bei der Sanierung ältester Häuser einziehen kann, zeigt eine wiederaufgebaute Kate im Ortsteil Meilsdorf von Siek (Kreis Stormarn). Wer das reetgedeckte Haus mit dem schön hergerichteten Fachwerk und der bis in den Dachfirst hochragenden verglasten Nordfassade sieht, glaubt nicht, dass es 2009 bei einem Sturm eigentlich zerstört worden war. Stein für Stein, Balken für Balken haben die Geschwister Susanne und Martin Gehrmann das Haus wieder errichten lassen. Zunächst geschützt in einer Halle, dann vor Ort in Meilsdorf.

Bei der Renovierung legten die Geschwister – ihre Familie handelt mit dem Baustoff Holz – großen Wert auf Wohngesundheit. „Wir wollten das Haus im Passivhausstandard errichten, daher war klar, dass nur Baustoffe zum Einsatz kommen durften, die keine Schadstoffe enthalten“, sagt Susanne Gehrmann. „Für den Ausbau des Hauses wurden beispielsweise daher auch luftreinigende Fermacell-Platten verwendet“, sagt die Diplom-Holzwirtin. Sie ist beim Sentinel Haus Institut Mitglied im Technikrat und Ansprechpartnerin für Emissionen aus Holz.

Ein Infostand „Beratung rund um das gesunde Bauen“ ist auf der Nordbau in Halle 8, Stand 325 zu finden. Die Bau-Messe findet vom 12. bis 17. September in Neumünster statt ( www.nordbau.de ).

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